Sportlich überzeugt Hertha BSC noch nicht. Das liegt auch am Ausfallpech. Dafür konnte der Verein aber auf operativer Ebene eine Lücke schließen.
Schon in der Woche vor dem „Freundschaftsspiel“ zwischen Hertha BSC und dem Karlsruher SC am vergangenen Sonntag – beide Fanlager sind sich bekanntlich seit Jahrzehnten verbunden – hatten sich Berlins Medien ein wenig im „Jugendwahn“ gezeigt. Denn nachdem es zwei weitere, verletzungsbedingte Ausfälle für die Partie zu verzeichnen gab, wurden gleich zwei Youngster als Ersatz ins Spiel gebracht: Boris Mamuzah Lum, 17 Jahre alt, der in der vergangenen Spielzeit mit dem ersten seiner drei Einsätze zu Herthas jüngstem Fußballer in einem Pflichtspiel avancierte, sowie Kennet Eichhorn, der mit seinen gerade 16 Lenzen im Fall eines Debüts der Nachfolger Lums auf dem erwähnten „Thron“ geworden wäre.
In der Tat sind die beiden Talente aktuell wohl die heißesten Kandidaten aus dem Nachwuchs, um bei den Profis groß rauszukommen – und mit Diego Demme (Schwindel) und Michal Karbownik (Sprunggelenksverletzung) fielen eben zwei Mittelfeldspieler aus, wie es auch Lum und Eichhorn sind. Der ältere der beiden wurde dann aber doch für die U23 von Hertha BSC in der Regionalliga Nordost nominiert, während Eichhorn mit seiner Einwechslung gut 20 Minuten vor Schluss tatsächlich dem torlosen Duell der beiden Klubs doch noch eine historische Note verlieh, die man der Partie rein sportlich nicht zusprechen konnte. „Es macht Freude, den Jungen auf dem Platz zu sehen – und er hat‘s nicht geschenkt bekommen, sondern hatte eine richtig gute Trainingswoche“, unterstrich Sportdirektor Benjamin Weber später in Zusammenhang mit der Einwechslung des Novizen.
Die Mannschaft von Stefan Leitl hatte dabei über die 90 Minuten sogar weniger Torchancen als der Gast aus Baden – die beste produzierte noch Maurice Krattenmacher, als er nach gut 20 Minuten nur die Querlatte traf. Ansonsten hatten die Berliner nur zu Beginn der zweiten Halbzeit Vorteile durch eine Druckphase, die jedoch nur eine nennenswerte Gelegenheit durch Michael Cuisance ergab und dann auch schon bald wieder vorüber war. „Die Partie war sehr offen auf beiden Seiten – in Summe können wir glücklich mit dem Punkt sein und müssen uns damit zufriedengeben“, fiel die Bilanz des Hertha-Trainers entsprechend verhalten aus.
Als Fanal für die Überwindung der Heimschwäche aus der Vorsaison taugte das Spiel dabei ebenfalls nicht – mit nur vier Siegen im Olympiastadion war Hertha BSC das schlechteste Heimteam der 2. Liga 2024/25. Vor dem nächsten Punktspiel in Darmstadt am 24. August haben die Hauptstädter nun dabei noch eine unangenehme Aufgabe im DFB-Pokal zu erledigen. Erst am kommenden Montag bestreitet Hertha BSC seinen Auftakt im K.-o.-Wettbewerb bei Preußen Münster – der Ligakonkurrent hatte vergangene Saison so knapp die Klasse gehalten, dass er im nationalen Pokal noch in den Lostopf der „Amateure“ wanderte. Ein maximal schwerer Gegner also gleich zu Beginn, wie es ihn für die Berliner in den letzten Jahren des Öfteren in diesem Wettbewerb gab – dazu verlor man beide Punktspiele der vergangenen Saison gegen den SCP. Ein frühes Scheitern im DFB-Pokal könnte die Gereiztheit in Verein und Umfeld so jedenfalls schon zum frühestmöglichen Zeitpunkt auf einen ersten Höhepunkt treiben.
Teamplayer und keine „Einzelherrschaft“
Für Entlastung haben die Verantwortlichen hingegen beim Thema der Neubesetzung des vakanten Platzes in der Geschäftsführung sorgen können: Dr. Peter Görlich wird der zweite Mann neben Finanzvorstand Ralf Huschen in der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA. Der 58-Jährige ist dabei nicht der „große Name“ aus dem Fußballgeschäft wie die zuvor gehandelten Ralf Rangnick oder Oliver Kahn, selbst nicht wie die mit Meriten als sportliche Leiter aufwartenden Samir Arabi, Rachid Azzouzi oder Jonas Boldt. Dennoch scheint die Wahl, die mithilfe einer Personalagentur zustande kam, eine gute Lösung zu sein: Denn Görlich bringt als Inhaber der Trainer-A-Lizenz eine gewünschte Fachkenntnis mit, die seinem Vorgänger Thomas Herrich bekanntlich nicht zu eigen war. Vor allem ist er jedoch ein Mann, der Strukturen auf- und ausbauen sowie verbessern soll – dies tat er bislang vor allem im Gesundheitswesen, ehe er ab 2015 bei der TSG Hoffenheim als Geschäftsführer (Aufgabenfelder: „Sport, Strategie, Innovation, Kommunikation, Marketing und Sponsoring“) für die Einführung wegweisender moderner Ansätze „in Sachen Nachhaltigkeit, effizienten Strukturen und sportwissenschaftlichem Arbeiten“ (rbb24.de) verantwortlich war. Dabei gilt er als Teamplayer und ist kein „Einzelherrscher“ wie einst Fredi Bobic– was den Verantwortlichen im Hinblick auf die Einhaltung des „Berliner Wegs“ wohl besonders wichtig war.
Damit ist zumindest Ruhe bei Hertha BSC eingekehrt um ein Thema, das zwischenzeitlich gewisse mediale Wellen schlug und Präsident Fabian Drescher des Öfteren sagen ließ: „Wir lassen uns bei der Entscheidung nicht treiben.“ Dass zuletzt schon vor der Bekanntgabe der Personalie Görlich vergangene Woche Ruhe eingekehrt war, lag dabei an der Einigkeit von Aufsichtsrat und Präsidium bezüglich des Kandidaten – der aber noch aus einem erst zum 1. Juli angetretenen Arbeitsverhältnis als zweiter Geschäftsführer der SRH University gelöst werden musste. „Der Berliner Weg ist unsere Vorgabe, ich sehe es als meine Aufgabe, diesen nun gemeinsam mit Ralf Huschen (Geschäftsführer Finanzen, die Red.) zukunftsfähig auszubauen und mit Leben zu füllen“, sprach Görlich dann in seinem Statement zur Einigung mit Hertha BSC, wo er die Stelle ab 1. September offiziell antritt.
Präsident Drescher verspricht sich vom neuen Mann in der Geschäftsführung, dass „wir die Möglichkeit haben, eine Struktur zu entwickeln, die nachhaltig und vorausschauend ist, so dass Hertha BSC mal auf Strecke planen kann und nicht nur auf Sicht.“ Einen möglichen Haken an der Personalie hatten findige Medienvertreter aber doch schnell ausgemacht: Die einst in Hoffenheim klar bezogene Position Görlichs gegen die Verbindungen der TSG zu Spielerberater Roger Wittmann soll 2021 einer der Gründe für die Trennung gewesen sein. Doch auch bei Hertha BSC sollen laut transfermarkt.de aktuell fünf Profis von Wittmanns Agentur Rogon betreut werden – der prominenteste von ihnen: Kapitän, Hoffnungsträger und Aushängeschild Fabian Reese.