Nachdem er Bayer Leverkusen zum Double-Sieger geformt hat, übernahm Xabi Alonso mit 43 gleich Real Madrid, den größten Club der Welt. Dort will und muss er vieles verändern. Eine heikle Mission. Doch er traut sie sich zu.
Er war noch keine zwei Jahre Erstliga-Trainer, da war Xabi Alonso schon der begehrteste Fußballlehrer Europas. Im Frühjahr 2024 hatte er sein Werk mit der Ersten deutschen Meisterschaft von Bayer Leverkusen – ohne Niederlage und mit dem Pokalsieg und dem Europa-League-Finale als Zugabe – noch nicht vollendet, da warben mit dem FC Liverpool, dem FC Bayern München und Real Madrid schon drei der größten Clubs Europas um ihn. Die Bayern und Liverpool brauchten im vergangenen Sommer neue Trainer und rechneten sich gute Chancen aus, weil Xabi einst bei ihnen im Mittelfeld die Fäden gezogen hatte und beiden Clubs noch eng verbunden ist. In und um Leverkusen wussten aber alle schnell: Wenn Xabi Leverkusen verlassen wird, dann nur für Real. Und sie wussten auch: Xabi wird genau so lange in Leverkusen bleiben, bis die Königlichen in Madrid einen neuen Trainer brauchen werden. Den Bayern und Liverpool sagte er folgerichtig im Sommer 2024 ab, Vincent Kompany und Arne Slot bekamen die Jobs. Und Xabi blieb in Leverkusen, weil Carlo Ancelotti entgegen vorheriger Gerüchte doch bei Real blieb. Als es dann im vergangenen Jahr hieß, der italienische Maestro werde gar bis 2026 bleiben, durften sie in Leverkusen auf ein weiteres Jahr mit ihrem Meistertrainer hoffen. Doch dann musste Ancelotti nach einer Saison ohne Titel gehen, und für Xabi war sofort klar, dass er diese Chance nutzen will.
Ein Abschied mit Ansage
Auf den ersten Blick überraschte dieses klare Bekenntnis zu Real in diesem Stadium von Alonsos Karriere. Denn auch unter diesen drei hektischen Groclubs war Real eindeutig der größte und der hektischste. Der größte Club der Welt. Ein ganz heißes Pflaster. Und eigentlich eine Aufgabe, die man erst mit der Erfahrung vieler Jahre annimmt – zumal danach eigentlich nichts mehr Größeres kommen kann.
Als Spieler hatte Alonso schon alles gewonnen, was man gewinnen kann. Er war mit Spanien Weltmeister und zweimal Europameister, gewann mit Madrid und Liverpool die Champions League. Doch dem Basken war bewusst, dass diese Erfolge als Trainer wenig zählen würden. Dass ihm die unglaubliche Erfahrung unter Mentoren wie Pep Guardiola, José Mourinho oder Ancelotti helfen würde – aber dass er irgendwie doch einen neuen Beruf erlernen würde. Und deshalb auch seine zweite Karriere mit Bedacht angehen musste. Er trainierte erst die U14 von Real Madrid, dann drei Jahre die Zweite Mannschaft von Real Sociedad San Sebastián, seinem Heimatclub. Im Sommer 2021 sagte er Borussia Mönchengladbach ab, weil er sich noch nicht reif genug fühlte für eine der Top-5-Ligen. „Ich muss noch etwas wachsen, mich verbessern, um ein guter Trainer zu werden“, sagte er.
Was Xabi anfasste, gelang
Im Oktober 2022 landete er dann doch in der Bundesliga, eben in Leverkusen. Sein Name elektrisierte dort direkt alle. Doch es gab auch Skeptiker. Schließlich kam Alonso in einer schwierigen Situation: Leverkusen war nach einem eklatanten Fehlstart Vorletzter in der Bundesliga – und Alonso eben noch ein recht unerfahrener Trainer. Die ersten vier Monate, das vergisst man heute leicht, waren dann auch sehr beschwerlich. Bei manchem waren die Zweifel in diesem Zeitraum eher gewachsen. Doch dann startete Alonso durch. Er führte Leverkusen noch in die Europa League und erreichte dort im laufenden Wettbewerb das Halbfinale. Und vor allem: Er löste im Werksclub eine nie gekannte Euphorie aus. Hatte Leverkusen noch wenige Jahre zuvor in der Europa League manchmal in einer halbvollen BayArena gespielt, so gingen die Tickets nun plötzlich weg wie bei etablierten Großclubs. Und die Stimmung im Stadion war plötzlich eine ganz andere, wie sich erstmals beim Europacup-Halbfinale 2023 gegen die AS Rom spüren ließ. Gleichzeitig nutzte Sportchef Simon Rolfes mit seinem Team den Fehlstart, um mit einem guten Scouting-Team, einer genauen Fehleranalyse und Alonso als Impulsgeber und Zugpferd die Schwachstellen des Teams durch frühzeitige Transfers punktgenau zu beheben. Das funktionierte prächtig, und so eilten Leverkusen und Alonso in der Saison 2023/24 von Sieg zu Sieg und holten am Ende inklusive des Supercups drei Titel – mehr als zuvor in der gesamten Vereinsgeschichte zusammen.
Und was Xabi anfasste, gelang. Er war unter Fans und Spielern extrem beliebt. Die Profis hingen an seinen Lippen und folgten ihm blind. Wann immer jemand es wagte, eine Maßnahme Alonsos vor dem Spiel zu hinterfragen, wurde eines Besseren belehrt. So erinnern sich in Leverkusen noch alle daran, wie sie sich als Tabellenführer im Winter sorgten, dass die einmalige Chance auf den Titel in Gefahr gerät, wenn im Februar fünf Profis beim Afrika-Cup sind. Und was tat Alonso? Er verzichtete im letzten Spiel des Jahres 2023 freiwillig auf alle Afrikaner. Das furiose 4:0 gegen Bochum zeigte: Es wird auch ohne sie gehen. Und es ging.
Im Schlussspurt der immer noch ordentlichen nächsten Saison ging Alonso diese Treffsicherheit etwas verloren. Auch gelang es ihm – wie am Beispiel des ihn zuletzt auch unverhohlen kritisierenden Jonas Hofmann – nicht mehr so zielsicher, selten eingesetzte Spieler mitzunehmen. Dennoch war die Ankündigung seines Abgangs für alle Leverkusener ein Schlag. Auch wenn sie wussten, dass dieser Tag in sehr absehbarer Zeit kommen würde.
Doch um den Kreis zu schließen: Es überrascht auf den ersten Blick schon, dass ein Trainer, der sich 2021 für zu unreif hielt für die Bundesliga, vier Jahre später und nach nur zweieinhalb Jahren Erstklassigkeit als Trainer gleich zu Real geht und die ultimative Herausforderung annimmt. Es lässt sich so erklären, dass Alonso sich einfach reif fühlte. Er hört genau in sich hinein, ist demütig, ein überbordend fleißiger Arbeiter, aber sich selbst auch seiner Klasse bewusst. Und er war sich sicher: Er braucht keinen Zwischenschritt mehr. Er war reif für Real.
Trotzdem – und obwohl er auch schon fünf Jahre für die Königlichen gespielt hat – wird Alonso schnell gemerkt haben, worauf er sich da einlässt.
Nach seinem allerersten Spiel als Real-Coach, einem zugegeben mäßigen 1:1 gegen Al-Hilal bei der Klub-WM, schlugen ihm Schlagzeilen entgegen, als sei das Projekt schon gescheitert. „Das erste neue Real Madrid war praktisch dasselbe wie zuvor“, schrieb „La Razón“. Und die „Marca“ prophezeite: „Der Weg zum Erfolg ist lang und steinig. Das Team benötigt mehr Trainingseinheiten und möglicherweise neue Spieler, um die Vision des Trainers Wirklichkeit werden zu lassen. Das Team muss erst vergessen, was es unter Carlo Ancelotti gelernt hat.“ Am Ende der Klub-WM gab es beim 0:4 im Halbfinale gegen Paris Saint-Germain ein böses Erwachen.
Viele divenhafte Stars bei Real
Sky-Experte Dietmar Hamann, einst Mitspieler Alonsos in Liverpool, prophezeite gar: „Xabi Alonso riskiert seinen Ruf, wenn er diesen Sommer zu Real Madrid wechselt.“ Diese Befürchtung hege er aber nicht wegen mangelnden Vertrauens in Alonsos Klasse, sondern wegen der divenhaften Stars. „Mit Rodrygo, Vinícius jr. und auch Kylian Mbappé hast du dort drei Spieler, die alle im Rampenlicht stehen wollen“, sagte Hamann. „Mbappé könnte vielleicht sogar einer zu viel sein.“
Und in der Tat: Rodrygo, mit einem Marktwert von 90 Millionen Euro taxiert und brasilianischer Nationalspieler, sah die Schuld für seine desaströse letzte Saison nicht bei sich selbst. Von Januar bis zum Saisonende im Mai war er ohne jedes Ligator geblieben. Das müsse an der Position liegen, war für ihn klar. Also soll er laut Medienberichten Alonso gleich zu Beginn klargemacht haben, dass er künftig links statt rechts offensiv aufgestellt werden müsse. Doch dort spielt Vinicius jr., der zwar auch eine schwache zweite Saisonhälfte ablieferte, aber insgesamt eine viel bessere Bilanz aufwies. Rodrygo war von da an bei Alonso unten durch. Bei der Klub-WM stand er nur gegen Al-Hilal in der Startelf. Danach wurde er in fünf Spielen nur noch zweimal für insgesamt 27 Minuten eingewechselt. Doch im sensiblen Arda Güler, der durchzustarten scheint, oder in Stürmer Gonzalo García gibt es auch schon erste Alonso-Gewinner. Der 21 Jahre alte Stürmer García war unter Ancelotti nur in den letzten drei Spielen eingewechselt worden und wurde nun mit vier Treffern einer der Torschützenkönige der Klub-WM.
Klar ist jetzt schon: Alonso will Real Madrid nicht verwalten. Er will (und muss) sein eigenes Team aufbauen, seine eigene Ära begründen. Das ist eine Mammutaufgabe. Doch zutrauen tut er sich das. Und das tun auch die allermeisten, die ihn kennen.