Eswatini im Süden Afrikas ist die letzte absolute Monarchie des Kontinents. Aufgeschlossene Einheimische, traditionelles Kunsthandwerk, wildschöne Safari-Parks: Das kleine Land ist überraschend vielfältig. Und wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, erlebt den Herrscher und viele Zehntausend Tänzerinnen beim grandiosen Umhlanga-Ritual.
Was für ein Spektakel! Als sich der Vorhang der Nacht über das Ludzidzini Royal Village gesenkt hat, am siebten und letzten Abend des Schilfrohrtanzes, kommt der Höhepunkt des Umhlanga-Rituals. Seine Majestät Mswati III. tritt auf, mit goldener Kampfaxt und um die Hüfte gewickelten Leopardenfellen, den freien Oberkörper geschmückt mit glitzerndem Diamantencollier, Perlenketten und bunten Bommeln. Samt Bodyguards und Entourage trifft er im Laufschritt sein Volk. Dort herrscht Ekstase pur: Jedes Mal, wenn der König sich verbeugt, gehen Gruppen von Mädchen und jungen Frauen kreischend vor ihm in die Knie.
Die Zeitung „Eswatini Observer“ jubelt über 100.000 Teilnehmerinnen, angereist aus allen Teilen des Landes. Das klingt nach übertriebener Hofberichterstattung, doch Fakt ist: Es sind so viele, dass man sie kaum zählen kann. Tagelang haben sie nahe der royalen Residenz gecampt, um der Königinmutter zu huldigen. Bekannt ist sie als Ndlovukati, was man (voller Respekt!) mit Elefantenkuh übersetzen kann: Wie in der Natur eine erfahrene Matriarchin über eine Herde von Dickhäutern wacht, gilt die Königinmutter als spirituelle Führerin des Landes.
Ihre Rolle wird nun gewürdigt: Erst mit dem Schneiden von langen Halmen von Schilfrohr, die traditionell als Windschutz für die Residenz verwendet werden. Anschließend folgt eine scheinbar nicht enden wollende Parade mit Tänzen und Gesängen. Dass die „maidens“ dabei barbusig auftreten, macht sie in den Augen der Einheimischen nicht zu Objekten der Begierde: Der Anlass ist schließlich, die Keuschheit der Mädchen zu zelebrieren. Wer teilnimmt, muss kinderlos und unverheiratet sein, so gebietet es die Tradition. Offiziell treffen sich also nur Jungfrauen, auch wenn das heute bei den Älteren eher ein Mythos ist. Wenn man also interessiert-verwundert nachfragt, wie das Spektakel eigentlich noch zur Lebensrealität des 21. Jahrhunderts passt, sagen die Teilnehmerinnen unisono: „Wir sind einfach stolz auf unsere Kultur!“
Sawubona! Willkommen in Eswatini, einem Winzstaat mit knapp 1,2 Millionen Einwohnern, kaum größer als Schleswig-Holstein oder Thüringen, umschlungen von den bekannten Reiseländern Südafrika und Mosambik. Der Indische Ozean liegt zwar nur einen Steinwurf entfernt, aber jenseits der Grenzen. Dafür bietet das ehemalige britische Protektorat Swasiland ein Meer an sanften Hügeln. Im Tiefland liegen außerdem riesige Zuckerrohrplantagen, im Hochland ist die Bergwelt ein Tipp sowohl für entspannte Spaziergänge als auch mehrtägige Wandertouren.
Nur knapp 1,2 Millionen Einwohner
Wer anschließend einen Bärenhunger hat, bestellt zum Maisbrei entweder einen Berg Rindfleisch oder wählt Tinshivaletingenatotimphondvo: „Hornloser Bulle“ lautet der Zungenbrecher-Spitzname für eine normale Portion von Bratwurst und Grillhuhn. Alternativ lohnt ein Besuch bei Dolores Godeffroy. Die Grande Dame der Kochkunst, inzwischen Mitte 80, setzt in ihrem winzigen Restaurant „Edladleni“ auf fast vergessene Zutaten und ist auch sonst eine Revoluzzerin, die mit pointierten Kommentaren zu Gesellschaft und Politik nicht hinterm Berg hält. Doch Moment mal: Godeffroy – warum trägt sie diesen ungewöhnlichen Nachnamen? Ihr Vater war deutscher Farmer in Südafrika, hatte dort eine Frau vom Volk der Zulu geheiratet und war zur Zeit der Apartheid ins etwas liberalere Swasiland umgesiedelt. Heute ist Südafrika eine funktionierende Demokratie mit kritischen Medien und unabhängigen Gerichten.
Eswatini dagegen ist das letzte Land des Kontinents, in dem ein absolutistischer „Sonnenkönig“ regiert, der die Macht über Militär, Parlament und Regierung vereint. König Mswati III. hat bei der jüngsten Umhlanga-Zeremonie seine 16. offizielle Frau vorgestellt, eine Tochter von Südafrikas Ex-Präsident Jacob Zuma. Polygamie wird hier akzeptiert: Der bis 1982 regierende König Sobhuza II. brachte es auf geschätzt 70 Frauen, über 500 Kinder und unzählige Enkel. Deswegen tragen beim Umhlanga-Ritual auch ganze Regimenter die roten Vogelfedern des Glanzhaubenturakos im Haar: So schmücken dürfen sich nur Teilnehmerinnen, die zur Königsfamilie zählen.
Souvenirs von echten Künstlern
Kritik am opulenten Lebensstil der Royals – Paläste, Personal und teure Gadgets, ein Airbus A340 als Privatjet, der Fuhrpark mit BMW, Mercedes-Maybach und Rolls-Royce – hört man, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand. Wer sich für Reformen und Menschenrechte einsetzt, bekommt nämlich schnell Probleme. Auch wenn die Unzufriedenheit schon zu Protesten geführt hat: Trotz Armut und Arbeitslosigkeit bleiben viele Swazis dem Königshaus bislang noch verbunden. Das erlebt nicht nur, wer während wichtiger Zeremonien durchs Land reist und das Spektakel des Schilfrohrtanzes bestaunt (was den Dresscode angeht: Eine gute Figur macht man im typischen Lihiya-Wickelrock). Im Mantenga Cultural Village stehen wie einst im 19. Jahrhundert noch Hütten in Bienenkorbform: eine zum Bierbrauen, eine zum Kochen, eine zum Schlafen – pro Gattin, wohlgemerkt. Wie der Alltag mit mehreren Frauen heute organisiert wird, erfährt man als Gast des Shewula Camps. Lindiwe Sifundza ist die Tochter des Chiefs, erklärt das Dorfleben und organisiert auch einen Termin beim Sangoma-Heiler. Der wirft die Knochen und erklärt, dass die Vorfahren ihre schützende Hand über unsere Reise halten.
Also los: Wo wartet das Abenteuer? Das kleine Eswatini hat einen echten Superlativ zu bieten: Der Sibebe Rock gilt als der zweitgrößte Monolith weltweit, getoppt nur von Australiens Uluru (doch der darf nicht mehr erklettert werden). 300 Höhenmeter Fels gilt es zu bezwingen, drei Routen stehen zur Auswahl. Die sind „hart, richtig hart, verdammt hart“, grinst Darron Raw vom Anbieter Swazi Trails. Doch mit Geduld und handfester Unterstützung bringt der sympathische Guide alle seine Gäste nach oben. Dort gibt es das passende Gipfelbier: Der lokale Gerstensaft heißt nämlich auch Sibebe.
Um die Hauptstadt Mbabane und das wirtschaftliche Zentrum Manzini kann man getrost einen Bogen machen, ohne etwas zu verpassen. Doch sonst breitet sich in den Hügeln von Eswatini oft ein ländliches Afrika aus, in dem viele Hütten noch rund sind statt eckig und mit Gras statt Wellblech gedeckt. Unterwegs gibt es an vielen Ecken Shops, in denen echte Künstler arbeiten. Es lohnt sich also, im Gepäck Platz für Souvenirs zu lassen, ob es nun Kerzen in Tierform sind oder Skulpturen aus Altglas, ob Schals aus Mohairwolle oder Körbe aus Raffiafaser. Die niedrige Kriminalitätsrate und die Gastfreundschaft der Swazis machen es möglich, mit lokalen Sammeltaxen durchs Land zu reisen.
Bequemer ist es aber im Mietwagen: Damit geht es ohne Zeitverlust in die Safari-Gebiete. Die können sich zwar nicht mit Südafrikas riesigem Kruger-Park messen. Doch auch hier leben im Busch die „Big Five“, wobei es für eine Leoparden-Sichtung viel Glück braucht. Einer anderen bedrohten Art kommt man in Eswatini dagegen mit Garantie ganz nahe. Fürs Rhino-Tracking ist der Winzstaat ein ideales Ziel: Derart nahe kommt man den Panzertieren anderswo nicht.
hier so nah wie sonst nirgends - Foto: Helge Bendl
Gemütlich ausschlafen? Ein andermal. Weil die Wanderung im Hlane Royal National Park in aller Herrgottsfrühe startet, muss es nach dem Aufwachen schnell gehen. Also erst die Petroleumlampe anzünden – die urigen Rondavels, in denen man hier übernachtet, haben keinen Strom. Dann in die bereitgelegten Klamotten schlüpfen. Schließlich die Fotoausrüstung schnappen. Los geht’s!
Dichter Nebel liegt über der Landschaft: Ungeübte sehen keine zehn Meter weit. Doch Guide Johannes Matsenjwa kennt aus seinen Jahren als Ranger der Anti-Wilderer-Einheit nicht nur jeden Fahrweg im Park, sondern anscheinend auch alle Wildwechsel. So marschieren wir auf schmalen Tierpfaden durchs Unterholz, verhalten uns möglichst mucksmäuschenstill und gehen brav im Gänsemarsch.
Ab und an stoppt Johannes seine Gruppe, um dem Vogelkonzert in den Baumkronen zu lauschen und die Losung der Antilopen zu identifizieren. Bis er signalisiert: Dort vorne ist etwas! Wir halten inne, rühren uns nicht von der Stelle, warten. Zwei Breitmaulnashörner stapfen vorbei, eine Mutter und ihr Kalb – in aller Seelenruhe.