Obwohl ihn die hiesige Literaturkritik zeitlebens schnöde übergangen hatte, zählte Michael Ende mit 35 Millionen verkauften Büchern und dem Megaseller „Die unendliche Geschichte“ zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern der Nachkriegszeit. Vor 30 Jahren starb der Erfolgsautor.
50 Sprachen übersetzt - Foto: picture alliance/dpa
Eigentlich hatte er sich beruflich vorgenommen, ein bekannter Theaterautor zu werden. Nach seinem Dafürhalten gab es in den Nachkriegsjahren einen großen Bedarf an neuen Themenstoffen für die Bühne, zumal das Publikum damals in Scharen die Theaterhäuser aufsuchte. Doch Michael Endes frühe Stücke wie die Komödie „Sultan hoch zwei“, die er selbst im Rückblick als „allzu pathetisch und schrecklich gedankenbeladen“ einstufte, wollte niemand aufführen. Und seine Tragikomödie „Der Spielverderber“, in die er nach jahrelangem Tüfteln große Hoffnungen gesetzt hatte, wurde 1967 zu einem Premieren-Desaster an den Frankfurter Städtischen Bühnen – und von der Presse verrissen.
Dennoch feierte Ende später auch große Bühnenerfolge, vor allem in der Sparte des Musiktheaters. Dabei arbeitete er meist mit dem Komponisten Wilfried Hiller zusammen und brachte grandiose Schöpfungen wie 1981 die Kinderoper „Tranquilla Trampeltreu, die beharrliche Schildkröte“, die Oper „Der Goggolori. Eine bairische Mär mit Musik“ im Jahr 1985 oder 1991 das Singspiel „Das Traumfresserchen“ hervor. „Der Goggolori ist große Oper“, urteilte etwa der Bayerische Rundfunk, bei dem Michael Ende von 1954 bis 1962 als Filmkritiker tätig gewesen war. Zudem gilt das Stück heute als eine der meistgespielten deutschsprachigen Opern nach dem Zweiten Weltkrieg.
Allerdings verdankt der vor 30 Jahren verstorbene Michael Ende seinen weltweiten Ruhm vor allem seinem belletristischen Schaffen. Mit 35 Millionen verkauften und in mehr als 50 Sprachen übersetzten Büchern zählt er zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern der Nachkriegszeit. Seine Werke „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von 1960, der Nachfolger „Jim Knopf und die Wilde 13“ von 1962 sowie „Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeitdieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“ von 1973 und sein mit zehn Millionen verkauften Exemplaren absoluter Megaseller „Die unendliche Geschichte“ aus dem Jahr 1979 sind heute zu absoluten Klassikern aufgestiegen. „Die unendliche Geschichte“ behauptete sich 113 (!) Wochen lang an der Spitze der „Spiegel“-Bestsellerliste und war damals der größte deutsche Romanerfolg seit Jahrzehnten. Die renommierte Pariser Zeitung „Le Monde“ befand, das Epos sei „ganz zweifelsfrei einer der erstaunlichsten Romane, die in Deutschland, ja in Europa seit dem Krieg erschienen sind“.
Versteckter Seitenhieb für Literaturkritiker
Eine auch nur annähernd vergleichbare Huldigung konnte dieses Werk – wie auch die anderen Bücher Michael Endes – in deutschen Feuilletons so gut wie niemals auf sich ziehen. Die löbliche Ausnahme blieb 1984 der „Spiegel“: „Der unendliche Erfolg der ‚Unendlichen Geschichte‘ ist ein Phänomen, das das Literarische weit überschreitet; für Tausende wurde die Lektüre zum Erweckungserlebnis. In Michael Ende hat die deutsch-romantische Seele endlich wieder, was von den großen deutschen Nachkriegsautoren ums Verrecken keiner sein wollte: einen Dichter, Seher, Helfer, Wegweiser, Sinngeber.“ Kein Wunder daher, dass viele Friedensaktivisten Ende verehrt und daher „Momo“ oder die „Unendliche Geschichte“ wie vormals die Mao-Bibel bei ihren Demonstrationen mitgeführt hätten.
Die sonstige hiesige Literaturkritik ließ Michael Ende zeitlebens schnöde links liegen, Besprechungen wurden allenfalls auf den Kinder- und Jugendbuch-Seiten veröffentlicht. Der damalige deutsche Bücherpapst Marcel Reich-Ranicki hatte mit Formulierungen wie „Zum Phänomen Ende äußere ich mich nicht“ oder „Das Werk Michael Endes ist mir unbekannt“ fraglos viel zur Ausgrenzung des Schriftstellers aus der ernsthaften Erwachsenen-Literatur beigetragen. Die in hiesigen Feuilletons übliche Geringschätzung von Kinder- und Jugendbuch-Autoren wie auch die künstliche Trennlinie im Literaturbetrieb zwischen realitätsnahen Geschichten und Fantasy-Stories hatte Michael Ende derart gewurmt, dass er in seinem letzten vollendeten Roman „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ aus dem Jahr 1989 eine persönliche Abrechnung mit dem namentlich allerdings nicht direkt genannten Reich-Ranicki eingebaut hatte. Aber allen Eingeweihten war natürlich klar, wen er mit dem „Büchernörgele, im Volksmund auch Klugscheißerchen oder Korinthenkackerli“ meinte.
Michael Ende hatte sich nie der ihm zugewiesenen Schublade zugehörig gefühlt. „Im Grunde schreibe ich überhaupt nicht für Kinder“ – eher schon für das Kind im Menschen. „Ende hat sich nie als literarischer Pädagoge verstanden, er wollte nur gute Geschichten schreiben“, beschrieb ihn sein langjähriger Wegbegleiter und Literaturagent Roman Hocke.
Zudem hatte sich die hiesige Literaturkritik laut dem Germanisten Hans-Heino Ewers von der Frankfurter Goethe-Universität lange Zeit mit allem, was dem Bereich Fantastik und Fantasy zugerechnet werden konnte, sehr schwergetan. Zu Endes Glanzzeiten hatte die Fantasy-Welle den Buchmarkt noch nicht geflutet. Tolkiens „Herr der Ringe“ war noch so etwas wie ein Geheimtipp gewesen, Joanne K. Rowling hatte noch keinen Gedanken an „Harry Potter“ verschwendet. Endes Bücher waren regelrechte Gegenentwürfe zum Zeitgeist, der besonders von Kinderbuchautoren auf den Spuren von Peter Härtling oder Christine Nöstlinger erwartete, dass der Inhalt fern von jeglichem Fantastischen möglichst nutzenbringend zur Vorbereitung auf das Erwachsenenleben sein sollte. Michael Ende wurde denn auch der Vorwurf des Eskapismus – sprich der Flucht aus der Realität und der wirklichen Welt – gemacht, weil seinerzeit auch in ernstzunehmenden Büchern für Erwachsene ein sozialkritischer Inhalt und eine politisch erzieherische Wirkung gefordert wurden.
Michael Ende hasste die Filmumsetzung
Michael Andreas Helmuth Ende wurde am 12. November 1929 in Garmisch geboren. Sein Vater, der aus Hamburg stammende Edgar Ende, ein Maler fantastischer Visionen mit Anklängen an den Surrealismus, hatte seine Mutter, die aus dem saarländischen Neunkirchen stammende Luise Bartholomä, zufällig in deren auf Spitzen und Edelsteine spezialisierten Garmischer Lädchen kennengelernt. 1931 siedelte die Familie nach München um, wo der Sohn im Umfeld der kunstsinnigen Boheme aufwuchs und im heimischen Umfeld schon früh mit allerlei Okkultem, Alchimistischem, Mystischem, Übersinnlichem oder Anthroposophischem vertraut wurde. Obwohl er sich auf dem Münchner Maximiliansgymnasium sehr schwertat, legte er nach dem Krieg 1948 das Abitur an der Stuttgarter Waldorfschule ab. In dieser Zeit begann er, sich intensiv mit expressionistischer und dadaistischer Dichtung zu befassen, und wagte auch erste Schritte auf die Theaterbühne. Nach seiner Rückkehr nach München absolvierte er bis 1950 eine Ausbildung an der Schauspielschule Otto Falckenberg, um danach ein einjähriges Engagement an der Landesbühne Schleswig-Holstein hinter sich zu bringen, das ihn eher desillusionierte.
In der Silvesternacht zum Jahr 1952 lernte er seine spätere Frau, die Vollblutschauspielerin Ingeborg Hoffmann, kennen, deren Kontakten er erste schriftstellerische Aufträge von verschiedenen politisch-literarischen Kabaretts der Isar-Metropole verdankte. Auch für die in einer Schwabinger Brauerei abgehaltenen Faschingsfeste steuerte er jahrelang eigene Stücke bei. Ein Schulfreund bat ihn 1958 um ein paar Seiten für ein Bilderbuch, woraus sich dann die Geschichte um „Jim Knopf“ entwickelte, die zunächst von einem Dutzend Verlagen abgelehnt und schließlich vom Stuttgarter Thienemann Verlag publiziert wurde. Diesem Verlag blieb Ende zeitlebens treu. Der Überraschungserfolg des Buches, der dank der Adaption durch die Augsburger Puppenkiste noch deutlich befördert wurde, machte Michael Ende finanziell unabhängig. Nach der Heirat 1964 zog er zunächst in ein Haus in Valley unweit von München, um schließlich 1970 für die kommenden 15 Jahre bis zum Tod seiner Frau eine Villa nahe Rom als Domizil zu wählen.
Dort brachte er nicht nur seine beiden Millionenseller „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ zu Papier, sondern unternahm mit der surrealistischen Geschichtensammlung „Der Spiegel im Spiegel“ 1983 auch einen ganz bewussten literarischen Abstecher in Richtung erwachsene Leserschaft.
Während er mit der Verfilmung von „Momo“, die Juli 1986 in die Kinos kam, einigermaßen zufrieden war, ließ er kein gutes Haar an der 60 Millionen Mark verschlingenden Leinwand-Umsetzung der „Unendlichen Geschichte“, die im April 1984 vom Produzenten Bernd Eichinger fürs Kino gedreht worden war: „Ein gigantisches Melodram aus Kitsch, Kommerz, Plüsch und Plastik.“ Michael Ende reichte sogar Klage gegen den Filmemacher ein, verlor aber den Prozess, der sein Honorar für die Verfilmungsrechte verschlang. 1985 war Ende wieder nach München zurückgekehrt und heiratete vier Jahre später die japanische Übersetzerin Mariko Satō. Er starb am 28. August 1995 mit 65 Jahren in der „Filderklinik“ bei Stuttgart an Magenkrebs. Zuletzt hatte er an einem Libretto gearbeitet, das unvollendet blieb.