Pflege in ländlichen Regionen neu zu denken ist für Hartmut Ostermann keine Vision, sondern unternehmerische Realität. Der Gründer der Victor’s Group erklärt, warum kleine Einheiten wirtschaftlich funktionieren und wie regionale Versorgungslücken systematisch geschlossen werden können.
Herr Ostermann, die Landhaus Seniorenwohngemeinschaften gelten als moderne Antwort auf den Pflegebedarf im ländlichen Raum. Was war für Sie persönlich der Auslöser, dieses Modell umzusetzen?
Unsere langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass viele Menschen, die auf einen Pflegeplatz angewiesen sind, diesen Schritt nur ungern gehen. Auch ihre Angehörigen wünschen sich meist, dass die Pflege möglichst im eigenen Zuhause stattfinden kann. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann zumindest in einer Umgebung, die ihnen vertraut ist.
Gerade in ländlichen Regionen ist dies jedoch schwer umzusetzen. Dort mangelt es häufig an Pflegeplätzen, weil man über Jahrzehnte hinweg davon ausgegangen ist, dass nur große Einrichtungen wirtschaftlich betrieben werden können. Wir haben festgestellt, dass dies nicht in jedem Fall zutrifft. Mit einem durchdachten Konzept und etwas unternehmerischer Kreativität lassen sich auch kleinere Häuser wirtschaftlich tragfähig gestalten.
Deshalb war für uns klar: Pflegeangebote auf dem Land müssen sich am tatsächlichen Bedarf und an der Größe der jeweiligen Gemeinde orientieren. Aus dieser Überzeugung heraus ist das Konzept der Landhaus Seniorenwohngemeinschaften entstanden. Es bietet eine sinnvolle und notwendige Alternative, um Pflege wohnortnah und menschlich zu gestalten.
Die Rückmeldungen zeigen, dass wir mit diesem Ansatz richtig liegen. Das Angebot wird von den Menschen sehr gut angenommen und bestärkt uns darin, diesen Weg weiterzugehen.
Früher hieß es, etwa 140 Betten seien notwendig, damit ein Seniorenheim wirtschaftlich betrieben werden kann. Die Landhaus Seniorenwohngemeinschaften liegen deutlich darunter. Wie passt das zusammen?
Tatsächlich ging man lange Zeit davon aus, dass eine Pflegeeinrichtung mindestens 120 bis 140 Plätze benötigt, um wirtschaftlich betrieben werden zu können. Inzwischen zeigt sich jedoch, dass sowohl größere als auch deutlich kleinere Häuser erfolgreich geführt werden können. Entscheidend ist nicht allein die Größe, sondern vor allem das Konzept.
Für uns steht das Wohlbefinden der älteren Menschen im Vordergrund. Man kann sich gut vorstellen, dass eine große Einrichtung, die in ihrer Struktur einem Krankenhaus ähnelt, für viele Menschen im höheren Alter überfordernd wirkt. Die Wege sind länger, die Orientierung fällt schwerer, und die Umgebung fühlt sich oft anonym an. Dabei werden gerade im Alter vertraute Strukturen und ein Gefühl von Geborgenheit immer wichtiger.
Unsere Landhaus Seniorenwohngemeinschaften setzen genau hier an. Sie orientieren sich an den Bedürfnissen der Menschen und schaffen eine Atmosphäre, die Nähe, Vertrautheit und Heimatgefühl ermöglicht. Interessanterweise war der Anstoß für dieses Modell eher zufällig. Die Firma exsos, die sich auf nachhaltige Bauprojekte aus Holz spezialisiert hat, hatte bereits ein Konzept ausgearbeitet und war auf der Suche nach einem Partner, der es im Pflegebereich umsetzen wollte. So kam es zur Zusammenarbeit mit uns.
Wobei, wenn ich mich recht entsinne, haben auch Sie ja diese Idee mit dem Holzbau schon seit Jahren verfolgt?
Das stimmt. Wir haben uns bereits vor einigen Jahren intensiv mit dem Thema Holzbau beschäftigt. Damals standen wir im Austausch mit einem saarländischen Unternehmen, das bereits mehrere Projekte im klassischen Wohnungsbau realisiert hatte.
Allerdings zeigte sich schnell, dass die Anforderungen an eine Pflegeeinrichtung deutlich komplexer sind als bei einem gewöhnlichen Wohnhaus. Aspekte wie Barrierefreiheit, Sicherheit, funktionale Raumgestaltung und pflegegerechte Abläufe spielen eine zentrale Rolle. In der damaligen Konstellation ließ sich das nicht in der Form umsetzen, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Mit unserem jetzigen Partner exsos ist das ganz anders. Hier wird der pflegerische Gedanke von Anfang an in die Planung integriert. Wir haben uns gemeinsam auf eine langfristige Zusammenarbeit verständigt, die nicht nur professionell funktioniert, sondern auch von gegenseitigem Verständnis für die jeweiligen Anforderungen geprägt ist.
Und das kommt letztlich auch den Menschen zugute, für die wir diese Häuser bauen. Die Rückmeldungen zeigen, dass die Kombination aus nachhaltigem Bauen und pflegerischer Kompetenz sehr positiv wahrgenommen wird.
Derzeit setzen Sie bewusst auf die ländliche Region Thüringen. In absehbarer Zeit soll auch das Saarland dazukommen. Wie bewerten Sie die Standortfaktoren dieser beiden Bundesländer im Vergleich zu anderen?
Die Entscheidung für Thüringen war im Grunde pragmatischer Natur. Die exsos GmbH, die das bauliche Konzept entwickelt hat, stammt aus Thüringen und verfügte dort bereits über geeignete Grundstücke. Deshalb haben wir uns diesem Standort angepasst. Es war keine strategische Entscheidung im Sinne einer klassischen Standortanalyse.
Thüringen ist geprägt von vielen kleineren Dorfgemeinschaften, in die unser Konzept hervorragend hineinpasst. Die Bürgermeister vor Ort haben das Vorhaben sehr positiv aufgenommen und uns in der Umsetzung aktiv unterstützt.
Da unser Firmensitz im Saarland liegt, lag es nahe, das Modell auch dort vorzuschlagen – insbesondere in ländlichen Regionen, in denen die Versorgungslage noch ausbaufähig ist. Dabei verfolgen wir jedoch keine besondere Priorisierung. Es ergibt sich schlicht aus unserer regionalen Präsenz.
Grundsätzlich sehen wir in vielen anderen Regionen Potenzial, etwa in Hessen oder in Teilen Nordbayerns. Ausgehend von Thüringen werden wir das Modell, soweit es unsere Kapazitäten zulassen, schrittweise auf weitere Bundesländer übertragen.
Spielen die politischen Rahmenbedingungen eines Bundeslandes für Ihr Konzept eine Rolle?
Nicht in besonderem Maße. Unser Konzept ist so gestaltet, dass es sich problemlos in bestehende gesetzliche und strukturelle Rahmenbedingungen einfügt. Wir haben bislang keine Vorgaben erlebt, die der Umsetzung unserer Landhaus Seniorenwohngemeinschaften entgegenstanden.
Im Gegenteil: In einigen Bundesländern, in denen die gesetzlichen Anforderungen an Pflegeeinrichtungen besonders hoch sind, haben wir sehr positive Rückmeldungen erhalten. Ein gutes Beispiel ist Baden-Württemberg. Dort sind die Standards streng, doch unsere Idee wurde dennoch ausdrücklich begrüßt.
Was ist denn neben der geringeren Anzahl von Betten der größte Unterschied der Landhäuser – sowohl in ihrer baulichen als auch sozialen Struktur – im Vergleich zu klassischen Pflegeeinrichtungen?
Mit zunehmendem Alter leben viele Menschen allein, insbesondere dann, wenn der Lebenspartner bereits verstorben ist. Unsere Erfahrung zeigt, dass insbesondere Frauen häufiger von dieser Situation betroffen sind, da Männer im Durchschnitt früher versterben. In der Folge entsteht oft ein Gefühl der Einsamkeit, das nicht selten zu gesundheitlichen Problemen führen kann.
Genau hier setzen die Landhaus Seniorenwohngemeinschaften an. Sie sind bewusst so konzipiert, dass sie eine familiäre Atmosphäre schaffen. Die Bewohnerinnen und Bewohner treten ganz selbstverständlich miteinander in Kontakt, was sich sehr positiv auf ihr Wohlbefinden auswirkt.
Auch die bauliche Gestaltung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Die Gebäude werden von exsos entwickelt und errichtet, wobei bereits in der Planung auf pflegerische Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Nach der baulichen Fertigstellung übernehmen wir die Ausstattung und sorgen für das wohnliche Umfeld. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die nicht nur funktional, sondern auch emotional ansprechend ist – ein Aspekt, den viele Bewohnerinnen und Bewohner besonders zu schätzen wissen.
Da die Menschen meist aus der unmittelbaren Umgebung stammen, gibt es viele gemeinsame Anknüpfungspunkte. Gespräche entstehen ganz von selbst, es entsteht Vertrautheit. Im Gegensatz zu einem Umzug in eine große Stadt, der oft mit Fremdheit verbunden ist, erleben die Menschen hier ein Umfeld, das sich wie ein neues Zuhause anfühlt – mit dem Maß an Betreuung, das sie benötigen.
Haben Sie durch die Victors Bau und Wert AG – also Ihre firmeninterne Bauträgerstruktur – einen besonderen Vorteil bei solchen Projekten?
In diesem Fall eher nicht. Unsere eigene Bauträgergesellschaft ist bei diesen Projekten nur am Rande beteiligt. Das bauliche Konzept stammt von unserem Partner exsos, der auch die komplette Umsetzung verantwortet. Nach der Fertigstellung wird die Immobilie an uns als Betreiber übergeben.
Mit der eigentlichen Bauausführung haben wir also nur wenig zu tun. Unser Beitrag beginnt dort, wo es um die Gestaltung des Wohnumfelds geht. Wir kümmern uns um die Ausstattung, die Atmosphäre und das, was einem Gebäude erst das Gefühl von Zuhause verleiht.
Besonders hervorzuheben ist bei diesen Häusern beispielsweise der großzügige Innenhof. Er ist aufwendig in der Umsetzung und mit höheren Kosten verbunden, aber er bietet einen echten Mehrwert. Die Gebäude sind zweigeschossig angelegt, im oberen Stockwerk gibt es einen großen Balkon, der den Bewohne- rinnen und Bewohnern einen einfachen Zugang ins Freie ermöglicht. Wer möchte, kann mit dem Aufzug nach unten in den Innenhof fahren.
Solche architektonischen Elemente findet man in klassischen Pflegeeinrichtungen nur selten. Sie tragen wesentlich dazu bei, dass sich die Menschen in unseren Häusern wohlfühlen.
Insgesamt wirkt die Anlage sehr attraktiv – auf Fotos erkennt man kaum, dass es sich um eine Seniorenwohneinrichtung handelt. Ist das auch ein Vorteil bei der Personalgewinnung oder Mitarbeiterbindung, gerade im Pflegebereich?
Das ist definitiv ein Vorteil. In jeder Region gibt es unterschiedliche Ausbildungswege und Berufsprofile. Wenn Menschen in einer modernen, ansprechenden Einrichtung arbeiten können, die sich zudem in der Nähe ihres Wohnorts befindet, ist das für viele äußerst attraktiv. In praktisch allen Landhäusern kommen die Mitarbeiter aus einem Umkreis von maximal 15 Kilometern Entfernung, oft sogar direkt aus der Gemeinde.
Natürlich ist das nicht überall der Fall. Es gibt Orte, in denen schlicht zu wenige Menschen mit pflegerischer Qualifikation leben. Aber genau darin sehen wir auch eine unserer wichtigsten Aufgaben: Menschen an das Berufsfeld Pflege heranzuführen, sei es im stationären oder im ambulanten Bereich. Wir wollen zeigen, dass Pflegeeinrichtungen auch ganz anders aussehen und erlebt werden können.
Unsere Häuser sind neu, nach den neuesten Standards gebaut und setzen auf Nachhaltigkeit – beispielsweise durch den konsequenten Einsatz von Holz als nachwachsendem Baustoff. Diese Bauweise vermittelt nicht nur Wärme und Natürlichkeit, sondern schafft auch ein Arbeitsumfeld, in dem sich viele Beschäftigte gerne engagieren. Das steigert sowohl die Identifikation mit der Einrichtung als auch die Zufriedenheit im Berufsalltag.
Im Grunde kann sich durch diese Landhäuser ja die Seniorenheim-Landschaft nachhaltig verändern. Wird die Victor’s Group künftig hauptsächlich solche Anlagen bauen – oder wird es auch weiterhin größere Einheiten geben?
Wir verfolgen bewusst beide Ansätze. Unsere eigene Baugesellschaft realisiert auch weiterhin größere Pflegeeinrichtungen. Erst kürzlich haben wir ein großes Haus mit rund 250 Plätzen fertiggestellt. Dort sind verschiedene Angebote vereint: stationäre Pflege, betreutes Wohnen und perspektivisch auch medizinische beziehungsweise ärztliche Versorgung, alles an einem gemeinsamen Standort.
Solche umfassenden Versorgungseinrichtungen sind dort sinnvoll, wo eine entsprechende Infrastruktur vorhanden ist, etwa in städtischen Gebieten oder an verkehrsgünstigen Knotenpunkten. Besonders für Menschen mit erhöhtem medizinischem Bedarf ist das ein entscheidender Vorteil.
Gleichzeitig sehen wir in den Landhaus Seniorenwohngemeinschaften die ideale Lösung für den ländlichen Raum. Sie sind überschaubar, wohnortnah und entsprechen dem Wunsch vieler älterer Menschen nach einem vertrauten, persönlichen Umfeld.
Beide Modelle haben ihre Berechtigung. Je nach Region und Bedarf setzen wir das eine oder das andere Konzept um, immer mit dem Ziel, passgenaue und menschennahe Pflegeangebote zu schaffen.
Halten Sie es für denkbar, dass die Landhäuser auch für niedergelassene Ärzte interessant sein könnten – als Praxisstandort, um sowohl die Bewohner als auch das Umfeld medizinisch zu versorgen?
Ja, über diesen Gedanken haben wir bereits intensiv nachgedacht. In der konkreten Umsetzung sind wir zwar noch nicht so weit, aber die Idee halten wir für sehr vielversprechend.
Gerade für Hausärztinnen und Hausärzte im ländlichen Raum könnte eine solche Einrichtung ein attraktiver Standort sein. Sie hätten unmittelbaren Zugang zu einer Gruppe von Menschen mit regelmäßigem medizinischem Bedarf und könnten gleichzeitig die Versorgung im Ort verbessern. Das würde die Lebensqualität sowohl für die Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung als auch für die umliegende Bevölkerung erhöhen.
Wir sehen darin durchaus Potenzial, insbesondere vor dem Hintergrund des zunehmenden Ärztemangels in vielen ländlichen Regionen. Bevor wir jedoch in die konkrete Planung einsteigen, müssen wir das Thema noch detaillierter prüfen. Es braucht tragfähige Konzepte, verlässliche Strukturen und eine enge Abstimmung mit den regionalen Akteuren.
Aber dass dieses Modell auch in medizinischer Hinsicht Perspektiven eröffnet, ist für uns bereits heute klar.
Herr Ostermann, was wünschen Sie sich persönlich für die weitere Entwicklung – sowohl für die Landhaus Seniorenwohngemeinschaften als auch für das Thema Pflege insgesamt?
Ich denke, am besten versteht man unser Konzept, wenn man sich eine solche Einrichtung direkt vor Ort anschaut. Erst dann bekommt man ein echtes Gespür dafür, wie sehr sich dieses Modell von klassischen Pflegeeinrichtungen unterscheidet.
Ich wünsche mir, dass sich auch andere dafür begeistern lassen, kleinere, bedarfsorientierte Pflegeeinheiten im ländlichen Raum aufzubauen. Unser Land ist groß, und es gibt in vielen Regionen noch erheblichen Handlungsbedarf. Es wäre schön, wenn sich mehr Träger dieser Aufgabe annehmen.
Besonders wichtig ist mir die Nachwuchsgewinnung im Pflegebereich. Wir müssen frühzeitig beginnen, junge Menschen für diesen Beruf zu interessieren. Das ist eine große Herausforderung, vor allem in ländlichen Gegenden, wo die Wege zur Ausbildung oft weit sind und viele Hürden bestehen.
Deshalb binden wir schon bei der Grundsteinlegung Kinder mit ein. Wenn ein neues Haus entsteht, laden wir häufig auch Kindergartengruppen ein. Dann stehen manchmal 20 oder 30 Kinder auf dem Grundstück, während der erste Spatenstich gemacht wird. Natürlich entscheidet sich da noch niemand für den Pflegeberuf. Aber es ist ein Anfang.
Unser Ziel ist es, ein neues Bild von Pflege zu vermitteln – eines, das zeigt, dass dieser Beruf nicht nur erfüllend ist, sondern auch in einem modernen, menschlichen Umfeld ausgeübt werden kann.