Nach dem Burn-out ist Zverev zurück im Tennis-Zirkus. Wie Wimbledon-Finalistin Amanda Anisimova. Und beide zählen zu den Favoriten beim Großturnier im „Big Apple“.
Die härtesten Kerne des Hartplatz-Grand-Slams bleiben die Damen- und Herren-Einzelwettbewerbe. Doch heuer sollten die Top-Gesetzten erstmals vorneweg in die US Open hineinschmecken. Mit dem Mixed als Vorspeise. Schon vor dem eigentlichen Start des letzten Tennis-Grand-Slams der Saison.
Wer zu spät in die US Open (24. August bis 7. September, Sportdeutschland.tv) reinschaltet, hat das gemischte Doppel aus New York verpasst. Erstmals wurde es bereits am 19. und 20. August ausgetragen. Halbiert und verkürzt. Denn die Spitzen-Spielerinnen und -Spieler sowie die Wildcardisten sollten sich und das Publikum ja nur warmlaufen. Und sich nicht schon verausgaben. Auch wenn die Besten mit einer Million US-Dollar mehr denn je für ihren Sieg verdienten.
Der Hopman-Cup lässt beim US-Open-Mixed-Neuaufguss grüßen. Einst zog der Show-Wettbewerb vor den Australian Open locker und entspannt ins Tennisjahr hinein. Eigentlich eine schöne Sache. Jetzt scheint es auch im Big Apple darum zu gehen, gut gelaunt und höchst attraktiv zu starten. Ins letzte der vier Großturniere des Tennisjahres. Mit den Stars des Einzels – anstelle von Doppel-Spezialisten in einer sportlichen Doppel-Disziplin. Etwa mit Alexander Zverev und der Schweizerin Belinda Bencic, die als Duo geplant waren. Wimbledon-Halbfinalistin Bencic und nicht etwa die Metzingerin Laura Siegemund, die 2016 bei den US Open im Mixed-Finale stand. Und 2020 die Trophäe im Doppel gewann. „Das ist ja ein Witz“, kommentierte die Top-Doppel-Spielerin die Fokussierung der Neu-Organisation hin zu den Stars des Einzel. Auch weil den Doppel-Spezialisten die Chance genommen werde, ihr Brot zu verdienen.
Zverev fühlt sich „frischer“ im Kopf
Er beißt nicht nur in den sauren Apfel, zurück in den Job zu müssen. Sascha Zverev hat wieder Lust zu siegen: „Wenn die US Open starten, werde ich wieder Titelanwärter sein“, sagte der 28-jährige Olympiasieger aus Hamburg. „Ich bin frischer im Kopf“, vermeldete er als frohe Botschaft im Podcast „Nothing Major“, wo er mit ehemaligen Tennis-Stars wie zum Beispiel John Isner entspannt scherzte. Nach seinem Erstrunden-Aus in Wimbledon hatte die Nummer drei der Welt, der seit Kindertagen fürs Tennis brannte, seine Fans schockiert. Sascha schilderte eine tiefgehende Motivationslosigkeit und Leere. „Ich hatte monatelang ein kleines Burn-out“, sagte er jetzt zum vorläufigen Höhepunkt dieser Phase.
Alexander Zverev ist mit wiedergewonnener Spielfreude zurück. Beim Turnier in Toronto fand er sich nach einer kleinen Auszeit schnell im Halbfinale wieder. Deutschlands Nummer eins setzte sich extra nicht unter Druck. Ein „Learning“, wie es in der Geschäftssprache dieser Tage so oft heißt.
Der Spross einer Tennisfamilie schaut bereits seit einiger Zeit nach Linien jenseits der Wettkämpfe um die gelben Bälle. „Tennis ist nicht alles“, hatte der einstige Shooting-Star schon im Frühling beim 500er-Turnier in München gesagt. „Ich arbeite seit 20 Jahren hart“, sagte er, und der 28-Jährige klang da bereits ein wenig desillusioniert. „Das ist nichts Neues für mich.“ Doch Alexander, genannt „Sascha“, gewann die BMW Open. Die Flamme loderte wieder. Ein wenig. Wenn auch nicht bis zu seiner merkwürdig leidenschaftslos gespielten Erstrunden-Pleite in Wimbledon und dem anschließenden Offenlegen seiner mentalen Verfassung.
Doch jetzt kommen die US Open. Das Ende der Grand-Slam-Saison. Ausgang: offen. Denn nach French Open und Wimbledon in knappen Abständen, plus vielen anderen Turnieren auf der Tour, sind die Top-100-Spieler der Welt erschöpft. Siehe Carlos Alcaraz, den fast makellos spielenden Top-2-Star aus Spanien. Im Finale von Wimbledon wirkte der 22-Jährige streckenweise, als schlage er bei einem Spiel unter Freunden drauf. Dass Jannik Sinner souverän gewann, störte den Titelverteidiger kein bisschen. Der Spanier lachte und freute sich bei der Siegerehrung, als dürfte gleich er im Clubhaus vom Balkon winken und die Trophäe hochhalten. Dabei hatte der Sieger Sinner deutlich mehr Puste fürs Endspiel. Und so den nötigen, langen Atem, das Match mit klarer Strategie zu seinen Gunsten zu dominieren. Doch der Südtiroler hatte auch eine längere wettkampflose Zeit in dieser Saison.
„Tennis ist wie jeder Sport ein Business“
Die er mit einem Grand-Slam-Sieg in Melbourne begonnen hatte. Des einen Glück bedeutet auch im Tennis oft des anderen Leid. Nach seiner knappen Niederlage am Jahresanfang bei den Australian Open hatte Sinners Endspiel-Gegner Alexander Zverev keine Pause genommen.
„Tennis ist wie jeder andere Sport ein Business“, sagte Zverev im Frühling in München. Die Entscheidung darüber, in Südamerika zu spielen, sei sechs bis sieben Monate vor den Australien Open gefallen. „Das war ein Fehler im Rückblick, ja, weil ich das Finale der Australien Open gespielt habe. Weil ich meinem Körper keine Zeit zum Regenerieren gegeben habe.“ Er sei in den Flieger gestiegen, habe sich dort auf einen anderen Belag gestellt und gespielt. Business as usual. Aber keine Zeit für Zverev, das Geschehen, den Erfolg und dann doch die knappe Niederlage beim Grand Slam Down Under zu verarbeiten. Die Quittung für so viel Geschäftigkeit kam später.
Zeit nahm sich Sascha erst auf Mallorca, wo ihn Toni Nadal, Rafas Onkel, mental wieder ein Stück aufbaute. Als Trainer wird er nicht zum Team stoßen. Aber wohl ab und zu dabei sein. Mit wichtigen Stupsern und Erinnerungen aus der Warte des Außenstehenden.
In Flushing Meadows wartet ebenfalls ein Flashback auf Zverev, der so oft siegte, aber immer noch auf einen Grand-Slam-Titel wartet: das denkbar knappste Aus im Tiebreak des fünften Satzes, 2020 im Finale gegen seinen Freund Dominic Thiem.
Alexander Zverev sprach jüngst davon, sich allein zu fühlen. Doch das ist er nicht. Auch nicht, wenn es um vergebliche Anläufe auf die begehrte Trophäe in New York geht. Mit einem gewichtigen Unterschied: Sascha kann sie immer noch gewinnen. Selbst wenn die Sieger der vergangenen drei Jahre, Jannik Sinner, Carlos Alcaraz und Novak Djokovic, 2025 die Hauptfavoriten auf dem Big-Apple-Hartplatz sind.
Ein kleiner Rückblick: Boris Becker kommentiert heuer für Sportdeutschland.tv die US Open. Und das nicht ohne Grund: Bis heute ist Becker der Einzige, der seit der Pokal-Ära 1968 im „Big Apple“, gemeint ist New York, den Siegerpokal 1989 in den Himmel recken durfte. Im Finale standen immerhin neben Becker auch Michael Stich und Alexander Zverev.
Sehr viel erfolgreicher waren die deutschen Damen bei den US Open. Steffi Graf gewann die US Open fünfmal (1988, 1989, 1993, 1995, 1996) und ist bis heute die erfolgreichste deutsche Spielerin in New York. Angelique Kerber stand 2016 auf dem Siegerinnenpodest.
Im Mixed und Doppel holten außer Siegemund beispielsweise Claudia Kohde-Kilsch, Sabine Lisicki sowie Anna-Lena Grönefeld mit ihren Partnern und Partnerinnen Titel.
Auch die aktuellen deutschen Spielerinnen lassen sich nicht unterkriegen: Eva Lys kämpfte sich nach RheumaSchub und Hamburg-Absage erstmals in die dritte Runde eines 1000er-Turniers, die Vorstufe zu den höchstrangigen Grand Slams. Siegemund focht, ebenfalls in Montreal, dreieinhalb Stunden bei extremer Hitze gegen Tatjana Maria und besiegte die deutsche Generationskollegin.
Und der Nachwuchs steht bereit: Ein Engel aus Nürnberg durfte aufgrund seines guten ATP-Rankings zum Stichtag an der Qualifikation zu den US Open, ab dem 18. August, teilnehmen. Justin Engel ist in der Herren-Weltrangliste aktuell der jüngste Spieler unter 18 Jahren. Der Nürnberger folgt damit direkt Alexander Zverev nach. Der hatte 2014 als 17-Jähriger genügend Erfolgspunkte für die Grand-Slam-Qualifikation bei den US Open.
Über die Quali hatten noch Ella Seidel, Tamara Korpatsch, Jule Niemeier und Mona Barthel die Chance, in die Hauptrunde einzuziehen. Ebenso Jan-Lennard Struff, Yannick Hanfmann und Dominik Koepfer. Direkt in der Hauptrunde steht Daniel Altmaier. Der Kempener hofft auf Losglück. Damit er endlich wieder dem Fluch des Erstrunden-Aus entkommt.
Hoffnungen ruhen auf New York
Gegenteilig läuft es gerade für Amanda Anisimova. Die US-Amerikanerin wurde zur Attraktion von Wimbledon, mit ihrem Lauf bis ins Finale. Dort verließ sie gegen Iga Swiatek das Glück. „Mir ist heute ein bisschen der Sprit ausgegangen. Ich hatte gehofft, besser spielen zu können“, bilanzierte die Amerikanerin ihre klare Niederlage.
Doch in New York könnte das anders aussehen. Nicht nur, weil sie sich mit Holger Rune im Mixed auf den Einzelwettbewerb einstimmen konnte. Vielmehr weil Amanda im Vorfeld die Siegerin von 2021, Emma Raducanu, im Schläger-Umdrehen besiegte. Und weil Aryna Sabalenka, die 2024er-Championesse der US Open, Anisimova jüngst im Halbfinale von Wimbledon unterlag.
Dabei hatte die 23-Jährige in der jüngeren Vergangenheit mit mentalen Problemen und Burn-out zu kämpfen.
2023 hatte sich der einstige Teenie-Star, ganz ähnlich wie Zverev jetzt, eine mehrmonatige Auszeit genommen. „Ich wollte zurückkommen, noch viel erreichen und eines Tages einen Grand Slam gewinnen“, sagte Anisimova nach ihrem Triumph über Sabalenka.
Der Halbfinaleinzug von Wimbledon rührte die Weltranglisten-Siebte, die sich nach ihrer Auszeit seit Anfang 2024 mühsam zurückgekämpft hatte, stark: „Ich glaube, ich habe damit eine sehr besondere Botschaft gesendet.“ An die könnte die Amerikanerin jetzt anknüpfen. Mit einem Heimsieg im Big Apple. Anisimovas Feuer brennt wieder. Und das von Zverev scheint auch neu entfacht zu sein.