Mehr Schülerinnen und Schüler, mehr Lehrerinnen und Lehrer und an einigen Stellen auch größere Herausforderungen, von der Sprache bis zum Laptop. Der Schulstart wird wie immer begleitet von bildungspolitischen Diskussionen.
Prognosen sind bekanntlich immer schwer, weil sie die Zukunft betreffen. Im Bildungsbereich musste in der jüngsten Vergangenheit so manche Prognose deutlich korrigiert werden. Am auffälligsten ist das bei der Entwicklung der Schülerzahlen. Was dann auch weitreichende Folgen hat.
Zum Beginn seiner Amtszeit als Bildungsminister (ab 2012) sei er immer wieder vom Finanzminister zum Sparen aufgerufen worden, weil etliche Voraussagen von kontinuierlich sinkenden Schülerzahlen ausgegangen waren, erinnert sich Ulrich Commerçon, heute SPD-Fraktionschef im Landtag. Es kam bekanntlich anders.
Die Schülerzahlen steigen auch zum Beginn des neuen Schuljahres, wenn auch etwas langsamer als in den zurückliegenden Jahren. Über 125.000 junge Menschen besuchen saarländische Schulen, das sind über 2.000 mehr als im letzten Schuljahr. 9.200 Kinder sind neu eingeschult worden. Ansonsten verteilt sich der Zuwachs über alle Schulformen.
Die Landesregierung hat mit zusätzlichen 88 neuen Lehrerstellen reagiert, wobei Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot besonderen Wert auf die Feststellung legt, dass auch tatsächlich alle Planstellen (8.772) besetzt werden konnten. Was in der Konkurrenzsituation mit anderen Ländern keine Selbstverständlichkeit ist. Die Ministerin hatte die Neueinstellungen bereits im Frühjahr angekündigt.
Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Jutta Schmitt-Lang, hatte das damals zwar als „ein wichtiges Signal“ bezeichnet, „aber eben nur auf den ersten Blick“, was sie damit begründete, dass dies „nicht Ausdruck vorausschauender Planung, sondern vor allem eine Reaktion auf den akuten Aufwuchs bei den Schülerzahlen“ sei. Es werde nachgesteuert, aber Dinge, die längst hätten vorbereitet werden müssen, etwa im Hinblick auf G9 oder die zunehmende Heterogenität in den Klassenzimmern, blieben unberücksichtigt.
Auch der Jahresbericht der Arbeitskammer hatte, unabhängig vom Beginn des neuen Schuljahres, in der Perspektive einen deutlichen Lehrerinnen- und Lehrerbedarf ausgemacht. Ein aktualisiertes Gutachten zur Lehrkräfteversorgung bis 2035 von Prof. Dr. Klaus Klemm im Auftrag der Kammer zeigt: Der Lehrkräftebedarf bleibt hoch: Bis 2030 müssen demnach jährlich durchschnittlich 358 neue Lehrkräfte eingestellt werden, bis 2035 im gesamten Jahresdurchschnitt immer noch 243 – allein um das derzeitige System aufrechtzuerhalten.
Wobei Max Hewer, Landesvorsitzender der Gewerkschaft GEW, betonte: „Ein bloßer Erhalt des Status quo kann nicht unser Anspruch sein.“ Der Gewerkschafter verweist dabei auf den IQB-Bildungstrend, wonach ein Drittel der Jugendlichen am Ende der Sekundarstufe I nicht den Mindeststandard im Lesen für den Mittleren Schulabschluss erreicht.
Die Herausforderung beginnt aber schon früher. 30 Prozent der Kinder verfügen ein halbes Jahr vor Schuleintritt nicht über genügend Deutsch-Kenntnisse. Und das betrifft längst nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund. Und: Bei einer noch höheren Zahl von Kindern (36 Prozent) sind motorische Fähigkeiten nicht ausreichend entwickelt.
Früherkennung von Förderbedarfen
Das sind zwar neue Zahlen, aber keine neue Entwicklung. Wenn diese Defizite ein halbes Jahr vor Schulbeginn bei den entsprechenden Untersuchungen festgestellt werden, bleibt kaum Zeit für Fördermaßnahmen.
Bildungsministerin Streichert-Clivot, die selbst von einer „dramatischen Entwicklung“ spricht, will deshalb vor allem an zwei Punkten ansetzen: Die Schuleingangsuntersuchungen sollen deutlich (mindestens ein halbes Jahr) früher erfolgen, damit Defizite früh erkannt werden. Dazu gehört auch die Absicht, die Grundschulanmeldungen deutlich früher als bislang anzusetzen.
Außerdem will die Ministerin eine „Allianz Sprachhilfe und Teilhabe“ noch in diesem September ins Leben rufen. „Wir müssen besser werden im Austausch von Informationen“, deshalb sollen alle Beteiligten, Eltern, Kitas und Grundschulen, aber auch Jugendämter und Gesundheitsämter, enger zusammenarbeiten.
CDU-Oppositionsführer Stephan Toscani hatte noch gegen Ende der Ferien die Landesregierung kritisiert, weil sie das Programm „Früh Deutsch lernen“ eingestellt hatte. Das Bildungsministerium hatte stattdessen einen neuen Ansatz einer „alltagsintegrierten Sprachbildung“ verfolgt. Toscani fordert nun einen verbindlichen Sprachtest für alle Vierjährigen und, sollten Kinder dort ungenügend abschneiden, eine verbindliche Teilnahme an Fördermaßnahmen.
Ein Problem ist auch, dass nicht alle Kinder eine Kita besuchen. Der Anteil ist im Saarland zwar relativ hoch, auch wenn es weiterhin Bedarf an Plätzen gibt, aber nach Schätzungen des Ministeriums dürften etwa 500 Kinder aus anderen Gründen nie eine entsprechende Einrichtung besucht haben. Folglich konnte bei ihnen auch nie frühzeitig entsprechender Förderbedarf festgestellt werden.
Angesichts der Entwicklungen wird immer wieder über die Einführung einer Kita-Pflicht diskutiert, um möglichst früh alle Kinder zu erreichen. Das aber stößt auf einige Schwierigkeiten, beginnend mit der Feststellung im Grundgesetz, dass die Erziehung Elternsache ist. Trotzdem zeigte sich die saarländische Bildungsministerin offen für solche Überlegungen. Es müsse „mehr Verbindlichkeit“ geben. Eine wichtige Voraussetzung dabei sei aber, dass Kitas kostenfrei würden. Die Landesregierung senkt schrittweise die Beiträge, bis zum Ende der Legislaturperiode (2027) sollen Kitas komplett beitragsfrei sein.
Die CDU hält dagegen wenig davon, alle Mittel für eine Beitragsfreiheit zu verwenden, fordert vielmehr „mehr Qualität“, heißt vor allem: verlässliche Öffnungszeiten, mehr Personal. Nach Vorstellung der CDU sollten 30 Stunden Betreuung kostenfrei sein, darüber hinaus würden Beiträge erhoben, mit denen dann unter anderem Personal finanziert werden könnte.
Dass sich Schule erheblich verändert, ist überall zu besichtigen, Stichwort Digitalisierung. Das Saarland hat noch vor den Ferien eine gesetzliche Grundlage dafür verabschiedet, nach Angaben der Ministerin als erstes Bundesland. Damit wurde die Debatte um die Nutzung privater Smartphones und Handys an Schulen mit einer klaren Regelung beendet.
Die digitale Welt verändert das Lehren und Lernen, bietet eine große Bandbreite neuer Möglichkeiten, aber zugleich zeigen sich auch die negativen Seiten. Auswirkungen auf die Wahrnehmung, aber auch auf die Entwicklung der Motorik, werden in zahlreichen Studien untersucht, ebenso auf das Sozialverhalten.
Auch dadurch seien „die Herausforderungen größer geworden“, meint Ulrich Commerçon und betont, das sei „kein saarländisches Spezifikum“, nicht einmal ein nur deutsches, sondern eben auch in vielen anderen Ländern zu beobachten. Was aber nicht nur mit Social Media zu tun habe, sondern auch mit den „Vorbildern“. Wenn die sich nämlich nicht mehr an Regeln halten würden, dann dürfe man sich über andere Entwicklungen eben auch nicht wundern.