Der US-Präsident feuerte die Chefin einer Statistikbehörde, weil ihre Zahlen nicht zu seinem Weltbild passen. Dabei sind diese Zahlen ein wichtiger Bestandteil eines demokratischen Informationsraumes.
Daten bilden die Grundlage von Entscheidungen – tagtäglich. Statistiken wie etwa öffentliche Arbeitsmarktzahlen sind für Unternehmen entscheidend wichtige Faktoren in ihren Planungen, sei es für Produkte, für Im- und Exporte oder auch für Neueinstellungen. Verlässliche Daten, auch wenn sie negativ sind, bilden vermehrt die Grundlage informierter Entscheidungen von Wirtschaftslenkern weltweit. Den US-Präsidenten aber stören sie, denn die Kennzahlen der US-Wirtschaft werden schlechter.
In der Hoffnung auf andere, bessere Arbeitsmarktzahlen hat US-Präsident Donald Trump nun einen Kandidaten für den Chefposten des Statistikamtes für Arbeitsmarktzahlen gefunden. Er habe E. J. Antoni als neuen Leiter des Amtes für Arbeitsmarktstatistik nominiert, teilte Trump auf seiner Plattform Truth Social mit. Antoni solle „sicherstellen“, dass die veröffentlichten Zahlen „EHRLICH und RICHTIG“ seien, schrieb Trump in Großbuchstaben. Er spielt damit darauf an, dass die bisherige Chefin Erika McEntarfer angeblich aus politischer Motivation Zahlen manipuliert hat. Beweise für diese Behauptungen gibt es nicht. Antoni arbeitet bislang beim konservativen Thinktank Heritage Foundation und gilt Medienberichten zufolge als Kritiker des Amtes für Arbeitsmarktstatistik. Unter anderem zweifelt er an den Erhebungsmethoden des Amtes. Fox Business berichtete, dass sich Antoni in einem Gespräch mit dem Fernsehsender für eine Pause bei den monatlichen Arbeitsmarktberichten ausgesprochen habe. Bis das zugrundeliegende „Problem“ der schlechten Zahlen behoben sei, solle das Amt stattdessen „weniger aktuelle Quartalszahlen“ vorlegen.
Statistiken sind Basis für informierte Entscheidungen
Trump hatte McEntarfer Anfang des Monats angesichts überraschend schlechter Arbeitsmarktzahlen gefeuert. Der US-Arbeitsmarkt zeigte zu Beginn des Sommers deutliche Anzeichen einer Schwäche. Für den Zeitraum Mai und Juni revidierte das Arbeitsministerium die Zahl der zuvor prognostizierten neuen Stellen um insgesamt 258.000 nach unten. Korrekturen der Zahlen im Nachgang sind üblich, der Umfang beim vergangenen Mal allerdings ist bemerkenswert und deutet in Richtung einer deutlichen Abkühlung des bislang stabilen Aufschwunges. Ökonomen erklären die enttäuschenden Arbeitsmarktdaten unter anderem mit Auswirkungen der aggressiven Zollpolitik der US-Regierung. Trump hingegen stießen die neuen Zahlen übel auf, so sehr, dass er sich kurzerhand auf die Suche nach einer Neubesetzung begab. Er spricht von einem Komplott gegen sich und von gefälschten Zahlen, die ihn und die Republikaner „in ein schlechtes Licht rücken“ sollen.
In den USA gab es heftige Kritik an der Entlassung McEntarfers, etwa vom früheren Chef des Amtes für Arbeitsmarktstatistik, William Beach. Er war von Trump für den Posten ernannt worden und bezeichnete die Entlassung seiner Nachfolgerin am Freitag auf X als völlig unbegründet. Dies schaffe einen gefährlichen Präzedenzfall und untergrabe die statistische Aufgabe des Amtes. „Wenn Sie nicht wissen, wie es der Wirtschaft geht, wie funktioniert dann Ihre Zentralbank? Wie arbeiten Ihre Investoren? Wie machen die Leute wirklich Pläne für ihre Zukunft?“, sagte Beach gegenüber ABC News.
Verlässliche amtliche Wirtschaftsdaten sind die „stillen Infrastrukturleistungen“ moderner Marktwirtschaften, so Beach. Unternehmen kalkulieren Preise, planen Investitionen, sichern Liquidität und steuern Lieferketten – seltener aus dem Bauch, immer häufiger datenbasiert. Dazu braucht es neutrale, nachvollziehbare und konsistent erhobene Informationen, amtliche Statistiken mit klaren Qualitätsstandards. Die Europäische Zentralbank bringt es auf den Punkt: „Statistiken sind essenziell, um informierte Entscheidungen zu treffen.“ So heißt es in ihrem Erklärtext „Warum sind Statistiken wichtig?“.
Eine Statistik ist dabei mehr als ein langweiliges oder trockenes Tabellenwerk, geht es nach den Vereinten Nationen. Schon 2014 stellten diese fest, dass „offizielle Statistiken ein unverzichtbares Element im Informationssystem einer demokratischen Gesellschaft“ darstellen. Für Unternehmen bedeutet das: eine verlässliche Messung von Preisen, von Produktion, Beschäftigung, Handel – vergleichbar und über Zeit und Ländergrenzen hinweg. Für Firmen, die Absatzmärkte bewerten oder Standortentscheidungen treffen, sind diese Orientierungspunkte zentral. Für exportorientierte Mittelständler oder kapitalmarktorientierte Konzerne ist die planbare, pünktliche Bereitstellung von Preisen oder Zahlungsbilanzen ein Standortfaktor, weil sie Risikoaufschläge oder Vertragsklauseln unmittelbar beeinflusst. Ebenso für Banken, Bankenaufseher und Unternehmen, die Zinsen, Nachfrage und Kostenentwicklungen im Blick behalten wollen.
Dass Qualität und Integrität der Daten entscheidend sind, unterstreicht die EZB nochmals in einem Blogbeitrag zum Weltstatistiktag, der am 20. Oktober stattfinden wird. Denn wo Notenbanken oder Ministerien auf belastbare Datengrundlagen angewiesen sind, hängen auch Finanzierungsbedingungen, Förderkulissen und Regulierungen für Unternehmen an verlässlichen Zahlen. Europa hat sein Statistiksystem auf die Unternehmensperspektive zugeschnitten. Die „European Business Statistics“ (EBS) bündeln Strukturdaten zu Branchenleistung, Innovation, Forschung und Entwicklung, E-Commerce und globalen Wertschöpfungsketten – Bausteine, ohne die Markt- und Wettbewerbsanalysen blind bleiben. Methodische Handbücher sollen sicherstellen, dass Erhebungen konsistent sind. Für den Internationalen Währungsfonds zielen dessen Datenstandards ebenfalls darauf ab.
Auch in Deutschland wird die Rolle der amtlichen Statistik als neutrale Infrastruktur betont. Das Statistische Bundesamt sagte hierzu: „Die amtliche Statistik mit ihren Grundsätzen Neutralität, Objektivität und fachliche Unabhängigkeit“ müsse die Realität adäquat abbilden – wichtig etwa in Krisenzeiten, wenn Unternehmen kurzfristig Orientierung über Nachfrageeinbrüche, Lieferengpässe oder Preise benötigen. Solche experimentellen, aber amtlich geprüften Indikatoren wurden in der Pandemie gezielt eingesetzt.
Grundsatz der Neutralität
Der Nutzen zeigt sich besonders dort, wo die Datenqualität erodiert: Unsichere Arbeitsmarkt- oder Inflationsreihen erschweren Zins- und Lohnverhandlungen, verfälschen Investitionsrechnungen und erhöhen Finanzierungskosten. Oder kurz: Schlechte Daten führen zu schlechten Entscheidungen – in Regierungen wie in Unternehmen. Wer seine Planung auf lückenhafte Zahlen stützt, kauft sich unnötiges Risiko ein.
So geschehen in Großbritannien: 2023 musste das Office of National Statistics eingestehen, dass seine Arbeitsmarktdaten nicht belastbar seien, denn zu wenige Menschen hatten auf die Fragen der Behörde geantwortet. Die Bank of England wollte auf Grundlage der Daten die Zinsen senken – die Entscheidung musste aufgeschoben werden, weil die Notenbanker sich nicht sicher waren, dass die zugrunde gelegten Zahlen stimmten. An den Zahlen orientierte sich das Gesundheitsministerium zum Stand der Krankschreibungen sowie das Arbeitsministerium, weil Entscheidungen zur künftigen Rentenstruktur anstanden.
Zu besichtigen ist dies auch in China: Die herrschende KP wurde lange verdächtigt, die offiziell hohen Wachstumszahlen der Wirtschaft von zeitweise sieben Prozent künstlich aufzublähen. Dies soll nach Expertenmeinungen vor allem auf Ebene der chinesischen Provinzen geschehen sein, die unter strenger Beobachtung durch die Partei stehen und gute Wirtschaftszahlen liefern müssen. Mittlerweile sollen die offiziellen Daten vertrauenswürdiger geworden sein, so das Peterson Institute for International Economics, doch gelegentlich fehlende Daten deuteten darauf hin, dass weiterhin manche Schwäche der chinesischen Wirtschaft verschleiert werden soll.
Wirft der Präsident einer der bislang stärksten Volkswirtschaften nun eine Statistikerin hinaus, weil die Zahlen ihm nicht passen, erodiert das Vertrauen in die amtlichen Zahlen, die von nun an politisch missbraucht werden könnten. Und damit schwindet Vertrauen in die Verlässlichkeit amerikanischer Wirtschaftsdaten. Was jene US-Behörde von nun an veröffentlicht, sollte mit Vorsicht behandelt werden.