Dieses Jahr feierte der unermüdliche Bühnenarbeiter Jürgen von der Lippe seinen 77. Geburtstag und setzte seine Tour fort. Wir sprachen mit ihm über die ältesten Witze der Welt, seine Beziehung zur deutschen Sprache und sein neuestes Buch.
Herr von der Lippe, Sie schreiben in Ihrer Glossensammlung „Sextextsextett“ unter anderem von Treuetester-Agenturen. Wieso gehen Menschen fremd?
Laut Untersuchungen ist Fremdgehen zumeist ein Revanchefoul, also ein Racheakt. Oder man liebt den Partner einfach nicht mehr. Oder Alkohol ist im Spiel. Egal wie: Auf jeden Fall muss jemand zum Fremdgehen zur Verfügung stehen. Und wenn das der Fall ist, braucht man – denke ich – gar keinen anderen Grund mehr.
Mit ihrem Geschäftsmodell haben Treuetester-Agenturen offenbar einen Nerv getroffen. Was sagt uns dieser Trend über Paarbeziehungen in der heutigen Zeit?
Nichts, außer dass sie zusätzliche Probleme schaffen. Wenn einer fremdgeht, sollte der Partner das nicht wissen wollen, solange die Beziehung noch Freude macht. Wenn die Agentur aber was findet, ist meist alles zu spät. Der Betrogene ist sauer, der Fremdgeher auch, weil ihm misstraut wurde, womit er das Fremdgehen im Nachhinein rechtfertigen kann. Also da liegt kein Segen drauf.
„50 Tricks die Liebste loszuwerden“ hieß Ihre erste Schallplatte – eine Single mit den Gebrüdern Blattschuss. Das Original stammte von Paul Simon und war eine humorvolle Verarbeitung seiner Scheidung. Wie kam Ihre eingedeutschte Version 1976 beim Publikum an?
Es gab zu meinem Entsetzen viel Beifall von der falschen Seite, etwa: „Endlich zeigt’s mal einer den Weibern!“
Sie empfehlen Charlotte Caspas Buch „Und dafür hab ich mir die Beine rasiert?“ über die kuriosesten Forschungsergebnisse zu allen Lebenslagen. Caspa behauptet etwa, die meisten Menschen hassten ihren Job und freuten sich morgens schon aufs Zubettgehen. Hatten Sie in Ihrem Leben auch mal eine Erwerbstätigkeit, die Sie verabscheut haben?
Aber ja! Meine Bundeswehrzeit hatte viele schöne Momente oder meine Studentenjobs als Getränkelieferant oder am Band in einer Glasfabrik. Was auch meist keinen Spaß macht, sind Gala-Auftritte, bei denen man sich wie ein ungebetener Gast vorkommt, dem keiner zuhört und der das Publikum am Essen, Tanzen oder Betrunkenwerden hindert.
Der „Philogelos“ (dt. „Lachfreund“) ist die älteste erhaltene Sammlung von Witzen aus der Antike. Worüber hat man vor 1800 Jahren in Griechenland gelacht?
Über die üblichen Verdächtigen, also Dumme, Faule, Reiche. Aber über 40 Prozent der Witze handeln vom lebensuntüchtigen Gelehrten, dem zerstreuten Professor.
Sie erinnern sich in Ihrem Buch an aussterbende Dinge wie den Reiseruf per Radio oder die Postkarte. Gibt es auch schöne alte Wörter, die Sie gern zurückhätten?
Ich wiederbelebe sie einfach, sage „Vorführdame“ statt Model, „Backfisch“ statt Teenie, „lustwandeln“ statt spazieren, „Ottomane“ statt Couch und vieles andere, was man zum Beispiel in „Versunkene Wortschätze“ des Duden-Verlages findet. Und unschätzbar für alle, die sich zum „Team Klugscheißer“ zählen: Nicht nur benutzen, sondern auch die Etymologie mitliefern: Blümerant kommt vom Französischen bleu-mourant und heißt wörtlich „sterbendes Blau“. Das hatten früher Damen mit zu eng geschnürter Corsage vor Augen, wenn sie in Ohnmacht fielen.
Sie benutzen noch immer das umstrittene Wort „Eskimo“. In Michael Endes Kinderbuchklassiker „Jim Knopf“ wurde es jetzt geändert in Inuit. Und statt „Indianerjunge“ wird dort „Junge“ geschrieben. Ist das Zensur oder notwendige Anpassung an den sensibilisierten Sprachgebrauch?
Nur die Inuit finden Eskimo beleidigend. Andere verwandte Völkergruppen in Alaska und Sibirien, die Yupik und Inupiat, möchten Eskimo genannt werden. Sie sind beleidigt, wenn man sie Inuit nennt. Und Harald Martenstein schreibt in seinem aktuellen Buch „Es wird Nacht, Senorita“: „Die Lobby-Organisation der US-Indianer heißt immer noch ‚National Congress of American Indians‘“. Und weiter sagt er: „Die Praxis des Bücherumschreibens zum Zwecke der Gefühlschonung stand auch schon im 17. Jahrhundert in Blüte. Der französische Kronprinz, auf Französisch „Dauphin“, bekam nur von Verstörendem und Sittenwidrigem befreite Literatur zu lesen. Diese Werke trugen das Gütesiegel „ad usum Delphini“, geeignet für den Dauphin. Vor allem Homer und Ovid machten den damaligen Zensoren Arbeit.“ Sprachvorschriften gibt es immer in totalitären Systemen: In der DDR sollte es „antifaschistischer Schutzwall“ statt „Mauer“ heißen. Und Putin hat das Wort „Krieg“ für den Krieg gegen die Ukraine verboten.
Wokeness sei toxisch für die Demokratie und ein Segen für die am rechten Rand, behaupten die Spiegel-Bestsellerautoren Peter Köpf und Zana Ramadani. Was denken Sie?
Ein sehr komplexes Thema, deshalb nur ein Beispiel: Dass Rassismus abscheulich ist, darüber sind wir uns alle – hoffentlich – einig. Aber zu behaupten, dass alle weißen Menschen strukturell, also von Hause aus, quasi erbsündenmäßig Rassisten sind, ist Schwachsinn. Und Rassismus mit unsinnigen Sprachverboten zu bekämpfen, ist Schwachsinn und kontraproduktiv. Wie sagte Max Goldt sinngemäß: Wenn die Kritik unangenehmer wird als der kritisierte Gegenstand, wird es gefährlich.
Das junge Genre New Adult bietet Literatur mit ganz viel Romantik und sehr expliziter Darstellung von Sexualität. Oftmals spielen Gewalt und Unterdrückung dabei eine Rolle. In vielen dieser Bücher finden sich Warnhinweise. Was soll Literatur noch sein, wenn vor ihren Inhalten ständig gewarnt wird?
Ich bin langsam beleidigt, dass meine Bücher keine Warnhinweise enthalten.
Sie zitieren Mark Twains satirische „Gedanken zur Wissenschaft des Onanismus“, die der US-Schriftsteller 1879 in Paris öffentlich vortrug. Würde er damit heute noch anecken?
Aber nein! Urologen empfehlen die Masturbation dringend als Prostatakrebs-Prophylaxe – und zwar fünfmal die Woche. Also Samstag und Sonntag hat man frei.
Aus den USA stammt auch der Trend mit den Real Dolls – realistisch gestaltete Liebespuppen in Originalgröße. Was ist diese neue Form von Spielzeug vor allem für Männer– eine moderne Form von Sex oder kreative Selbstbefriedigung?
In der Geschichte „La Leelo“ schildere ich die klassischen Wurzeln dieser Praxis am Beispiel des Bildhauers Pygmalion, der sich in eine seiner Frauenfiguren verliebt, die dann am Happy End von der Liebesgöttin Aphrodite zum Leben erweckt wird und ihm dann auch ein Kind schenkt. Das müssen die Epigonen allerdings nicht befürchten.
Liebe mit lebloser Materie – wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Verglichen mit dem, was Proktologen alles als Notfall unterkommt und als Unfall deklariert wird, ist es Pillepalle.
Ist die Real Doll Segen oder Fluch für die Frauen?
Beides unangemessen große Worte. Ich würde „mögliche Entlastung“ vorschlagen.
In Daytona Beach/USA, schreiben Sie, verbiete es der Gesetzgeber, öffentliche Mülleimer sexuell zu belästigen. In West Virginia dürfen Männer nur Sex mit Tieren haben, wenn diese nicht mehr als 40 Pfund wiegen. Und in Wisconsin ist es gesetzlich verboten, während des Höhepunkts eine Waffe abzufeuern. Was sagen uns diese skurrilen Sexgesetze über die amerikanische Gesellschaft?
Sie sagen uns eher etwas über die Verwaltungsbeamten, die sich das ausgedacht haben, und dieser Menschenschlag existiert wohl weltweit. Hierzulande verantwortet er Begriffe wie „raumübergreifendes Großgrün“ für Baum oder „raufutterverzehrende Großvieheinheit“ für Kuh.
Sie schreiben, Donald Trump habe seinen Schniedel Trump-Tower genannt. Warum eckt er selbst mit den derbsten sexuellen Entgleisungen bei seinen Wählerinnen nicht an?
Das habe ich erfunden, bin aber sicher, dass er es mir nicht übelnehmen würde.
Sie machen sich Gedanken über die Frage, ob Männer das glücklichere Geschlecht sind, weil ihre Anforderungen an das Glück nicht so hoch seien. Was bedeutet Glück für Sie als Mann?
Diese These stammt von Richard David Precht, den Peter Sloterdijk den André Rieu unter den Philosophen genannt hat. Und zur Frage: Für mich als Feministen ist die Glücksdefinition für Mann und Frau gleich: Das Glück gleicht dem Balle, es steigt nur zum Falle.
Jürgen von der Lippe – live:
16. September, Theater am Ring, Saarlouis
17. September, Saalbau, Homburg
19. September, Stadthalle, Merzig
20. September, Illipse, Illingen
30. September bis 5. Oktober und 25. November bis 30. November, Die Wühlmäuse, Berlin