Von der Idee bis zur Präsentation sind zehn Jahre vergangen – nun ist er auf dem Markt: ein Wein aus Ostfriesland. Dazu bietet die Winzergenossenschaft einen Grappa mit Ostfriesentee an.
Ein Getränk aus Ostfriesland? Da fällt vielen Menschen vermutlich zunächst der Ostfriesentee ein. An Grog denkt der eine oder die andere vielleicht noch. An Wein sicher niemand. Das soll sich ändern, sagt Torsten Oltmanns. Der Unternehmer mit Professorentitel ist Vorstand der ersten Ostfriesischen Winzergenossenschaft (OWG). Die hat gerade ihren ersten Jahrgang des Weins „Wilderfang“ präsentiert – „eine önologische Sensation, die die deutsche Weinlandschaft bereichert“ und der Beweis, „dass auch hinter dem Deich exzellente Tropfen gedeihen können“, wie Oltmanns sagt.
Anbau der Sorten Solaris und Souvignier Gris
Er hatte 2015 die Idee für den Weinanbau in Ostfriesland – nach einem Besuch auf dem Weingut von Balthasar Ress im Rheingau. Ress betreibt auch einen Weinberg auf Sylt. „Was die Nordfriesen können, können die Ostfriesen schon lange“, sagte sich Oltmanns. Zumal Ostfriesland inzwischen fast so viele Sonnenstunden habe wie Stuttgart. Das mache den Weinanbau zwischen Ems und Nordsee nicht nur möglich, sondern aus seiner Sicht geradezu erforderlich.
„Wir möchten zeigen, dass auch in Zeiten des Klimawandels eine innovative und nachhaltige Weinproduktion in neuen Regionen möglich ist“, erklärt Torsten Oltmanns. Der Name „Wilderfang“ spiele dabei nicht nur auf den Pioniergeist der Winzer, sondern auch auf die wilde Schönheit der ostfriesischen Landschaft an. „Wir verbinden Tradition mit Innovation und schaffen so ein einzigartiges Geschmackserlebnis“, betont der Wein-Pionier. Zwei Jahre hat es dann von der Idee bis zu den ersten konkreten Schritten gedauert. 2017 haben 40 Weinenthusiasten die Ostfriesische Winzergenossenschaft gegründet.
Um das Projekt professionell umsetzen zu können, haben sich die Ostfriesen Unterstützung aus dem klassischen Weinanbaugebiet Rheinhessen geholt: die Winzerin Angelina Schmücker. Im Ruhrgebiet aufgewachsen, hat es sie als Jugendliche nach Rheinhessen verschlagen. Bis dahin wusste sie noch nicht, wie Wein überhaupt hergestellt wird und dass es so etwas wie Weinreben gibt, sagt sie. Angelina Schmücker mag die rheinhessische Lebensart. Als „herzlich, offen, immer was Gutes zum Essen und mindestens mal einen Schoppen auf den Tisch“ beschreibt sie diese Lebensart. Während der Schulzeit half Schmücker immer wieder bei einem mit ihrer Familie befreundeten Winzer in den Weinbergen mit. Sie lernte den Beruf kennen, doch dass es auch möglich ist, ohne Familienbetrieb diesen Beruf zu erlernen, „war für mich damals nicht selbstverständlich“, erinnert sie sich.
Schmücker wagte den Schritt, studierte auch ohne eigenes Weingut in Geisenheim Weinbau und Önologie und machte eine Ausbildung zur Winzerin. Das brachte sie ihrem Traum vom eigenen Wein einen großen Schritt näher. 2015 hat sie dann Weinberge in Rheinhessen gepachtet und brachte ein Jahr später ihre ersten eigenen Weine auf den Markt. Seitdem hat sie ihr Sortiment erweitert „und ihre Handschrift und ihr Weinwissen noch mehr entwickelt, so dass sie mittlerweile ein bekanntes Gesicht in der Weinwelt geworden ist“, freut sich der Vorstand der Ostfriesischen Winzergenossenschaft.
Von 0 auf 100 konnte aber auch die erfahrene Winzerin aus Rheinhessen den Weinbau in Ostfriesland nicht pushen. Im Mai 2021, also vier Jahre nach Gründung der Genossenschaft, wurde der Weinberg eröffnet – und damit das 14. Weinanbaugebiet Deutschlands. Der Landrat von Leer, in dessen Kreis das Anbaugebiet liegt, konnte es kaum fassen: „Nunmehr wird ein ,Weinberg‘ unser Orts- und Landschaftsbild prägen.“ Zur Präsentation der ersten zum Verkauf stehenden Weine – wieder vier Jahre später – kam auch einer der Unterstützer in die Landesvertretung nach Berlin, der aus Sicht von Torsten Oltmanns besonders wichtig war dafür, dass seine Idee im wahrsten Sinne des Wortes Wurzeln geschlagen hat: Olaf Lies, damals noch niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz, inzwischen Ministerpräsident des Landes.
4.000 Reben derzeit im Bestand
Die Zahl der Mitglieder ist seit der Gründung vor acht Jahren größer geworden. Auf einem Hektar Land in Breinermoor bei Leer kultivieren zurzeit 55 Genossenschaftsmitglieder mit Unterstützung der Winzerin Angelina Schmücker die pilzresistenten Rebsorten Souvignier Gris und Solaris. „Das Ergebnis ist ein Wein, der die Frische der Nordsee und die Charakterstärke Ostfrieslands in sich vereint. Unser ‚Wilderfang‘ überrascht mit Aromen von Mirabelle, Nektarine und einem Hauch von salzigem Popcorn – ein wahrhaft maritimes Geschmackserlebnis“, schwärmt die Winzerin. Bei der ersten öffentlichen Verkostung in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin ist zwar nicht jeder ganz so euphorisch gewesen wie das OWG-Team. Aber: Der Wein leistet zwar etwas Widerstand, ist aber dann gut trinkbar.
Die ausgewählten Rebsorten sind für die Herausforderungen harter Witterungen gezüchtet, erklärt Angelina Schmücker. Die speziellen Rebsorten, sogenannte Piwis, sind eine Kreuzung von europäischen Edelsorten mit amerikanischen Urreben, die eine natürliche Resistenz gegen Pilzkrankheiten aufweisen. 4.000 Reben hat die OWG zurzeit im Bestand. 3.000 davon sind Solaris. „Der Name bezieht sich auf die Kraft der Sonne und die frühe Reife. Es ist eine Neuzüchtung aus Geisenheim, speziell mit dem Ziel der Krankheits- und Pilzresistenz“, erklärt die Winzerin. Als „Eltern“ fungierten die Rebsorte Merzling sowie eine aus dem Muskat-Ottonel gewonnene Hybridrebe. Aufgrund ihrer Widerstandskraft sei diese Rebsorte in besonderem Maß für recht kühle und feuchte Weinbaugebiete geeignet, „zumal sie spät austreibt und sehr früh reift bei gleichzeitiger hoher Zuckerbildung“, sagt die Fachfrau. Die restlichen 1.000 Reben sind Souvignier Gris. „Souvignier Gris ist eine neu gezüchtete, pilzwiderstandsfähige Weißweinsorte. Die Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Bronner ist gut geeignet für niederschlagsreiche Weinanbaugebiete. Souvignier Gris ist eine unkomplizierte Rebsorte, die keinen bis minimalen Pflanzenschutz benötigt. Die Farbe des Weines ist überwiegend hellgelb mit einzelnen silbernen bis hellgoldenen Reflexen. Die Weißweine sind kräftig-stoffig. Die Weine aus der Traube sind leicht fruchtig und erinnern je nach Ausbau an Grauburgunder“, heißt es in der Erklärung der Winzergenossenschaft.
Neben dem „Wilderfang“ präsentierte die OWG in Berlin auch einen „Ostfriesischen Grappa“ und einen in Kooperation mit dem Berliner Unternehmen Mampe hergestellten Gin. Der wurde mit einem Hauch Ostfriesentee verfeinert.
Das alles sehen Torsten Oltmanns und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter nur als einen weiteren Schritt, Ostfriesland auch mit Wein und Grappa in die Köpfe zu bringen. Dazu werden weitere Genossinnen und Genossen gesucht. Das Ziel sei: „Ein Verbund von 99 Visionären mit einem Herz für die Idee und Lust, an einem besonderen Ort vorzüglichen Wein zu produzieren.“