Am 13. August erschien mit „Rabenland“ ein neuer Teil der Nils-Trojan-und-Carlotta-Weiss-Reihe von Max Bentow. Auch der zweite Band verspricht Spannung und Tiefgang bis zur letzten Seite – und den ein oder anderen Albtraum für Leser und Autor.
Plötzlich ist sie wieder da. Ein Jahr lang hat die ganze Stadt nach der 17-jährigen Lilly gesucht und jetzt taucht sie urplötzlich verletzt vor einem Krankenhaus in der Uckermark wieder auf. Ohne jegliche Erinnerung daran, wo sie das vergangene Jahr verbracht hat. Die einzige kryptische Botschaft, die sie für die ermittelnden Beamten parat hat, ist die, sie sei „bei den Raben“ gewesen. Ein großes Rätsel beginnt – und mittendrin Kriminalkommissar Nils Trojan und die Kriminalpsychologin Carlotta Weiss.
„Es ist der Auftakt eines neuen Falls für die beiden“, erzählt Max Bentow, Schöpfer der Buchreihe, die am 13. August mit „Rabenland“ um einen neuen Teil reicher wurde. Zehn Bände lang war Nils Trojan zahlreichen Antagonisten auf den Fersen, seit Band elf hat er mit Carlotta Weiss eine neue, etwas unkonventionelle Partnerin an seiner Seite, mit der Bentow eine neue Reihe gestartet hat.
Blick in die Abgründe der Psyche
„Rabenland“ hält genau das bereit, wofür Bentows Thriller bekannt sind: einen Ausflug in die Abgründe der menschlichen Psyche. Genau dafür steht auch seine Hauptfigur: „Nils Trojan ist ein sehr erfolgreicher Ermittler, hat aber auch ein ziemlich dunkles Geheimnis“, erzählt Bentow. Trojan ist nicht der typische stilisierte Held. Er ist Mensch. Geschieden, mit einer erwachsenen Tochter, die er zu selten sieht, und Beziehungen, die nie so recht funktionieren wollen. Ein Ermittler mit Fehlern – und Angst. „Er leidet schon seit vielen Jahren unter Panikattacken, die er vor seinen Kollegen geheim halten muss“, erzählt Bentow. „Ich habe mich viel mit Leuten von der Berliner Kriminalpolizei unterhalten, die mir erzählten, dass es zwar eine psychologische Beratung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gäbe, diese aber niemand nutze. Denn wenn das zum Chef durchdringt, dann gilt man als Weichei, dann gilt man als nicht belastbar. Und da dachte ich: Gerade dass die Angst tabuisiert wird, das interessiert mich am meisten.“ Und so versucht auch Trojan seine Angst selbst in den Griff zu bekommen, wird aber immer wieder von ihr eingeholt. „Er hat quasi Angst vor der Angst“, so Bentow.
Dass Trojan eine Eintagsfliege werden könnte, das stand für Bentow stets außer Frage: „Das war von Anfang an klar, dass das eine Reihe werden soll“, erzählt der Autor. „Ich habe mich noch weit vor 2010 mit der Figur herumgetragen und dann erst, als er so richtig Konturen vor mir aufnahm und beinahe buchstäblich als Mensch vor mir in meinem Arbeitszimmer stand und zu mir sagte: ‚Jetzt fang an und schreibe mich auf‘, da war für mich klar: Jetzt fange ich an mit dieser Reihe.“
Doch auch wenn Trojan das Zentrum bleibt, hat die Reihe mit Profilerin Carlotta Weiss inzwischen Verstärkung bekommen. „Ich habe, als die Reihe bei Band 8, Band 9 ankam, angefangen, darüber nachzudenken, ob es an der Zeit wäre, mal eine ganz neue Ermittlerfigur zu entwerfen“, verrät er. „Und so ist nach und nach die Figur der Carlotta Weiss in meinem Kopf entstanden.“ Sie sollte ganz anders sein als Trojan. „Das Besondere an ihr ist, dass sie hochintelligent ist, hochsensibel, nicht so ganz teamfähig, aber trotzdem: Wenn es drauf ankommt, kann sie sich auch in einem Team unterordnen“, so Bentow.
Nach dem Probelauf in Band 11, „Engelsmädchen“, sollte schnell klar sein, dass dieser Versuch auch bei den Nils-Trojan-Fans auf Zustimmung treffen sollte. „Seit dem Fall ‚Eulenschrei‘ gehört sie nun fest zum Team von Nils Trojan“, erzählt Bentow. „Und mit ‚Rabenland‘ setzt sich diese Zusammenarbeit fort.“
Keine gewöhnlichen Fälle
Für Bentow ist es sehr wichtig, dass seine Figuren Tiefe haben. Dafür verbringt er viel Zeit damit, sich in die handelnden Akteure hineinzudenken und zu fühlen. Auch in seine Antagonisten. „Ich bereite mich auf die Fälle sehr lange vor“, verrät er. „Dabei schreibe ich ein regelrechtes Psychogramm des Täters. Ich fange bei seiner Kindheit an: Wie ist er aufgewachsen? Hat er Liebe erfahren oder nicht? Dann schaue ich: Wo kam es im Erwachsenenalter zum Bruch? Wenn ich dann anfange zu schreiben, ist das für mich eine Figur aus Fleisch und Blut“, so Bentow. „Jeder meiner Täter bereitet mir Alpträume. Und je länger ich an einem Buch arbeite, desto öfter taucht er auch in meinen Träumen auf.“ Negativ findet er das allerdings nicht: „Nach dem Aufwachen denke ich mir dann: Max, das ist genau richtig. Wenn er mir Angst macht, dann auch meiner Leserschaft.“
Gewöhnlich sind seine Fälle nie. Wie kommen einem da überhaupt die Ideen? „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt Bentow. „Beim ersten Band, dem ‚Federmann‘ hat mich zum Beispiel ein Gemälde von Max Ernst, ‚Die Einkleidung der Braut‘, inspiriert.“ Andere Fälle seien auf Zeitungsartikel, Gespräche mit Vertrauenspersonen bei der Kriminalpolizei zurückzuführen. Oder sie beruhen auf Geschichten aus seinem Bekanntenkreis, so wie die „Puppenmacherin“, der zweite Band, in welchem der Täter seine Opfer in Bauschaum tötet. Moment – was? „Das war eine Anekdote, die mir mal jemand beim Abendessen erzählt hat“, lacht er. „Das war ein Bildhauer, der sein neues Atelier eingerichtet hat und dabei feststellte, dass sich dort eine Ratte befindet. Da er in diesem Atelier auch geschlafen hat, wollte er nachts sicher gehen, dass er sich den Raum nicht mit der Ratte teilen müsse, und hat versucht, sie zu verjagen.“ Als ihm das nicht gelang, sprühte er die Nische, in der sich das Tier verkrochen hatte, mit Bauschaum zu. „Ihm fiel in seiner Not nichts anderes ein. Ich fand das so brutal, dass es mich irgendwie auch sehr inspiriert hat“, sagt der Autor.
Wenn eine Idee erst mal da ist, legt Bentow viel Wert auf strukturiertes Arbeiten. „Ich habe feste Zeiten. Ich finde, auch ein Autor braucht seinen Stundenplan“, verrät er. „Ich sitze dann von 8 bis 15 Uhr am Schreibtisch. Auch wenn ich noch nichts habe. Dann warte ich dort auf Ideen.“ Dort habe er auch eine Schublade von bislang nicht umgesetzten, losen Ideen, die sich über die Jahre angesammelt haben.
Denn geschrieben wird erst, wenn alles stimmig ist. Ein Thriller, so Bentow, sollte nämlich mehr sein als nur ein blutiger Plot: „Er sollte authentisch sein. Spannend. Und die Figuren sollten psychologische Tiefe haben“, sagt er. „Ich unterscheide immer zwischen Büchern, die allein von außen erzählt werden, und Büchern, die von innen heraus geschrieben sind.“
Sein Lieblingsband der eigenen Trojan-Serie? „Ach, also mein Lieblingsband ist immer der, an dem ich zuletzt gearbeitet habe“, lacht er. „Ich liebe alle Bände der Reihe, aber das neueste Buch ist immer das, bei dem die Adrenalinausschüttung am stärksten ist. Da sind die Erinnerungen noch ganz frisch.“
Natürlich wird dann auch weiterhin an neuen Lieblingsbänden gearbeitet. „Mit Nils und Carlotta wird es auf jeden Fall weitergehen“, verspricht er. „Schon allein, weil es mir große Freude macht.“ Die ersten Notizen für den nächsten Fall habe er sich bereits gemacht. Und während er aus diesen ein stimmiges Bild zusammenbaut, heißt es für Nils Trojan, Carlotta Weiss und die Bentow-Leser erst einmal, das Puzzle um Lillys Geschichte und das „Rabenland“ zusammenzusetzen.