Ob Darmstadt oder Elversberg – bis zur Ligapause Anfang September muss Hauptstadt-Zweitligist Hertha BSC dringend Punkte sammeln. Die Euphorie ist jedenfalls dahin.
Zwei Spieltage sind in der 2. Liga absolviert, und schon gibt Hertha BSC den Experten Rätsel auf – schlimmer vielleicht noch: auch sich selbst. Auch die Euphorie um Stefan Leitl ist erster Skepsis gewichen. Startete man mit einem Punkt aus zwei Partien doch ähnlich zäh in diese Saison wie im Februar, als der 47-Jährige die Nachfolge von Cristian Fiél antrat und letztlich das Minimalziel Klassenerhalt doch noch souverän erreichte. Dass der selbst und auch von den Medien ernannte Aufstiegsaspirant sich nun quasi wie vor sechs Monaten präsentiert, ist selbstredend nicht als Fortschritt anzusehen. Die Differenz zwischen den Leistungen in der Vorbereitung und jenen in den beiden Ligapartien lässt dazu wieder die Diskussion um das „Kopfproblem“ aufleben: Die Spieler könnten mit dem Aufstiegsdruck nicht umgehen. „Ein Verein wie Hertha BSC hat immer den Anspruch, in der Bundesliga zu spielen – das ist unsere Aufgabe. Wir haben einen Punkt geholt: Lasst die Kirche im Dorf und malt nicht zu schwarz, wir haben noch 32 Spieltage“, beschwichtigte Leitl jüngst gegenüber Medienvertretern in dieser Thematik.
Fakt ist allerdings, dass alle Mannschaftsteile sich bislang problembehaftet zeigten – und einige Leistungsträger der vergangenen Saison durch unterdurchschnittliche Auftritte das Ganze begünstigten. Angefangen mit Tjark Ernst im Tor, der vor allem bei der Auftaktniederlage in Gelsenkirchen die eine oder andere Unsicherheit offenbarte. Sein Vertreter Marius Gersbeck ist dabei nach Operation gerade erst ins Training zurückgekehrt, während sich Robert Kwasigroch inzwischen zu einem Wechsel nach Katar entschlossen hat. In der Dreierkette zeigte sich bislang besonders Márton Dárdai fehlerhaft, doch auch Routinier Toni Leistner sah zum Auftakt nicht gut aus. Im ersten Heimspiel steigerte er sich zumindest auf befriedigendes Niveau, mit Linus Gechter (zuvor gesperrt) war dabei ein stabilisierendes Element zurückgekehrt. Auch die zum Debüt aufgebotenen Außenbahnspieler Julian Eitschberger und Michal Karbownik konnten sich nicht für eine erneute Startelfnominierung empfehlen, der Pole fällt dabei wegen einer erneuten Sprunggelenksverletzung ohnehin aus. Ihre „Nachfolger“ gegen den KSC, Deyovaisio Zeefuik und Marten Winkler, offenbarten wiederum alte Schwächen: Der Niederländer verfügt eben eher über Stärken gegen den Ball, während Winkler als ehemaliger Flügelstürmer defensiv weiter Wünsche offenlässt. Unter den eingesetzten Mittelfeldspielern ist auch Michaël Cuisance bislang hinter den Erwartungen zurückgeblieben: Nach dem Abgang von Ibrahim Maza sollte der Franzose eigentlich mehr Freiheiten genießen, nutzen konnte er die vermeintlichen Vorteile allerdings noch nicht.
Dazu fehlte mit Neuzugang Paul Seguin von Schalke 04 ein Wunschspieler Leitls wegen Verletzung und wird wohl erst im September wieder ins Training zurückkehren können. Auch deshalb gab Herthas Coach einem weiteren Weggefährten aus Fürther Aufstiegszeiten noch einmal eine Bewährungschance: Nach längerer Verletzungspause machte sich Jeremy Dudziak so trotz ausgelaufenem Vertrag zunächst bei der U23 fit und könnte noch einmal als variabel einsetzbarer Spieler zur Option werden. Und nicht zuletzt lief es auch bei Fabian Reese noch nicht rund. Dabei hatte vergangene Saison auch dessen von Leitl verordneter Positionswechsel durchschlagenden Erfolg gezeitigt: Nach der Verschiebung des Flügelspielers in die Sturmzentrale waren ihm schließlich zehn Treffer in den letzten zehn Partien gelungen. Vielleicht aber, so munkelte der „Berliner Kurier“, hatte die Konkurrenz inzwischen genug Zeit, um sich auf das neue System mit der Dreierkette und Stoßstürmer Reese einzustellen. Auch hier muss also festgestellt werden, dass der Zauber des Trainers etwas verflogen ist – selbst die Maßnahme, Reese nach den Abgängen von Florian Niederlechner und Derry Scherhant einen neuen Mann als Entlastung in vorderster Linie zur Seite zu stellen, sollte nicht fruchten. David Kownacki, von Bundesligist Werder Bremen zuletzt an Herthas Konkurrenten Fortuna Düsseldorf ausgeliehen und dort mit starken Werten, blieb bei seinem zweiten Auftritt gegen den KSC sogar ohne einen Torschuss – und damit erneut wie Reese blass.
Warten auf Kownacki
Ein Lichtblick war immerhin der mit vielen Vorschusslorbeeren gekommene Maurice Krattenmacher: Die Leihgabe von Bayern München (2024/25 beim SSV Ulm) überzeugte zwar auf Schalke noch gar nicht, präsentierte sich gegen den KSC aber immerhin als bester Herthaner. Leon Jensen wiederum wusste im defensiven Mittelfeld die Lücke zu schließen, die durch den erneuten Ausfall von Diego Demme entstand – auch der Routinier gehört weiter zu den „Sorgenkindern“ im Kader, klagte wie letzte Saison erneut über Schwindelanfälle und wird nun erst einmal gründlich durchgecheckt. Angesichts der beiden Spiele bis zur ersten Ligapause wegen Länderspielen im September steht Hertha BSC nach bislang nur einem Punkt unter Zugzwang. Am Sonntag geht es zunächst zum mit zwei Siegen gestarteten SV Darmstadt 98, der dazu am ersten Spieltag zu Hause den Bundesligaabsteiger VfL Bochum mit 4:1 auseinandernahm. Es folgt das Heimspiel gegen die SV Elversberg, die den Berlinern vergangene Saison zweimal vier Tore verabreichte und keinen Punkt überließ –
überhaupt konnten die Hauptstädter insgesamt nur einen Zähler gegen die beiden Clubs 2024/25 ergattern. Immerhin war zuletzt die Klärung der „obersten Personalie“ mit Peter Görlich als neuem Geschäftsführer der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA positiv zu bewerten – ebenso wie die Einnahme durch den Transfer des Ex-Berliners Omar Alderete vom FC Getafe zum FC Sunderland. Einst beim Verkauf noch von Fredi Bobic mit einer Beteiligung im Fall des Weiterverkaufs verbunden, spült der Transfer des Paraguayers nun mindestens 1,2 Millionen Euro in die strapazierten Kassen der „Alten Dame“. Je nach Erfolg der Verpflichtung könnten es sogar vier Millionen werden. Es gibt sie also, die guten Nachrichten – wenn diese bei Hertha BSC auch momentan noch eher abseits des Rasens geschrieben werden.