Die Testspiele waren enttäuschend, der Pokalstart souverän – wie gut ist also Union Berlin? Das erste Ligaspiel gegen den VfB Stuttgart wird eine Antwort darauf geben.
Steffen Baumgart blutete das Stürmer-Herz. Der Ex-Profi, der zu aktiven Zeiten als Angreifer einen großen Zug zum Tor hatte, litt unter der Unioner Torflaute während der Saisonvorbereitung fast noch mehr als seine Spieler. „Weder als Spieler noch als Trainer habe ich jemals so eine Negativserie in der Vorbereitung erlebt“, klagte der Chefcoach von Union Berlin. Vier Testspiele hatte der Fußball-Bundesligist absolviert, viermal ging er als Verlierer vom Platz – ohne dabei ein eigenes Tor erzielt zu haben. Über 400 Testspiel-Minuten ohne Erfolgserlebnis können eine Mannschaft verunsichern und den Saisonstart gefährden, das wusste natürlich auch Baumgart. Doch zu viel Gewicht wollte er der bedrückenden Statistik auch nicht beimessen. „Wir haben eine vernünftige Vorbereitung gespielt, auch wenn wir mit den Ergebnissen nicht zufrieden sind“, sagte der Trainer: „Am Ende ist es wichtig, auf den Punkt da zu sein.“ Zumindest beim Pflichtspiel-Auftakt war das der Fall. Union gewann sein Erstrundenspiel im DFB-Pokal beim Regionalligisten FC Gütersloh relativ problemlos mit 5:0 und zeigte sich in der Offensive schwungvoll und vor allem effizient. Baumgart sah seine vor dem Spiel geäußerte Einschätzung bestätigt, dass „die Jungs wissen, wo die Kiste steht“. Die Offensivspieler Andrej IliĆ und Jeong Woo-yeong konnten sich in die Torschützenliste eintragen und frisches Selbstvertrauen sammeln. Und auch der immens fleißige und trickreiche Ilyas Ansah wusste zu überzeugen. Dazu bejubelten die Berliner drei Treffer nach Standardsituationen – auch das gibt dem Team Hoffnung für den Ligastart. An diesem Samstag (23. August) steht für die Eisernen das erste Spiel der Bundesligasaison an; es geht zu Hause in der Alten Försterei gegen den VfB Stuttgart.
„Vernünftige Vorbereitung“
Die Stuttgarter reisen mit dem Gefühl einer Niederlage im ersten Pflichtspiel der Saison nach Berlin-Köpenick. Gegen Meister FC Bayern kassierte der Pokalsieger im Supercup daheim ein 1:2. So richtig spannend wurde es erst durch den Anschlusstreffer von Jamie Leweling in der Nachspielzeit. Dennoch zogen die Stuttgarter aus dem Auftritt einiges an Selbstvertrauen für den Ligastart. „Wir hatten sehr, sehr gute Torchancen, die man an besseren Tagen auch mal machen kann“, sagte Nationalspieler Angelo Stiller.
Einige Chancen vergab Nick Woltemade, auf den gegen Bayern viele Blicke gerichtet waren. Nachdem die Club-Bosse einem Wechsel des Shootingstars zu den Münchnern einen Riegel vorgeschoben haben, dürfte der Druck nun etwas nachlassen. Schon gegen Union hoffen die Stuttgarter auf einen befreiter aufspielenden Woltemade. „Wir haben viele Ziele, wir haben große Ziele mit ihm zusammen“, sagte VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle.
Innerhalb des Teams wurde die Nachricht, dass Stuttgart das letzte Bayern-Angebot für Woltemade in Höhe von 55 Millionen Euro plus Bonuszahlungen abgelehnt hat, sehr positiv aufgenommen. „Wir freuen uns über den Verbleib von Nick“, sagte Teamkollege Stiller. Einen Nick Woltemade, der in der Vorsaison in 33 Pflichtspielen 17 Treffer erzielte, bei der U21-Europameisterschaft Torschützenkönig wurde und jüngst seine ersten Länderspiele in der A-Nationalmannschaft absolvierte, würde ganz sicher auch Baumgart gerne in seinen Reihen sehen. Doch ein Stürmer dieser Klasse steht aktuell nicht im Union-Kader. Die Mannschaft muss versuchen, als Kollektiv mehr Druck zu entwickeln und Tore zu erzielen. Im Pokal gegen Gütersloh funktionierte das – anders als in den Vorbereitungsspielen – phasenweise gut. Doch Stuttgart ist eine ganz andere Kategorie als Gegner. Gegen den Europa-League-Starter werden IliĆ, Ansah und Co. nicht so leicht vorbeilaufen und -dribbeln können wie gegen die Amateure aus Westfalen. Und zur Wahrheit gehört auch: Das Spiel bei eigenem Ballbesitz sah auch gegen Gütersloh teilweise erschreckend schwach aus. Das Ergebnis täuschte ein wenig über den Spielverlauf hinweg und war vor allem der Abgeklärtheit vor dem Tor sowie der größeren individuellen Qualität geschuldet. Doch darauf sollte sich Union gegen Stuttgart nicht verlassen, im 1:1-Vergleich ist das Team auf den einzelnen Positionen größtenteils schwächer besetzt als die Schwaben.
Für die Offensive steht Baumgart einer nicht mehr zur Verfügung: László Bénes. Der slowakische EM-Teilnehmer war vor einem Jahr quasi als Königstransfer gekommen, doch die Erwartungen konnte er nicht mal ansatzweise erfüllen. Selbst in der schwächelnden Union-Offensive bekam Bénes, der beim Hamburger SV höchst erfolgreich Regie geführt und große Torgefahr ausgestrahlt hatte, wirkliche Einsatzchancen. Daran hätte sich auch in dieser Saison nichts geändert, deswegen legten ihm die Verantwortlichen keine Steine für einen Wechsel in den Weg.
Torwart Rönnow bleibt unumstritten
Leihweise spielt der Mittelfeldspieler künftig für ein Jahr in der Türkei für Kayserispo. „László ist ein Spieler, auf den wir uns stets verlassen konnten – besonders seine Joker-Qualitäten haben uns vergangene Saison geholfen. Natürlich wünscht auch er sich mehr Spielzeit und dem wollten wir nicht im Weg stehen. Wir wünschen ihm alles Gute und werden seine weitere Entwicklung im Auge behalten“, sagte Geschäftsführer Horst Heldt, der vor einem Jahr noch rund drei Millionen an Ablöse an den HSV für Bénes bezahlt hatte. Irgendwann könnte Mittelstürmer Dmytro Bogdanov vielleicht das fast schon chronische Sturm-Problem der Eisernen lösen. Der 18-Jährige wurde von der SG Dynamo Dresden verpflichtet und gilt als Investition in die Zukunft. Der ukrainische Nachwuchs-Nationalspieler soll zwar vorerst in der clubeigenen U19 Spielpraxis sammeln, unter der Woche aber am Training mit den Profis teilnehmen und so sein Leistungsvermögen schrittweise steigern. Heldt beschrieb den jungen Ukrainer als „talentierten, körperlich starken Stürmer mit großem Torinstinkt“. Das Ziel sei, „ihn behutsam an das Niveau im Männerbereich heranzuführen und ihm dafür optimale Bedingungen zu bieten“. Vielleicht schafft es Dmytro ja tatsächlich, noch erfolgreicher zu werden als sein Vater.
Vladimir Bogdanov war ebenfalls Mittelstürmer und spielte unter anderem im Nachwuchs von Borussia Dortmund sowie für die Zweite Mannschaft des 1. FSV Mainz 05. Dessen Sohn heuert nun bei Union an und versprach: „Ich werde jeden Tag hart arbeiten, um mich weiterzuentwickeln und das Vertrauen des Vereins zu rechtfertigen.“
Dergleichen muss Frederik Rönnow nicht mehr tun, jeder bei den Eisernen weiß um die Wichtigkeit der unumstrittenen Nummer eins. Umso besorgter war man bei Union, als der Däne kurz nach der Halbzeit in Gütersloh wegen Schwindelgefühlen und Kreislaufproblemen nicht mehr weiterspielen konnte. Die Hitze hatte ihm sehr zu schaffen gemacht. „Er ist keiner, der freiwillig aus dem Tor geht“, sagte Trainer Baumgart. Rönnow musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die „durchgeführten medizinischen Untersuchungen haben durchweg positive Ergebnisse ergeben“, teilte Union mit. Doch klar ist auch: Rönnow wird gegen Stuttgart nur dann zwischen den Pfosten stehen, wenn es keine Gefahr für einen Rückfall gibt.