Der wochenlange Streit zwischen Marc-André ter Stegen und seinem Club FC Barcelona glich beinahe einer Seifenoper – und endete wie das Hornberger Schießen. Im Vordergrund stehen nach dem Sommertheater vor allem die Perspektiven des 33-Jährigen für eine Teilnahme als Deutschlands Nummer eins an der WM.
Für Marc-André ter Stegen läuft spätestens seit Mitte August ein doppelter Countdown. Trotz der kitschig inszenierten Versöhnung mit seinem Arbeitgeber FC Barcelona nach einem wochenlangen Sommertheater um die Folgen einer erneuten Rückenoperation dürfte der deutsche Nationaltorhüter beim spanischen Meister keine Zukunft mehr haben, was für ter Stegen zweierlei bedeutet: Um wie erträumt bei der WM-Endrunde 2026 mit dann 34 Jahren erstmals bei einem großen Turnier die Nummer eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft sein zu können, muss ter Stegen bis Jahresende nicht nur möglichst bald wieder seine volle Leistungsfähigkeit und Topform erreichen, sondern vor allem im Winter einen neuen Verein als Bühne für seine Turniertauglichkeit finden. Beide Projekte dürfen getrost als ambitioniert gelten.
Neuer-Nachfolge noch nicht geklärt
Im Lager des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist der sportlichen Leitung die Brisanz der Personalie ter Stegen weniger als ein Jahr vor dem geplanten Griff nach dem fünften WM-Titel nur allzu bewusst. Eine Diskussion um den natürlichen Nachfolger des „ewigen“ Nachfolgers von Manuel Neuer wollen Bundestrainer Julian Nagelsmann und DFB-Sportdirektor Rudi Völler einerseits auch unbedingt vermeiden, andererseits auch keinen potenziellen Nachrücker zu früh zu sehr vergrätzen.
Also fährt die Nationalmannschaftsführung vor den ersten drei Begegnungen in der WM-Qualifikation von September bis November, in denen ter Stegen ohnehin nicht zwischen den Pfosten der deutschen Mannschaft stehen kann, im Hinblick auf die erste Hälfte des WM-Jahres einen „Sowohl-als-auch-Kurs“. In der Praxis klingt das mitunter etwas verkrampft. „In meinen Gedanken weiß ich, dass Marc zurückkommt im Dezember, dann die beiden Spiele machen wird im März, im Juni auch, und dann die WM spielen wird“, sagte Nagelsmann bereits Ende Juli, kurz nach der Operation von ter Stegens Rücken, bei einer französischen Spezialistin auf dem Internationalen Trainer-Kongress in Leipzig.
Allerdings mochte der Coach letztlich auch nicht nur als Träumer angesehen werden und knüpfte deswegen sein Versprechen für ter Stegen an zwei Bedingungen: „Er weiß, dass er die Nummer eins ist, wenn er gesund und im Verein die Nummer eins ist.“
Doch schon zum damaligen Zeitpunkt war die Rückkehr des Mönchengladbachers in Barcelonas Gehäuse nur noch eine theoretische Option. Durch den 25-Millionen-Euro-Kauf von Joan García vom Lokalrivalen Espanyol Barcelona sowie die Vertragsverlängerung mit dem vor Jahresfrist aus dem Ruhestand geholten Wojciech Szczesny war ter Stegens Degradierung trotz seines Kapitäns-Amtes zur Nummer drei bereits vor der Operation besiegelt. Die Mobbing-Taktik des Clubs in der nachfolgenden Auseinandersetzung über die Gesundheitsakte des Rheinländers ließ denn auch keine Zweifel mehr an den Plänen der „Blaugrana“.
Ter Stegen dürfte das bei einem Gespräch mit Nagelsmann auch nur allzu klar gewesen sein – genauso wie die Notwendigkeit eines Vereinswechsels. Nagelsmanns weitere Andeutungen in Leipzig jedenfalls erweckten einen entsprechenden Eindruck: „Für Marc ist es total bitter gelaufen. Ich habe einen super Austausch mit ihm, er kann die Situation richtig einschätzen. Ich gehe davon aus, dass er im Winter wieder die Nummer eins wird.“ Vom Stammplatz bei „Barça“ sprach der Bundestrainer mutmaßlich bewusst nicht.
Planspiele für einen Wechsel von ter Stegen in der Winterpause zur Verbesserung klangen denn auch schon in einer Stellungnahme von Rudi Völler kurz nach der theatralischen Beilegung der Differenzen zwischen dem Schlussmann und dem spanischen Meister durch. „Wir wünschen und hoffen alle, dass er wieder fit zurückkommt, und egal, wo er dann spielt, ob in Barcelona oder bei einem Verein X, dass er dann unsere Nummer eins sein wird, auch bei der Weltmeisterschaft“, sagte der Weltmeister von 1990 deutlich erkennbar mit Wohlwollen. Doch auch der DFB-Sportdirektor machte die Erwartungshaltung des Verbandes gegenüber ter Stegen deutlich: „Fitness ist sehr wichtig.“
Vorgaben wie diese könnten am Ende der ersten Augustwoche wenige Tage vor Saisonbeginn in der spanischen Meisterschaft, zu den Grundlagen für ter Stegens überraschend signalisierte Versöhnungsbereitschaft gegenüber seinem langjährigen Arbeitgeber gehört haben. Angesichts der Dimension der vorherigen Schlammschlacht der beiden Streitparteien erscheint ein Gespräch unter Männern, wie ter Stegen ebenso wie Barcelonas gewiefter Vereinsboss Joan Laporta suggerieren wollten, als absolut nicht ausreichend für den kaum noch für möglich gehaltenen Friedensschluss.
Was hat ihn zum Einlenken bewogen?
Der Logik des Fußballgeschäfts folgend müssen beide Seiten ja etwas von dem kitschigen Schauspiel mit gegenseitigen Sympathiebekundungen vor Barcelonas Saisoneröffnung gehabt haben. Der Nutzen des Clubs von ter Stegens Einwilligung in die Weitergabe seiner Krankenakte an die Mediziner des spanischen Liga-Verbandes liegt dabei auf der Hand, erschien doch die Registrierung von García und Szczesny plötzlich trotz der Milliarden-Schulden der Katalanen durch den wieder größer gewordenen Finanzspielraum nur noch als Formsache. Nicht mehr, aber aus Barcelonas Sicht vor allem auch nicht weniger.
Doch was konnte ter Stegen wohl zum Einlenken bewogen haben? Mit 33 Jahren und nach elf Jahren in Barcelona hat sich der Keeper mit Sicherheit nicht mit der Aussicht auf einen fairen Konkurrenzkampf nach seiner Genesung um den Platz im „Barça“-Gehäuse abspeisen lassen. Zu lang ist ter Stegen dafür im Geschäft, zu kurz aber ist besonders die Zeitspanne für ein solches Roulette mit unumkehrbaren Konsequenzen nach Ablauf der Wintertransferperiode bis zur WM.
Unter diesen Voraussetzungen kann seine Abmachung mit Laporta mehrere Eckpunkte beinhalten. Neben seiner vollständigen Rehabilitierung als Nummer eins und Kapitän dürfte ter Stegen mindestens große Teile seiner Leistungsprämie in Höhe von 3,5 Millionen Euro für die vergangene Saison, die durch den laut Medienberichten angeordneten Verzicht von Trainer Hansi Flick auf seinen Landsmann im letzten Punktspiel hinfällig geworden sein soll, überwiesen bekommen. Verließe der Schlussmann „Barça“ im Winter nun als gesunder Spieler vorzeitig, könnte Barcelona aus den Einsparungen des sonstigen Gehalts locker eine immer noch beachtliche Abfindung finanzieren und – vor allem – seinem dienstältesten Spieler im Kader bei einem Wechsel in Form einer bestenfalls symbolischen Ablöse die Jagd nach dem persönlichen WM-Traum ermöglichen.
In einer solchen oder ähnlichen Win-win-Situation fielen ter Stegen und Laporta die guten Mienen vor den eigenen Fans bei der Mannschaftspräsentation nach ihrem zwischenzeitlich völlig aus dem Ruder gelaufenen Kleinkrieg vergleichsweise leicht. „Für mich persönlich“, sprach ter Stegen mit der Nummer eins auf dem Rücken und der Kapitänsbinde am Arm vor vollbesetzten Rängen ins Stadionmikrofon, „war es wichtig, die Angelegenheit zwischen dem Verein und mir zu klären – und jetzt ist es an der Zeit, nach vorne zu schauen.“
Nach vorne – für ter Stegen kann das nur der Weg zurück ins Tor der Nationalmannschaft und zur WM sein.