Es gibt Menschen, die Krankheiten verbreiten, ohne selbst Symptome zu zeigen oder gar zu erkranken. Eine davon war eine bedauernswerte Köchin, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA zweifelhaften Ruhm erlangte.
Der Schreck ist groß, als am 27. August 1906 in der gemieteten Sommerresidenz von Charles Henry Warren und seiner Familie in Oyster Bay die kleine Tochter der Warrens an Typhus erkrankt. In derselben Woche zeigen fünf weitere Personen im gleichen Haushalt Symptome. Schnell tritt die Gesundheitsbehörde New Yorks auf den Plan. Typhus ist eine oft tödliche, hochansteckende Infektionskrankheit, deren Bakterien (Salmonellen) schwere Durchfallerkrankungen verursachen. Menschen infizieren sich meist durch verseuchtes Trinkwasser und Nahrungsmittel.
Die Beamten eilen zum Sommerhaus des Bankiers, knapp 60 Kilometer nordwestlich von Manhattan. Oyster Bay ist kein New Yorker Armenviertel, wo Typhus zu jener Zeit oft auftritt, sondern ein Ort für Reiche und Berühmte, wo auch Präsident Theodore Roosevelt seine Sommerresidenz hat. Die Beamten der Gesundheitsbehörde müssen unbedingt vermeiden, dass sich die Krankheit ausbreitet. Schließlich hat Typhus mit den zwei Hauptformen Bauchtyphus und Paratyphus – laut der Zeitung „New York Post“ – sechs Jahre zuvor noch 35.000 Amerikaner das Leben gekostet. Bei einer Untersuchung des Trinkwassers im Warren-Haushalt finden sich keine Erreger – gleiches Ergebnis bei den untersuchten Lebensmitteln. Den Beamten bleibt nur zu hoffen, dass sich die Krankheit nicht weiter ausbreitet.
Dem Mann, der das Haus an den reichen Bankier vermietet hat, ist das zu wenig. Sollte es sich herumsprechen, dass sein schönes Wochenendhaus Typhus-Erreger beherbergt, kann er künftige Mieteinnahmen in den Wind schreiben. Also heuert er Dr. George A. Soper an, damals Sanitäringenieur im Gesundheitsamt New Yorks – und im Herzen ein Detektiv, der sich sofort akribisch und mit Methode auf die Suche macht. Zuerst untersucht er die Milch, die die Bankiersfamilie konsumiert hat, dann die Muscheln, die sie verspeist hat. Beides ohne Befund. Danach wendet er sich den Angestellten der Familie zu: Drei Wochen vor dem Typhus-Ausbruch haben die Warrens eine neue Köchin eingestellt. Ein bis drei Wochen ist auch die mittlere Inkubationszeit von Typhus, also der Zeitraum zwischen Ansteckung und Krankheitsausbruch. Das ist verdächtig.
Mallon glaubte den Ärzten nicht
Noch mehr Verdacht schöpft Soper, als er erfährt, dass die Köchin direkt nach dem Ausbruch der Krankheit verschwunden ist. Im Haus weiß niemand etwas über sie – außer ihren Namen: Mary Mallon. Er fragt bei der Agentur für Haushaltsangestellte nach, die die Köchin an die Warrens vermittelt hat. Und er stellt eine Liste zusammen mit Marys früheren Arbeitgebern. In fast allen Familien, für die sie tätig war, gab es Typhusfälle, und Mary machte sich immer kurz nach den Ausbrüchen davon. Sie selbst wird anscheinend nie krank. Eine Erklärung ahnt Soper bereits: Er hatte von einem wissenschaftlichen Durchbruch in Deutschland gehört und vom berühmten Bakteriologen Robert Koch. Der wurde 1882 mit der Entdeckung des Tuberkulose-Erregers zum weltweiten Star und erhielt 1905 für die Entdeckung des Cholera-Erregers den Medizin-Nobelpreis. Kochs wissenschaftliche Arbeit legt den Grundstein für die Bakteriologie. Er entwickelte Methoden, die heute noch in der Medizin verwendet werden.
Der Typhus-Keim (Bacillus typhosus) wurde bereits 1884 isoliert, aber es dauerte noch viele Jahre, bis zweifelsfrei bewiesen war, dass die Krankheit von einem scheinbar gesunden Menschen übertragen werden kann, der keine Symptome zeigt, aber trotzdem ein wandelnder Keimherd für Typhus-Bakterien ist. Koch machte auch diese wichtige Entdeckung: In Straßburg, damals noch Deutschland, war es wiederholt zu Typhus-Ausbrüchen gekommen, die scheinbar alle ihren Ursprung in einer Bäckerei hatten. Doch die Bäckerei war sauber, und die Wasserversorgung wies keine Anzeichen von Typhus-Erregern auf. Dr. Koch unterhielt sich mit der Frau, die den Laden führte, und erfuhr, dass sie Jahre zuvor an Typhus erkrankt war. Er führte Tests durch und stellte fest, dass sie zwar in der Lage war, ihren Geschäften wie ein normaler, gesunder Mensch nachzugehen, ihr Körper aber immer noch Typhuskeime abgab. Jetzt hatte Koch den Beweis dafür, dass es unerkannte sogenannte asymptomatische Typhus-Überträger gibt.
Soper ist überzeugt, dass auch Mary Mallon ein solch asymptomatischer Träger und auch Dauerausscheider von Typhusbakterien ist. Infektions-Epidemiologen würden Mary heute auch einen „Superspreader“ nennen, einen infizierten Organismus, der seine Erkrankung an eine außergewöhnlich hohe Zahl anderer Individuen weitergibt. Soper braucht letztlich sieben Monate, um Mary zu finden. Schließlich konfrontiert er sie im März 1907 in der Küche ihres aktuellen Arbeitgebers auf der Park Avenue. Auch dort wurde ein Typhusfall gemeldet. Soper versuchte, Mary mit freundlichen Worten zu erklären, dass sie wahrscheinlich der Grund für all die Typhusfälle ist. Und er bittet sie, einen Test zu machen. Sie jedoch ist zutiefst erbost und ruft: „In meinem ganzen Leben war ich nicht einen einzigen Tag krank.“ Als Soper auf dem Test besteht, nimmt sie eine spitze, zweizackige Fleischgabel und jagt ihn damit aus ihrer Küche und aus dem Haus.
Soper alarmiert umgehend das zuständige Gesundheitsamt und erklärt, dass Mary Mallon eine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit ist. Die zuständige Ärztin, Dr. Josephine Baker, stattet Mallon einen Besuch ab. Doch auch sie wird aus der Küche vertrieben. Am nächsten Tag kommt Baker zurück – mit drei Polizisten und zwei Medizin-Assistenten. Mary öffnet die Tür und nimmt schreiend Reißaus. Nach stundenlanger Suche entdeckt einer der Polizisten vor dem Nachbarhaus einen Rockzipfel aus einem Verschlag hinter zwei Mülleimern. Er öffnet den Verschlag und Mary stürmt heraus. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen und flucht wie ein Rohrspatz. Nur mit großer Mühe verfrachten die Männer sie in den bereitstehenden Krankenwagen. Auf der ganzen Fahrt zum Hospital muss Dr. Baker sich auf Mary setzen, um sie zu bändigen. „Als wäre man in einem Käfig mit einem wildgewordenen Löwen“, erzählt sie später den Zeitungsreportern.
Sopers Verdacht bestätigt sich. Mary trägt eine hohe Zahl an Typhus-Bakterien in sich. Die Ärzte wollen Mary überzeugen, sich die Gallenblase entfernen zu lassen, denn dort nisten sich die Typhus-Bakterien ein. Doch Mallon lehnt die lebensgefährliche Operation ab. Schließlich bringt man sie in ein Krankenhaus für ansteckende Krankheiten auf der Insel North Brother Island, südlich der Bronx. Dort bleibt sie drei Jahre. Zutiefst verletzt und wenig kooperativ. Mary selbst glaubt wohl nie wirklich, dass sie Typhus in sich trägt.
23 Jahre in einer Art Einzelhaft
Die bedauernswerte Köchin kommt zu zweifelhaftem Ruhm. Das Nachrichtenmagazin „New York American“ titelt: „Die harmloseste und doch gefährlichste Frau Amerikas“. Kinder skandieren rhythmisch ihren Namen, wenn sie auf der Straße Seil springen: „Mary, Mary, what do you carry?“ (Deutsch etwa: „Mary, Mary, was trägst Du in Dir?“). Die Klatschpresse nennt sie boshaft „Typhus-Mary“.
Doch es gibt auch Zeitgenossen, die in Mary ein Behördenopfer sehen und eine vom Schicksal gebeutelte Frau, der man zu Unrecht ihre Freiheit raubt. Als Mary Mallon 1910 verspricht, nie wieder als Köchin zu arbeiten, wird sie in die Freiheit entlassen. Doch sie kann nichts anderes als kochen. Also ändert sie ihren Namen und arbeitet weiter als Köchin – in Hotels, Restaurants und Privathäusern. Als im Sloane Maternity Hospital, einem Entbindungsheim, 25 Typhusausbrüche auftreten, entdecken die Behörden schnell, dass Mary dort für die Angestellten kocht – unter dem Namen Mary Brown. Auf dem Weg zu einer Freundin in Long Island, mit einer Schüssel ihres unter den Krankenhausangestellten so beliebten Gelatine-Puddings, wird sie von der Polizei festgenommen und zurückgebracht nach North Brother Island. Dort verbringt sie die nächsten 23 Jahre ihres Lebens in einer Art Einzelhaft.
Laut Sprachregelung ist sie „spezieller Gast der Stadt New York“. Diese Bezeichnung lässt ahnen, dass auch die städtischen Behörden wissen, wie rechtsstaatlich grenzwertig Mary Mallons sehr lange Zwangsquarantäne ist. Die Köchin wird zur Symbolfigur eines übergriffigen Staates und des Konflikts zwischen den Freiheitsrechten des Individuums und der staatlichen Verantwortung für die öffentliche Gesundheit. Mary Mallon ist die bestdokumentierte Typhusträgerin in den USA und die erste gesunde Typhus-Trägerin, die in Nordamerika aufgespürt wird. Es gab noch andere gesunde Träger, die die Gesundheitsbehörden aber weitaus weniger hart anfassten. Mallon war eine Frau und vor allem Immigrantin. Sie hatte das Image, kratzbürstig und starrsinnig zu sein. Wäre Mary der Küche ferngeblieben, hätten die Behörden sie wahrscheinlich in Frieden gelassen. Ihr Entdecker Dr. Soper sagte damals, dass „Freiheit ein Privileg ist, das man ihr nicht gewähren konnte“. Mary Mallon hat offiziell 54 Typhusfälle und vier Todesfälle verursacht.
Fred Morsch war ebenfalls ein Superspreader. Er wurde 1928 in einem Süßwarenladen in der New Yorker Bleecker Street erwischt, als er einem kleinen Mädchen Eis verkaufte. Ihm werden 110 Typhusfälle und mindestens sechs Todesfälle zugeschrieben. In die Medizingeschichte ging auch „Mr N., der Melker“ aus dem englischen Folkestone, ein, der als Dauerträger des Typhus-Bakteriums in einem Zeitraum von 17 Jahren etwa 200 Menschen über Milch ansteckte. Alle drei hatten nach eigenen Angaben nie Typhus und waren trotzdem Dauerträger des Bakteriums.
Typhus bis heute eine Gefahr
Mary Mallons Schicksal und die ruchlose, sensationsgierige Berichterstattung darüber hatten allerdings auch positive Folgen, weil Marys medial so hoch gehängter Fall die Öffentlichkeit über die Gefahren von Typhus informierte. Diese lernte besser zu verstehen, warum Meldepflichten bei Typhus und anderen ansteckenden Krankheiten, die Ermittlung von Ansteckungsquellen oder Tätigkeits- und Beschäftigungsverbote unbedingt notwendig sind, um die öffentliche Gesundheit zu schützen.
In Amerika und Europa sind Typhusfälle heute recht selten. Aber für die öffentliche Gesundheit in Schwellenländern ist Typhus weiterhin eine große Gefahr. Reisemediziner raten zu einer Typhus-Impfung bei Fernreisen unter anderem nach Kathmandu, Indien oder Bangladesch. Bekommt man doch Typhus, kann eine vier- bis sechswöchige Einnahme von Antibiotika die Bakterien meist auslöschen. Aber in den westlichen Ländern ist es gerade der unkontrollierte Gebrauch von Antibiotika, der zur Entwicklung resistenter Bakterienstämme führt. So wird Typhus auch weiterhin eine Gefahr für die menschliche Gesundheit bleiben.