Sie sind längst normal geworden: Tätowierungen werden immer beliebter. Doch könnten die bunten Bildchen auf der Haut ein erhebliches Potenzial zur Erhöhung des Risikos von Hautkrebs- und Lymphombildung haben?
Repräsentativen Umfragen zufolge tragen inzwischen ein Viertel bis zu einem Drittel der erwachsenen Bundesbürger Tattoos. In der jüngeren Generation ist das Tattoo sogar noch deutlich weiter verbreitet. Laut einer aktuellen Umfrage des Magazins „Playboy“ ziert es in der Altersgruppe der 18- bis 45-Jährigen die Haut fast jedes zweiten Menschen. Damit ist ein Tattoo längst Mainstream und hat sein vormals mit Stigmatisierung, Randgruppendasein, Subkultur oder Ausdruck von Rebellion verbundenes Nischendasein in der westlichen Zivilisation endgültig abgelegt.
Dabei handelt es sich bei einem Tattoo keineswegs um ein modernes Phänomen unserer Zeit. Seine Wurzeln gehen bis weit in die Antike zurück. Und schon im Ägypten der Pharaonenzeit waren Tattoos beliebt, selbst die Gletschermumie Ötzi hatte mehr als 60 Tätowierungen aufgewiesen. Mit dem Siegeszug des Christentums im Abendland ging die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Form des Körperschmucks weitestgehend verloren. Und erlebte erst wieder im 19. Jahrhundert ein sanftes Comeback, vor allem unter Seefahrern und Kriminellen, aber auch unter prominenten Adligen wie dem russischen Zaren Nikolaus II., dem späteren englischen König Edward VII. oder auch der österreichischen Kaiserin Sissi.
Während der beiden Weltkriege wurden Tattoos bei Teilen des Militärs beliebt, im Zuge der jugendlichen Protestbewegungen fanden sie als Zeichen von Nonkonformismus, Individualität und Ablehnung gängiger Normen ab den 1960er- und 1970er-Jahren Eingang in Subkulturen wie Rock, Punk oder Grunge. Danach bedurfte es nur noch eines kleinen Anschubs und der Protektion durch prominente Sportler, Musiker oder Schauspieler, um das Tattoo im 21. Jahrhundert zu einem respektierten Mittel der Selbstexpression zu machen.
Frühere Risiken des Tattoo-Stechens konnten inzwischen durch Verbesserungen der Hygiene-Standards und Pflegeanleitungen sowie technologische Fortschritte und Reglementierungen der Farbinhaltsstoffe minimiert werden. Dennoch macht sich bislang kaum jemand vor dem Besuch eines in der Regel sorgsam ausgewählten Studios über das zu stechende Motiv hinaus ernsthaft Gedanken darüber, ob mit der unter die Haut eingebrachten Tinte eventuell nicht absehbare gravierende Gesundheitsrisiken verbunden sein könnten. Dabei rät die Mehrzahl der hiesigen Hautärzte nach wie vor dringend vom Tätowieren ab. Allein schon, weil die Farbpigmente nicht nur an der Einstichstelle verbleiben, sondern weil ein Teil der Tinte über den Blutkreislauf in die Lymphknoten gelangt und sich dort ansammeln kann. Was übrigens keineswegs eine neue medizinische Erkenntnis ist, sondern schon im Jahr 1887 in einem Fachbeitrag der „Bulletins et Mémoires de la Société d’Anthropologie de Paris“ gründlich beschrieben wurde.
Inzwischen weiß man, dass die Lymphknoten – kleine Organe mit einer Gesamtzahl von 600 bis 700 und hauptsächlich im Kopf-Hals-Bereich angesiedelt – ein essentieller Teil des Immunsystems sind. Weil sie, eingebunden ins Lymphsystem, als Filter für Fremdkörper, Antigene oder tote Zellen dienen und dabei helfen, den Körper von schädlichen Substanzen zu befreien.
Lymphom-Risiko um 21 Prozent höher
2017 hatten Wissenschaftler des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) im Rahmen eines internationalen Kooperationsprojekts die dauerhafte Anreicherung von Tattoo-Farbpigmenten in Nanopartikelgröße in den Lymphknoten nachweisen können und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass der Haupttransport dieser Pigmente innerhalb der ersten Tage oder Wochen nach dem Tätowieren stattgefunden hatte. Das BfR machte keine Angaben über mögliche gesundheitliche Folgen dieser Ablagerungen. Allerdings kursieren in Forscherkreisen längst Vermutungen darüber, dass die angereicherten und von den Lymphknoten als Fremdkörper eingestuften Farbpigmente chronische Entzündungen hervorrufen könnten, was mit der Zeit zu einer sogenannten abnormen Zellproliferation (schnelles Wachstum, Wucherung, Vermehrung der Zellen) und damit letztendlich zu einem erhöhten Krebsrisiko führen könnte.
Es sollte jedoch bis 2024 dauern, bis diese Annahme erstmals durch zwei seriöse Studien gestützt werden konnte. Forscher der schwedischen Universität Lund konnten unter Federführung von Prof. Christel Nielsen bei Tätowierten ein deutlich erhöhtes Risiko für Lymphdrüsenkrebs (Lymphome) aufzeigen und dies in einem Fachbeitrag in der Zeitschrift „eClinic Medicine“ publizieren. Nach Auswertung der Jahre 2007 bis 2017 des schwedischen Krebsregisters und nach Befragung von rund 12.000 Probanden gelangte das Team zu der Einschätzung, dass das Risiko, an einem Lymphom zu erkranken, bei Tätowierten um 21 Prozent höher liegt als bei Nichttätowierten. Besonders auffällig war, dass das Risiko in den ersten zwei Jahren nach dem Stechen eines Tattoos am höchsten war und dann nach etwa elf Jahren erneut anstieg. Auch aus einer US-Studie aus Utah vom Oktober 2024 konnte ein erhöhtes Risiko für eine bestimmte Art von Lymphomen bei Tätowierten abgeleitet werden. Die bislang umfangreichste Studie, in der für Tätowierte nicht nur ein signifikant erhöhtes Risiko für die Ausbildung von Lymphomen, sondern auch für Hautkrebs aufgezeigt werden konnte, wurde Anfang 2025 durch ein Forscherteam der Süddänischen Universität/Syddansk Universitet (SDU) in Odense und der finnischen Universität Helsinki unter Federführung von Henrik Frederiksen, Facharzt für Hämatologie am Universitätsklinikum Odense und klinischer Professor am SDU, und Signe Bedsted Clemmensen (SDU-Assistant Professor) im Fachmagazin „BMC Public Health“ veröffentlicht.
Die Vorarbeiten in der Abteilung für Epidemiologie, Biostatistik und Biodemografie am Institut für öffentliche Gesundheit der SDU in Odense waren gewaltig. 2021 wurde zunächst die sogenannte Danish Twin Tattoo Cohort gegründet mit einer zweifachen Zielsetzung: Erstens die zunehmende Popularität von Tätowierungen und die Faktoren, die das Tätowierverhalten beeinflussen, zu ergründen. Und zweitens zu untersuchen, ob Tätowierfarbe mit dem Auftreten bestimmter Krebsarten wie Hautkrebs und Lymphomen in Verbindung gebracht werden kann. „Das Besondere an unserem Ansatz ist, dass wir Zwillingspaare vergleichen können, bei denen einer an Krebs erkrankt ist, die aber ansonsten viele genetische und umweltbedingte Faktoren gemeinsam haben. Damit haben wir eine stärkere Methode, um zu untersuchen, ob die Tätowierungen das Krebsrisiko beeinflussen“, so das Team zur Ausgangslage. „Wir vermuten, dass Tätowierfarbe an der Ablagerungsstelle eine Entzündung verursacht, die letztendlich zu chronischen Entzündungen und einem erhöhten Risiko für abnormale Zellwucherung, insbesondere Hautkrebs und Lymphom, führen kann.“ Aus Sicht der Forscher sind bei den Tattoos nicht die potenziell krebserregenden Inhaltsstoffe der Tätowierfarbe gesundheitlich am problematischsten, sondern die Tatsache, dass Partikel der Tinte als Fremdstoffe ins Blut gelangen und sich danach in den Lymphknoten ansammeln können.
Zunächst wurde im Rahmen der Danish Twin Tattoo Cohort eine Fragebogenumfrage unter 11.100 dänischen Zwillingen durchgeführt. Darin wurden Angaben zu Tätowierungen, Lebensstil und Bildung erhoben. Danach wurden die Antworten mit Informationen zu Krebsdiagnosen aus dem dänischen Krebsregister abgeglichen. Die Forscher konzentrierten sich in der Folge auf Zwillingspaare, bei denen mindestens bei einem der Geschwister Krebs aufgetreten war, und versuchten, einen Zusammenhang mit einer etwaigen Tätowierung herzustellen, wobei deren Farbe, Größe und Bestandsdauer ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Bezüglich des Tätowierverhaltens ergab die Auswertung der Fragebogenumfrage, dass in Dänemark vier von zehn Frauen und drei von zehn Männern im Alter von 25 Jahren Tattoos tragen. Wobei kulturelle Einflüsse, beispielsweise das soziale Umfeld, einen erheblichen Einfluss auf die Entscheidung für das Stechen eines ersten Tattoos haben, während die Gene dabei nur eine Nebenrolle spielen.
Allergische Reaktion durch Rot?
Um dem Zusammenhang zwischen Tätowierungen und dem verstärkten Auftreten von Krebsarten wie Hautkrebs und Lymphomen auf die Spur zu kommen, führte das Team streng genommen gleich zwei Studien durch. Einmal eine (Zwillings-)Kohortenstudie, an der 2.367 zufällig ausgewählte Zwillinge der Geburtsjahre 1960 bis 1996 teilnahmen. Und zum Zweiten eine Fall-Kontroll-Studie (Fall-Co-Twin-Studie genannt) mit 316 Zwillingen der gleichen Geburtsjahrgänge. Wobei jeweils die Angaben zu Tätowierungen und etwaige Krebsdiagnosen aus dem dänischen Krebsregister berücksichtigt wurden.
Die Ergebnisse: Aus der Fall-Kontroll-Studie konnte mittels sogenannter Hazard-Raten ein 1,62-fach höheres Risiko für Hautkrebs beim tätowierten Zwilling im Vergleich zu seinem nicht tätowierten Geschwisterteil ermittelt werden. Wobei sich das Risiko bei allen Tätowierungen, die größer als eine Handfläche waren, nochmals deutlich erhöht hatte, für Hautkrebs auf den Wert von 2,37, für die Ausbildung von Lymphomen auf 2,73. Aus der Kohortenstudie konnte sogar ein 3,91-fach höheres Risiko für Hautkrebs und ein 2,83-fach höheres Risiko zur Ausbildung von Hauttumoren namens Basalzellkarzinomen bei tätowierten Zwillingen im Vergleich zu ihren nicht tätowierten Geschwistern errechnet werden. Auf jeden Fall scheinen laut den Forschern großflächige Tätowierungen deutlich riskanter zu sein als kleinere Tattoos, weil sich bei Zwillingen, deren Tätowierungen mindestens handtellergroß waren, Hautkrebs oder Lymphome zwei- bis dreimal häufiger ausbilden konnten als bei ihren nicht tätowierten Geschwistern. Auch die Zeitspanne, wie lange die Farbe bereits in die Haut eingebracht war, spielte offenbar eine wichtige Rolle. Je länger ein Tattoo gestochen war, umso häufiger traten Lymphome auf. „Das deutet darauf hin, dass sich umso mehr Tinte in den Lymphknoten sammelt, je größer das Tattoo ist und je länger es da ist“, so das Team.
Nicht klären konnten die Forscher die Frage, ob bestimmte Farben (Schwarz ist die am häufigsten verwendete Tätowierfarbe) das Risiko für Hautkrebs oder Lymphome erhöhen können. „Aber das bedeutet nicht, dass die Farbe irrelevant ist“, so Prof. Bedsted Clemmensen. „Aus anderen Studien wissen wir, dass Tinte potenziell schädliche Substanzen enthalten kann, und rote Tinte beispielsweise häufiger allergische Reaktionen hervorruft. Dies ist ein Bereich, den wir gern weiter erforschen würden.“ Künftig wollen die dänischen Wissenschaftler zudem genauer ergründen, welche Lymphomtypen besonders empfindlich auf Tätowierfarbe reagieren und wie Lymphknoten sich biologisch auf eine Fremdsubstanz wie Tätowierfarbe einzustellen versuchen (der chronische Entzündungsprozess in den Lymphknoten aufgrund der Tintenpartikel-Ansammlung ist bislang nur eine Hypothese). „Wir wollen die biologischen Mechanismen besser verstehen und herausfinden, was in den Lymphknoten passiert, wenn sie über Jahrzehnte hinweg Tintenteilchen ausgesetzt sind“, erläutert Professor Bedsted Clemmensen. Einschränkend gaben die Forscher zu bedenken, dass ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen Tätowierungen und der Ausbildung von Krebsarten kaum hergestellt werden kann, „unter anderem weil die Entwicklung von Lymphomen lange dauern kann und viele Faktoren eine Rolle spielen. Das bedeutet, dass eine Exposition in der Jugend möglicherweise erst Jahrzehnte später zu einer Erkrankung führt, was die Messung eines direkten Effekts erschwert.“