Mit 130 Einrichtungen, über 12.000 Mitarbeitern und eigenen Pflegeschulen zählt die Victor’s Group zu den bedeutendsten Trägern der deutschen Pflegelandschaft. Bei einer Podiumsdiskussion gab die Familie Ostermann persönliche Einblicke in die Geschichte und die Zukunft des Unternehmens.
Erfolg verläuft selten gradlinig. Oft beginnt er mit einer mutigen Entscheidung, die bestehende Regeln und gewohnte Wege infrage stellt. Bei Hartmut Ostermann war es der Entschluss, als junger Zivildienstleistender im Westdeutschland der 1970er-Jahre ein Pflegeunternehmen zu gründen. Die Branche war damals kaum strukturiert, ein Markt existierte praktisch nicht, auch politische Rückendeckung fehlte. Doch es gab eine Idee. Und den festen Willen, es anders zu machen als in jenen Heimen, in denen er als Sanitäter regelmäßig ältere Menschen antraf. „Wenn ich mal alt bin, darf das nicht so aussehen“, sagte er sich. Es blieb nicht bei diesem Satz.
Familie bildet den Mittelpunkt
Was folgte, war der erste Schritt in eine Entwicklung, die heute zu den prägenden Unternehmensgeschichten der deutschen Pflegewirtschaft gehört. Über 130 Einrichtungen, rund 12.000 Mitarbeitende, zwei eigene Pflegeschulen, ein wachsender Hotelbereich, Projekte in Digitalisierung und nachhaltiger Architektur – die Victor’s Group ist längst mehr als ein klassischer Betreiber von Pflegeeinrichtungen. Und dennoch: Im Zentrum steht bis heute die Familie Ostermann.
Wie stark diese Geschichte mit persönlichem Einsatz und familiärem Zusammenhalt verbunden ist, wurde bei einer internen Podiumsdiskussion mit rund 300 geladenen Führungskräften der Victor’s Group aus ganz Deutschland deutlich. Chantal und Falk Ostermann, beide im Vorstand tätig, saßen gemeinsam mit ihrem Vater auf der Bühne. Die älteste Tochter des Firmengründers, Fabienne Ostermann-Walther, ebenfalls Vorstandsmitglied, nahm im Plenum Platz. Die Begrüßung der Gäste übernahm Susanne Kleehaas, Mitglied des Vorstands und Geschäftsführerin der Victor’s Residenz-Hotels. Durch das anschließende Familiengespräch führte Peter Müller, Sprecher des Unternehmens, mit einer Mischung aus Wortwitz, Charme und spürbarer Leidenschaft, die der Veranstaltung eine besondere Note verlieh.
Es war ein Abend des Sich-Näherkommens. Die Familie sprach offen über Wendepunkte, Zweifel, Risiken und über den Mut, der den Weg des Unternehmens überhaupt erst möglich gemacht hat. Besonders eindrucksvoll erinnerte sich Falk Ostermann an die frühen Jahre und schilderte diese mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Was sie für Dinger gemacht haben, das war Wahnsinn.“
Service-Wohnangebote und Hotels
Hartmut Ostermann handelte von Anfang an aus Überzeugung. Der politische Geist der 1970er-Jahre, seine Nähe zu den Jungsozialisten, das tägliche Erleben der Zustände in vielen Pflegeeinrichtungen, all das ließ ihn nicht los. Über einen Bekannten lernte er einen Investor aus München kennen, der bereit war, sich auf ein damals ungewöhnliches Konzept einzulassen. In Vaterstetten bei München entstand gemeinsam mit dem Stuttgarter Architekturbüro Aura & Weber eine erste Einrichtung, die neue Wege ging. Statt Mehrbettzimmern gab es kleine Appartements, statt nüchterner Zweckbauten einen begrünten Innenhof, statt Stationsfluren ein Raumkonzept, das auf Eigenständigkeit setzte. „Es war die schönste Einrichtung Deutschlands“, sagte Ostermann rückblickend. „Jedenfalls haben wir das geglaubt. Ich glaube es auch heute noch.“
1977 wurde das Unternehmen offiziell gegründet, nicht zuletzt um tragfähige Strukturen zu schaffen. Die gesetzliche Pflegeversicherung existierte noch nicht, die Rechtslage war unklar, staatliche Förderung kaum vorhanden. Ostermann improvisierte mit einem klaren Ziel. Er baute Abläufe auf, schuf Standards und nutzte vorhandene Spielräume. „Wenn man das Richtige tut, kommt man auch durch“, sagt er heute.
Dass aus diesem Ansatz ein Unternehmen mit bundesweiter Präsenz wurde, war das Ergebnis vieler einzelner Entscheidungen. Manches gelang sofort, anderes brauchte Zeit. Die Group wuchs, passte sich an und integrierte neue Themen. Heute gehören neben den Pflegeeinrichtungen auch Service-Wohnangebote und Hotels zur Victor’s Group. Die Organisation bildet systematisch aus, entwickelt neue Versorgungskonzepte und investiert kontinuierlich in Qualität und Infrastruktur.
„Mehr Zeit für die Menschen“
Trotz dieser Entwicklung ist das Unternehmen ein Familienunternehmen geblieben. Neben Hartmut Ostermann und Susanne Kleehaas tragen nun auch die Kinder Verantwortung. Doch der Weg dorthin war für jeden von ihnen anders.Falk Ostermann studierte Psychologie und suchte zunächst bewusst Distanz zum Familienunternehmen. „Ich wollte mein eigenes Ding machen“, erinnert er sich. Der Wendepunkt kam unerwartet. Sein Plan, Fallschirmspringer bei der Bundeswehr zu werden, zerschlug sich bereits im Auswahlverfahren. Man hielt ihn, wie er selbstironisch berichtet, für „intelligent genug, aber leider zu krumm“. Stattdessen absolvierte er seinen Zivildienst in einer Victor’s Einrichtung. Dort begegnete er prägenden Persönlichkeiten, unter ihnen die damalige Bereichsleiterin Marianne Kleinisberger. „Am Anfang habe ich sie gehasst, am Ende geliebt.“ Die enge Arbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern veränderte seine Haltung grundlegend. „Ich habe in diesen Jahren mein Herz an die Senioren verloren.“
Heute verantwortet er zentrale Zukunftsthemen. Dabei verfolgt er ein klares Ziel: „Digitalisierung sollte niemals zum Selbstzweck geschehen. Sie soll das Ziel haben, dass wir uns wieder auf die Kerndienstleistung konzentrieren können.“ Und er fügt hinzu: „Wir machen das nicht, weil es modern klingt. Wir machen das, damit unsere Leute mehr Zeit für Menschen haben.“
Fabienne Ostermann-Walther wirkte an diesem Abend eher im Hintergrund, prägt jedoch sichtbar das Gesicht des Unternehmens. Ihr Schwerpunkt liegt in der kreativen und architektonischen Gestaltung der Victor’s Häuser. Schon früh begleitete sie ihren Vater zu Besichtigungen und brachte eigene Ideen ein. Heute gestaltet sie die Immobilienentwicklung des Unternehmens von der architektonischen Planung bis zur Inneneinrichtung. Dabei verbindet sie Funktionalität mit einer klaren ästhetischen Handschrift. Ihr Anspruch ist es, Häuser zu schaffen, die nicht nur reibungslos funktionieren, sondern in denen sich Menschen zu Hause fühlen.
Chantal Ostermann hingegen beschreibt ihren Weg ins Unternehmen als von Beginn an vorgezeichnet. „Ich bin ja quasi nicht nur in die Familie, sondern auch in das Unternehmen hineingeboren worden.“ Schon früh habe sie gewusst, dass sie am liebsten Chefin werden wollte. Altenheime fand sie als Kind allerdings zunächst „relativ gruselig“. Diese Sicht änderte sich während eines Schulpraktikums in einer Residenz. „Die Arbeit mit den Senioren hat mich so berührt, dass ich wusste, für sie will ich arbeiten.“
Nach ihrem Managementstudium, unter anderem in den USA, folgte die Integration ins Unternehmen sowie praktische Einsätze wie ein Pflegebasiskurs. Diese Erlebnisse, betont sie, seien „eine bereichernde Erfahrung, die ich für immer im Herzen tragen werde“. Darin findet sich auch der Grundgedanke von proud to care wieder. Den trägerübergreifenden Verein hat sie mit initiiert, um Pflegekräften eine Stimme zu geben, ihre Arbeit sichtbar zu machen und für bessere Rahmenbedingungen einzutreten.
Haltung und Verantwortung
Darüber hinaus treibt sie im Unternehmen die Entwicklung neuer Wohnformen voran, insbesondere nachhaltiger Senioreneinrichtungen wie den Landhaus Seniorenwohngemeinschaften, und engagiert sich intensiv für den Nachwuchs. „Ausbildung ist unsere allerwichtigste Säule.“ Ziel sei es, „das Haus der besten Ausbildung“ zu sein und so die Zukunft des Unternehmens und seiner Bewohnerinnen und Bewohner zu sichern.
Ausbildung und Integration haben bei Victor’s seit jeher Priorität. Zwei eigene Pflegeschulen, Programme zur Sprachförderung und begleitete Ausbildung mit internationalen Partnern zeigen das klare Bekenntnis zur Fachkräfteförderung. Rund 1.500 Mitarbeitende haben einen Migrationshintergrund. Chantal Ostermann sagt: „Wir können nicht darauf warten, dass Fachkräfte vom Himmel fallen. Wir müssen sie selbst ausbilden und begleiten.“
Eine Öffnung zum Kapitalmarkt war nie ein Thema. Die Victor’s Group ist vollständig in Familienbesitz, es gibt keine externen Investoren. Gewinne werden nicht ausgeschüttet, sondern reinvestiert in Bauten, Bildung und Systeme. Entscheidungen folgen keiner Börsenlogik, sondern einer Versorgungslogik. „Wir entscheiden für Menschen, nicht für Märkte“, sagt Chantal Ostermann. Für sie ist das keine Formel, sondern ein Grundprinzip.
Die Victor’s Group steht heute stabil und doch in Bewegung. Pflege verändert sich, die Anforderungen wachsen, die Fragen bleiben komplex. Die Familie Ostermann hat dieses Unternehmen aufgebaut und führt es nun in eine Zukunft, in der Haltung und Verantwortung nicht als Widerspruch verstanden werden, sondern als Grundlage für alles Weitere.