Die „Grüne“ war acht Jahre Mitglied des Bundestages, von 1998 bis 2001 Bundesgesundheitsministerin und von 2012 bis 2020 Finanzdezernentin in Hannover. Heute arbeitet die 65-Jährige als Berufsbetreuerin, Publizistin und Lobbyistin.
Andrea Fischer hat schon viele Berufe ausgeübt: Sie war Bundesministerin, Fraktionschefin, Talkmasterin, Lobbyistin, Krimikritikerin, Finanzdezernentin, Zeitschriftenherausgeberin. „Mir haben alle Spaß gemacht, aber in meinem jetzigen Beruf fühle ich mich außerordentlich wohl“, betonte sie 2024 im „Stern“. Heute arbeitet die 65-jährige Volkswirtschaftlerin als Berufsberaterin und versucht, Menschen zu helfen, die sich nicht oder nicht mehr selbst um ihre Angelegenheiten kümmern können. „Ich löse Probleme“, beschreibt sie ihren neuen Job. „Ich stelle Sozialhilfeanträge, kümmere mich darum, dass der Rentenantrag eingereicht wird, kläre, ob jemand eine Wohnung bekommen kann, fülle Wohngeldanträge aus“, fasst Fischer ihre Hilfsangebote zusammen. Wenn sie damit erfolgreich ist, macht sie das zufrieden, auch wenn sie bemängelt, dass die zeitraubende Bürokratie ihr das Leben erschwert.
Fischer, die damals im Zuge der BSE-Krise ihren Job als Bundesgesundheitsministerin verlor, betreut heute etwa 20 Menschen: „Das sind Menschen, die krank sind, zum Beispiel unter Demenz oder psychischen Problemen leiden. Menschen, die geistig behindert sind oder schon sehr alt.“ Sie spürt, dass ihre Arbeit für jeden einzelnen der Betreuten von sehr großer Bedeutung ist: „Ich merke, wenn ich etwas richtig mache“, erzählt sie im „Stern“-Interview. Da Fischer bis 2020 als Finanzdezernentin in Hannover tätig war, hat sie diese Stadt danach als Wohnsitz und Arbeitsort beibehalten: „Ich war 30 Jahre in Berlin und lebe jetzt ausgesprochen gern in Hannover.“ Sie habe eine schöne Wohnung, die Stadt besitze eine hohe Lebensqualität und die Leute seien freundlich. „Und da ich viel mit Ämtern zu tun habe, ist es gut, wenn ich auf freundliche Leute treffe“, sagt sie und lobt ihr soziales Umfeld.
Wenig Interesse an Macht
Fischer kam 1998 mit 38 Jahren als jüngste Ministerin ins Kabinett Schröder und musste auf parteiinternes Drängen wegen ihres Krisenmanagements bei der Rinderseuche BSE und dem Fehlschlagen ihrer ambitionierten Gesundheitsreform 2000 ihr Amt im Januar 2001 schon wieder verlassen. Heute analysiert die „ziemlich linke Grüne“ im „Deutschlandfunk“: „Ich hatte nicht genug Interesse an der Macht“, gibt aber zu, dass sie heute weiß: „Man muss Macht wollen, weil man ohne sie nichts erreichen kann.“ Sie haderte nicht damit, dass sie ihr Amt verlor, weil es das Recht einer Partei sei, „sich gegen einen Politiker zu entscheiden.“ Zudem habe sie nicht „Männchen gemacht, um vielleicht doch noch gemocht zu werden.“ Allerdings gibt sie durchaus Fehler zu, die sie aber heute nicht als „rücktrittswürdig“ einstuft. Dennoch wollte sie damals dafür Verantwortung übernehmen und gab dem Druck nach.
Ein weiterer Schlag war dann, dass die Grünen sie nicht wieder für ein Bundestagsmandat nominierten. Über diese negativen Erfahrungen will sie heute nur ungern reden. „Dass es kein leichter Weg war, aus der Politik auszuscheiden, muss ich doch nicht extra erklären“, sagte sie dem „Hamburger Abendblatt“. „Wenn man mal richtig auf die Schnauze geflogen ist, dann lernt man auch daraus etwas.“ Sie habe sich weiterentwickelt, sei ruhiger und gelassener geworden.
In Hannover mehr als zufrieden
Nach ihrem Ausscheiden aus der Politik war Fischer in vielen Berufen unterwegs. So arbeitete sie 2002/03 an der Seite von „Bild am Sonntag“-Chefredakteur Claus Strunz in der ntv-Sendung „Grüner Salon“ als Talkmasterin und trat regelmäßig bei „Deutschlandradio Kultur“ als Rezensentin von deutschsprachiger Kriminalliteratur auf. Eine Zeit lang war sie als Beraterin für Pharma-Unternehmen tätig. Kritik an einem solchen „Seitenwechsel“ weist sie zurück, weil sie es für legitim hält, Erfahrungen in der Politik in anderen Berufsfeldern „für etwas einzubringen, was man für gut hält“.
Anfang der 10er-Jahre versuchte sie dann ein politisches Comeback in Berlin, wo sie bei den Wahlen im Bezirk Mitte als Bürgermeisterkandidatin der Grünen kandidierte und dann ein Jahr lang Fraktionsvorsitzende ihrer Partei war. Die sozialen Gegensätze zwischen Schickeria und Hartz-IV-Beziehern in Berlin-Mitte hätten sie an dieser Rückkehr in die Politik gereizt.
2012 wechselte sie nach Hannover, wurde regionale Finanzdezernentin und saß acht Jahre im Aufsichtsrat eines dortigen Klinikums, bevor sie ihre Kontakte als Lobbyistin im Gesundheitswesen nutzbar machte. Nach 30 Jahren in Berlin ist sie heute mit ihrem Wohnort Hannover sehr zufrieden: „Manchmal staune ich über mich selbst, wie gut es mir hier gefällt“, sagte sie der „Apothekerzeitung“. Eine Zeit lang beriet sie auch das Bistum Hildesheim bei der Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle: Dass, was sie dabei erlebt und erfahren habe, habe sie sehr betroffen gemacht.
Ehrenamtlich engagiert sich die „Genussraucherin“ Fischer unter anderem als stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums „Mensch, Ethik, Wissenschaft“.