Die Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg ist vor allem mit zwei Ereignissen verbunden: mit dem japanischen Angriff auf die US-Marine in Pearl Harbor und mit den amerikanischen Atombomben-Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Doch wie kam es dazu, dass der Inselstaat zu einem der Hauptakteure im Krieg wurde?
Bereits am 7. Juli 1937 hatte der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg begonnen, dessen Vorgeschichte auf Konflikte um die rohstoffreiche Mandschurei zurückging. Dieses riesige Gebiet, größer als Japan selbst, ist heute zwischen Russland und China aufgeteilt. Die Japaner hatten 1931 dort einen Marionettenstaat namens Mandschukuo errichtet. Ihr großes Ziel war allerdings eine gesamte Unterwerfung Chinas. Gründe dafür waren Rohstoffe wie Eisen, Kohle und Öl, die in Japan nicht zur Genüge vorhanden waren. Die Japaner wollten in Asien eine Vormachtstellung erlangen und gingen dabei äußerst brutal gegen ihre Gegner vor. Beispielhaft dafür steht das Massaker von Nanking, das am 13. Dezember 1937 begann und bei dem bis zu 300.000 Zivilisten ermordet sowie 20.000 Frauen vergewaltigt worden sein sollen.
Kriegsverbrechen auch seitens Japans
Die Gräueltaten Japans belasten bis heute das Verhältnis zu China. Denn zu einer Aussöhnung, wie das etwa zwischen Deutschland und Frankreich der Fall war, kam es nicht wirklich. Der deutsche Japanologe Michael Kinski, Professor an der Frankfurter Goethe-Universität, sagt, das Verhalten Japans in China sei bis heute ein sensibles und schwieriges Thema. „Auch wenn es in Japan viele Privatpersonen gibt, die sich der Kriegsverbrechen bewusst sind und sich privat entschuldigt haben, gibt es andererseits bei vielen die Einstellung, dass japanische Menschen doch gute Menschen seien und nichts Böses tun könnten.“ Zudem herrsche in Japan aufgrund der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 das Bewusstsein, selbst Opfer zu sein.
China steckte Ende der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts in einem Bürgerkrieg zwischen den Kommunisten unter Mao Zedong und deren Gegenspielern, der Kuomintang-Partei unter Chiang Kai-shek. Aufgrund der japanischen Aggression ruhte das Bürgerkriegsgeschehen zwischen 1937 und 1946 weitgehend. Dennoch konnten es sich die Japaner zunutze machen, dass China in dieser Zeit über keine einheitliche Führung verfügte. 1940 standen somit weite Teile der Ostküste Chinas unter japanischer Herrschaft, darunter die Städte Peking und Shanghai.
Was aber verleitete die kriegerische Nation dazu, die Amerikaner in Pearl Harbor auf Hawaii anzugreifen? Auch hier lagen die Gründe im Streben nach geostrategischer Herrschaft. Die Japaner träumten von einer „Großasiatischen Wohlstandssphäre“, bestehend aus ihrem eigenen Land, Mandschukuo, Teilen Chinas, Indochina sowie den Inseln zwischen Asien und Australien. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs konnten sie dieses Gebiet auch unter ihre Kontrolle bekommen. Der Euphemismus „Wohlstandssphäre“ sollte den unterdrückten Völkern vormachen, dass sie durch die Japaner von den europäischen Kolonialmächten befreit seien.
Dritte Welle auf Pearl Harbor blieb aus
In Wirklichkeit ging es der japanischen Regierung unter Kaiser Hirohito aber um eine Eroberung der Ölquellen in Niederländisch-Indien (heute Indonesien) und British Malaya (heute Malaysia und Singapur). Denn noch im Jahr 1940 bezog Japan den allergrößten Teil seines Erdöls aus den USA. Nach dem Einmarsch der Japaner in Französisch-Indochina verhängten die Amerikaner jedoch ein Öl-Embargo gegen Japan, dem sich Großbritannien und Niederländisch-Indien anschlossen. Das stellte die japanische Regierung vor große Probleme. Für sie hieß das, entweder mit den USA zu verhandeln oder die oben erwähnten Ölquellen gewaltsam einzunehmen.
Sie verfolgten daraufhin eine Strategie, die einerseits Diplomatie mit den USA beinhaltete und andererseits heimlich den Krieg in Südostasien vorbereitete. Letztlich gelangte US-Präsident Franklin D. Roosevelt zu der Auffassung, dass die Gegenseite nur zum Schein verhandle. Er ließ seinen Außenminister Cordell Hull die sogenannte Hull-Note an Japan übermitteln, die inakzeptable Forderungen enthielt: Japan sollte sich aus China und Französisch-Indochina vollständig zurückziehen, um wieder Öl von den USA zu erhalten. Daraufhin fasste die japanische Führung den geheimen Plan, die US-Marine in Pearl Harbor empfindlich zu treffen.
Angesichts der bereits herrschenden Spannungen zwischen beiden Großmächten erscheint der Angriff auf Pearl Harbor als gar nicht so überraschend. Von daher ist es kein Wunder, dass sich schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Verschwörungstheorien bildeten: Nämlich, dass das US-Militär eigentlich vom japanischen Angriff gewusst habe, diesen aber bewusst zuließ, um in der Bevölkerung Rückhalt für den Kriegseintritt der USA zu bekommen. Allerdings ist es nur schwer vorstellbar, dass die amerikanische Führung so viele Menschenleben und so viel Kriegsgerät hätte opfern wollen, nur um aktive Kriegspartei zu werden. In Pearl Harbor starben 2.403 US-Soldaten, 18 Kriegsschiffe wurden versenkt und 188 Flugzeuge zerstört. Wobei die Verluste noch weitaus höher hätten sein können, wenn sich das japanische Militär zu einer dritten Angriffswelle entschlossen hätte. Dann wären auch noch die Werften und Öltanks des Militärhafens zerstört worden. Dass Japan darauf verzichtete, konnte auf amerikanischer Seite wirklich niemand vorher wissen.
Japanische Marine nahezu vernichtet
Gleichzeitig mit dem Angriff auf Pearl Harbor marschierten japanische Truppen in Thailand ein und landeten auf den mit den USA verbündeten Philippinen. Roosevelt unterzeichnete tags darauf die Kriegserklärung an Japan. In der japanischen Bevölkerung entstand im Übrigen keine Euphorie aufgrund des Angriffs. Viele Japaner bewunderten die USA und glaubten, man habe in Pearl Harbor einen schlafenden Riesen geweckt. Und damit lagen sie richtig. Obwohl die japanischen Truppen in der Folgezeit weit vorrückten und sowohl Südostasien als auch die meisten pazifischen Inseln besetzen konnten, erwiesen sich die USA langfristig als zu mächtig, um im Pazifikraum besiegt zu werden.
Schon Mitte 1942 wendete sich das Blatt zugunsten der Amerikaner, die die Seeschlachten im Korallenmeer und um Midway für sich entscheiden konnten. Als verheerend für die Japaner erwies sich 1944 die Seeschlacht von Leyte auf den Philippinen, weil sie dort fast ihre gesamte Marine einbüßten. Schon vor den Atombombenabwürfen war Japan im Grunde militärisch besiegt. Ähnlich wie das verbündete Nazi-Deutschland kapitulierte die Führung jedoch nicht, was einem Mord am eigenen Volk gleichkam. Bereits vor dem Einsatz der Atombombe bombardierten die Amerikaner das Land heftig. In der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 warfen sie mehr als 300 Brandbomben auf Tokio. Dabei sollen mehr als 100.000 Menschen ums Leben gekommen sein, eine Million wurde obdachlos.
Kapitulation Japans per Radioansprache
Dieses Drama ist nur deshalb relativ unbekannt, weil es im Schatten der noch verheerenderen Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki steht. Wovon Deutschland gerade noch verschont geblieben war, bekam die Bevölkerung dort in schlimmster Weise zu spüren: Die neu entwickelte Atombombe machte diese Städte dem Erdboden gleich. Mehr als eine halbe Million Menschen starb sofort oder an den Folgen der Abwürfe. Die bisher neutrale Sowjetunion erklärte nun dem praktisch besiegten Japan schnell noch den Krieg – wohl im Hinblick auf die Mandschurei. Wie realitätsfremd die japanische Führung war, zeigt sich in dem Fakt, dass selbst nach dieser Katastrophe die Kapitulation noch hinausgezögert wurde. Erst am 15. August verkündete Kaiser Hirohito die Kapitulation im Radio. Am 2. September desselben Jahres fand auf dem Schlachtschiff „Missouri“ die offizielle Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde statt. Der Zweite Weltkrieg war damit endgültig beendet.
Professor Kinski weist darauf hin, dass trotz alledem in Japan kein Antiamerikanismus entstand. „Das Gegenteil ist der Fall. Mit Ende des Krieges wurden die Vereinigten Staaten der große Freund und das Modell, dem man nachstrebte.“ Die Freundschaft des japanischen Volkes zu den USA sei echt und schon seit den ersten Jahren der Nachkriegszeit an vielen Details zu beobachten. Anders sehe es mit den Bemühungen um eine chinesisch-japanische Freundschaft aus. Diese gebe es zwar nach wie vor, sagt der Japanologe. Auch kämen viele chinesische Touristen nach Japan. Dennoch sei das Verhältnis beider Staaten in den vergangenen Jahren politisch stärker belastet als in den Jahren davor.