Die Fortsetzung eines längst verlorenen Krieges bis zur Selbstzerstörung war ein historisches Novum. Das NS-Regime zwang dem deutschen Volk mit ultimativ gesteigertem Terror bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 den Krieg auf – und nahm dabei die nahezu totale Verwüstung des Landes und die vollständige Besatzung in Kauf.
Selbst vier Tage vor Beginn des sowjetischen Großangriffs auf die Reichshauptstadt Berlin luden die Berliner Philharmoniker am 12. April 1945 noch zu einer Aufführung von Richard Wagners „Götterdämmerung“. In Stuttgart hatte eine Woche zuvor der Film „Die Frau meiner Träume“ noch viele Einheimische in die örtlichen Kinos gelockt. Und am 23. April 1945 standen sich die alten Rivalen FC Bayern München und 1860 München im letzten Fußballspiel der Kriegszeit gegenüber. Trotz des zerstörerischen Bombenhagels, trotz des mit dem unaufhaltsamen Vordringen der alliierten Streitkräfte verbundenen zunehmenden Chaos und trotz hoher Todeszahlen deutscher Soldaten von durchschnittlich rund 350.000 Mann pro Monat in der letzten Kriegsphase ab Januar 1945, war es dem NS-Regime im Rahmen des seit der Machtergreifung geltenden Ausnahmezustands bis zuletzt gelungen, so etwas wie eine „Normalität“ aufrechtzuerhalten.
Nur die Wahl zwischen Sieg oder Untergang
Staatsbürokratie und Zivilverwaltung funktionierten bis zum Zusammenbruch, wenn auch mit abnehmender Effizienz, in den noch unbesetzten Teilen des Reichsgebiets – sowohl auf zentraler wie auch auf regionaler Ebene. Löhne und Gehälter beispielsweise wurden im April 1945 noch ganz regulär bezahlt. Auch die Verteilung der immer knapper werdenden Lebensmittelrationen wurde ungeachtet wachsender Hindernisse aufgrund des zerstörten Verkehrsnetzes mühselig fortgesetzt. Auch bei Feuerwehr, Krankenversorgung oder der Post lief es einigermaßen rund. Problematisch wurde es nur bei Versorgungsgütern wie Strom, Gas und Wasser, die Millionen Bürgern nicht mehr zur Verfügung standen. Militärische und zivile Gerichte verhängten in der Agonie des NS-Reiches immer strengere Strafen, mit den berüchtigten sogenannten Standgerichten als verbrecherischsten Auswüchsen. Davon waren nicht nur die schätzungsweise bis zu 350.000 Fahnenflüchtigen betroffen, sondern auch immer mehr Zivilisten, die sich des Vergehens schuldig gemacht hatten, sich für die kampflose Übergabe ihrer Stadt an alliierte Heeresverbände eingesetzt zu haben.
Der Großteil aller oben genannten Informationen stammt aus dem hochgelobten, 2013 erschienenen Sachbuch „Das Ende“ des britischen Historikers Ian Kershaw, einem der weltweit profundesten Kenner des Nationalsozialismus. Er hat sich mit diesem Opus das Ziel gesetzt, abseits aller weitgehend wohlbekannten militärischen Aspekte die Frage zu beantworten, wie und warum das Regime Hitlers trotz des ständig wachsenden Unheils für Reich und Bevölkerung sowie jeglicher Verweigerung einer Kapitulationserklärung bar jeder Vernunft doch bis ganz zum Schluss überdauern konnte. Die einfache, wenn aus Sicht Kershaws auch unzureichende Antwort ist tatsächlich, dass für den „Führer“ die Kapitulation niemals eine Option war, weil er darin eine Neuauflage der „Schmach von Versailles“ sah. In seinem Weltbild gab es nur die Wahl zwischen Sieg oder Untergang. Wobei er nach mehrfachem Bekunden wie dem ominösen sogenannten Nero-Befehl vom 19. März 1945 dazu bereit war, bei einer Niederlage sein eigenes Volk und die Überreste des Reiches mit in den Abgrund zu reißen.
Terroristische Repression gegen Andersdenkende
Laut Kershaw war es vor allem die moderne Form einer absolutistischen Monarchie, die der britische Historiker „charismatische Herrschaft“ getauft hatte, durch die sich Hitler – ungefährdet durch ernsthafte parteiinterne Kontrahenten oder mangels Institutionen, die seine Allmacht begrenzten – bis zum Kriegsende an der Reichsspitze behaupten konnte. Dieses Charisma habe auch dann noch fortgewirkt, als Hitlers Popularitätskurve bei den breiten Massen infolge der Wendung des Kriegsglücks deutlich gesunken war. Daneben stand dem Diktator, der laut Kershaw keineswegs das häufig skizzierte menschliche Wrack gewesen sei, sondern seit dem Sommer 1944 trotz hinfälliger Körperlichkeit einen enormen Durchsetzungswillen gezeigt habe, ein brutaler und Furcht einflößender Apparat der terroristischen Repression zur Verfügung. Wobei die Entscheidungen über Leben oder Tod in den letzten Kriegsmonaten kaum mehr von der Zentralregierung, sondern fast nur noch auf Provinz-, Kreis- oder Ortsebene getroffen wurden. Schließlich wurde Hitlers Herrschaft laut Kershaw auch noch vom deutschen Pflichtgefühl und von der durch die NS-Propaganda geschürten Angst vor dem Bolschewismus gestützt. Auch das scheinbare Fehlen möglicher Alternativen zur Führerfigur habe dabei eine Rolle gespielt.
Aus heutigem Blickwinkel war der Krieg für Hitler-Deutschland spätestens im Sommer 1944 nach der Konsolidierung der in Frankreich gelandeten Westalliierten verloren. Zumal die Alliierten zu diesem Zeitpunkt auch schon die Luftherrschaft über Deutschland gewonnen hatten. Und auch der Seekrieg war für das Reich längst aussichtslos geworden, weil sich sogar die vormals gefürchtete deutsche U-Boot-Flotte aus dem Hauptkampfgebiet im Nordatlantik hatte zurückziehen müssen. Die deutsche Führung gab allerdings auch danach die Hoffnung nicht auf. Mit Hilfe möglicher „Wunderwaffen“, starkem militärischen Widerstand und Mobilisierung letzter Kräfte hoffte sie, die Gefechte so lange hinausziehen zu können, bis sich doch noch der herbeigesehnte Bruch der alliierten Phalanx herausbilden und das Reich anschließend an der Seite der Westalliierten gegen den sowjetischen Kommunismus kämpfen könnte. Dafür wurde im September 1944 der „Deutsche Volkssturm“ gegründet und alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren zur Verteidigung des „Heimatbodens“ herangezogen. Für den Kriegsverlauf aber war dies letztlich vollkommen bedeutungslos.
8.000 Inhaftierte überlebten Auschwitz
Speziell die Entwicklung an der Ostfront war diesbezüglich mehr als entmutigend, weil die sowjetische Armee in ihrer am 22. Juni 1944 eingeleiteten Großoffensive einen ersten verheerenden Durchbruch schaffte. Dabei gelang ihr am 23. Juli 1944 auch die Befreiung des ersten KZ Lublin-Majdanek, wodurch die Gerüchte über den systematischen Mord an den Juden belegt wurden. Es folgte ein halbes Jahr später, am 27. Januar 1945, die Befreiung von Auschwitz, des größten Vernichtungslagers des NS-Regimes. Dies geschah im Zuge der am 12. Januar eingeleiteten sowjetischen Winteroffensive, die am 31. Januar 1945 die Oder beiderseits von Frankfurt erreichte. Bis nach Berlin waren es von dort aus gerade mal noch 80 Kilometer. In Auschwitz fanden die Sowjets nur noch rund 8.000 Inhaftierte vor, die wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit von der SS zurückgelassen worden waren, als das Lager am 18. Januar 1945 in Windeseile geräumt worden war. Den Zurückgelassenen blieb, im Unterschied zu rund 58.000 weiteren Inhaftierten, der schicksalhafte Todesmarsch in andere KZs wie etwa Buchenwald oder Bergen-Belsen erspart. Von den insgesamt mehr als 700.000 KZ-Häftlingen, die Anfang Januar 1945 in den diversen NS-Lagern noch eingesperrt waren, hatte schätzungsweise mehr als ein Drittel die ab dem Sommer 1944 eingeleiteten frontnahen Lager-Räumungen bis Kriegsende nicht überlebt. Häufig wurden sie schon auf dem Weg gnadenlos massakriert. Nach dem Sieg der zahlenmäßig überlegenen Sowjetarmee auf den Seelower Höhen nördlich von Frankfurt/Oder Mitte April 1945, der größten Schlacht des gesamten Krieges auf deutschem Boden, konnten Stalins Truppen die Reichshauptstadt bis zum 25. April 1945 komplett einkesseln.
Überquerung des Rheins einfacher als vermutet
Am 30. April 1945, dem Tag von Hitlers Suizid, gelang es den Truppen, bis zum Regierungsviertel vorzudringen und am 2. Mai 1945 die Kapitulation durch den Stadtkommandanten zu erzwingen. An der Westfront hatten sich die Alliierten bei ihrem Vormarsch in Richtung Reichsterritorium bis zum Frühjahr 1945 unerwartet schwergetan. Bei der von Oktober 1944 bis Februar 1945 tobenden Schlacht im Hürtgenwald in der Nordeifel musste die US-Army beträchtliche Verluste hinnehmen. Erst nach dem Scheitern der überraschenden, am 16. Dezember 1944 begonnenen und Ende Januar 1945 endgültig von den Alliierten zurückgeschlagenen deutschen Ardennenoffensive gab es für die alliierten Streitkräfte kein Halten mehr. Sie gingen ab dem 8. Februar 1945 zwischen Mosel und Waal in die Offensive, um den Mittel- und Niederrhein als Basis für den weiteren Vorstoß Richtung Ruhrgebiet und die Mitte Deutschlands zu gewinnen. Die vermeintlich schwierige Überquerung des Rheins wurde durch den Glücksfall einer unzerstörten Brücke bei Remagen am 7. März 1945 ungemein erleichtert. Nachdem die Alliierten weitere Brückenköpfe errichtet hatten, stand ihrem Vorrücken ins Innere Deutschlands nach dem Zerschlagen einer im Ruhrgebiet eingekesselten Heeresgruppe am 17. April 1945 nichts mehr im Wege. Der Krieg an Rhein, Ruhr und Weser war damit beendet. Nach der Befreiung des KZ Buchenwald bei Weimar am 11. April 1945 durch die US-Army begingen die Amerikaner am 25. April an der Elbe bei Torgau den Schulterschluss mit den vereinbarungsgemäß dort wartenden sowjetischen Truppen. Anschließend zogen sie sich aus Mitteldeutschland zurück, um den Sowjets die prestigeträchtige Eroberung Berlins zu überlassen.