Spricht man in unseren Breiten über das Ende des Zweiten Weltkriegs, so fällt immer wieder der 8. Mai 1945 als Datum: der Tag der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands. Tatsächlich ging der Krieg im Pazifik weiter – mit einem verheerenden Schlusspunkt.
Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 waren Kampfhandlungen auf europäischem Boden faktisch vorbei, der Krieg somit beendet. Die Menschen überall in Europa feierten, dass der Krieg nach sechs langen Jahren endlich vorüber war. Die Siegermächte planten bereits die Nachkriegsordnung, bereiteten juristische Prozesse gegen die Kriegsverantwortlichen vor und die Schaffung von Gremien, um künftig die Sicherung des Friedens besser zu gewährleisten. Währenddessen tobte der Krieg im Pazifik allerdings noch immer weiter.
Japan erreichte genau das Gegenteil
Dort standen sich das Kaiserreich Japan und die Vereinigten Staaten von Amerika seit vier Jahren gegenüber. Der Auslöser dafür lag eigentlich in einem ganz anderen Konflikt, nämlich dem zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, der im Juli 1937 begann. Japan versuchte damals, ganz Asien unter seine Kontrolle zu bringen, und schreckte auf diesem Weg auch vor brutalen Kriegsverbrechen nicht zurück (siehe S. 28 ff.). Als Japan 1940 Truppen in Indochina stationierte, beschloss die amerikanische Regierung, den Export von Erdöl und Stahl nach Japan einzuschränken. Salopp gesagt drehte US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Japanern den Ölhahn zu, um so Druck auf das Kaiserreich auszuüben und eine Kriegsausweitung nach Südostasien auf die dort seit dem Krieg ungeschützten Kolonien Frankreichs zu verhindern. Das wirtschaftliche Embargo des vom Ölimport abhängigen Japans führte am 7. Dezember 1941 zum japanischen Angriff auf Pearl Harbor – und damit zur Ausweitung des Pazifikkriegs auf Amerika.
Bis heute gibt es einerseits unterschiedliche Theorien zur Motivation der Japaner, Amerika anzugreifen. Andererseits aber auch darüber, ob die USA tatsächlich vom Angriff auf Pearl Harbor überrascht worden waren. Vor allem Letzteres zeigt, dass Verschwörungstheorien keineswegs eine Erscheinung der heutigen Zeit sind. Nicht wenige Historiker vertreten bis heute die Ansicht, dass die USA schon länger mit einem Angriff Japans gerechnet hätten und dieser ein willkommener Anlass für die US-Regierung gewesen sei, um den Rückhalt der eigenen Bevölkerung für einen Kriegseintritt der USA zu bekommen.
Wenngleich die Amerikaner allerdings wohl nicht damit gerechnet hatten, vor der eigenen Haustür angegriffen zu werden. Im „Deutschlandfunk“ sagte etwa Sven Saaler, Professor für moderne japanische Geschichte in Tokio, vor einigen Jahren: „Ich bin mit vielen Historikern einig: Roosevelt wusste, dass Japan die USA angreifen würde. Sie hatten ausreichend Funksprüche abgefangen. Aber sie wussten nicht, wo. Vielleicht eher auf den Philippinen, die ihnen ja gehörten. Aber Hawaii mit Flugzeugen? Das haben sie den Japanern nicht zugetraut.“ Es wäre auch ein zu hoher Preis gewesen, angesichts von 2.400 beim Angriff auf Pearl Harbor getöteten US-Soldaten und dem Verlust von 18 Kriegsschiffen sowie 188 Flugzeugen.
So überraschend und militärisch genial vorbereitet der Angriff auf Pearl Harbor auch gewesen sein mag: Letztlich zeigt er die vollkommene Fehleinschätzung der japanischen Militärführung. Zum einen waren die so wichtigen Flugzeugträger der Amerikaner zum Zeitpunkt des Angriffs auf hoher See, zum anderen versäumte es das Kaiserreich, eine weitere entscheidende Welle zu fliegen. So wurden Tanks und Werften in Pearl Harbor zwar beschädigt, aber nicht nachhaltig zerstört. Entsprechend konnten sie relativ schnell wieder repariert werden. Vor allem aber erwies sich die Hoffnung, die Amerikaner würden nach dem Angriff auf Pearl Harbor bis ins Mark getroffen und geschockt sein und die Botschaft verstehen, keine weitere Konfrontation mit Japan zu suchen, als vollkommener Trugschluss. Der japanische Admiral Isoroku Yamamoto, der strategische Kopf hinter dem Angriff, hatte im Vorfeld ausdrücklich vor einem Angriff auf die Amerikaner gewarnt, wurde aber von den Kriegsbefürwortern überstimmt.
Klares Zeichen an die Sowjetunion
Auch wenn es in Nachbetrachtungen immer mal wieder heißt, die Abwürfe der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki Anfang August 1945 seien eine Vergeltungsaktion für Pearl Harbor, stimmt dies nicht. Als Reaktion darauf flogen die Amerikaner bereits am 18. April 1942 einen Überraschungsangriff auf die japanischen Heimatinseln, den sogenannten Doolittle Raid. Dabei bombardierten sie vor allem Industrie- und Militäranlagen in Tokio und Yokohama und trafen ihrerseits die Japaner vollkommen aus dem Nichts.
Zwar begannen die Amerikaner unmittelbar nach Kriegseintritt im Jahr 1942 mit dem „Manhattan Project“, der Entwicklung und dem Bau der Atombombe, die im Juli 1945 in Los Alamos erfolgreich getestet wurde. Doch ein Einsatz war nach Ende des Krieges in Europa eigentlich nicht mehr geplant. Viele an der Entwicklung beteiligte Wissenschaftler hatten ohnehin davon abgeraten.
Dass der neue US-Präsident Harry S. Truman dennoch dem Drängen der US-Militärführung nachgab, die neue Waffe im Konflikt mit Japan einzusetzen, hatte zwei Gründe. Obwohl die japanische Flotte bereits 1943 nahezu vollständig von den Amerikanern zerstört worden war, lehnte Japan jegliche Ultimaten zu einer Kapitulation ab. Hier lassen sich deutliche Parallelen zur Endphase der deutschen Wehrmachtsführung ziehen (siehe S. 24 ff.), die ebenfalls bar jeder Vernunft den Krieg weiterführte, obwohl dieser längst verloren war.
Die Amerikaner wollten einen zermürbenden Krieg mit einem Einmarsch von Truppen in Japan verhindern, da dieser unzählige weitere tote Soldaten in den eigenen Reihen bedeutet hätte. Zudem sollte verhindert werden, dass Russland die japanischen Inseln einnehmen und für sich beanspruchen könnte. Russland hatte dem Kaiserreich trotz eines Neutralitätspaktes mit Japan von 1941 am 8. August 1945 den Krieg erklärt und eine massive Invasion in der Mandschurei gestartet. Die Sowjetunion konnte damals ihr Territorium im Fernen Osten auf den südlichen Teil der Insel Sachalin und die Kurilen-Inseln ausweiten. Japan erkennt vier dieser Inseln bis heute nicht als russisches Gebiet an und möchte über eine Rückgabe verhandeln – bislang aber ohne Erfolg. Einen Friedensvertrag gibt es zudem bis heute auch nicht.
Der Einsatz der beiden Atombomben war somit auch ein deutlicher Fingerzeig in Richtung Sowjetunion. Als Ziel für den Abwurf der ersten Bombe am 6. August, einer Uranbombe, wurde bewusst Hiroshima gewählt. Die Stadt war Sitz des Hauptquartiers der 2. Hauptarmee Japans und diente gleichzeitig zur Lagerung kriegswichtiger Güter. Zudem befand sich dort kein Kriegsgefangenenlager mit US-Insassen. Als Ziel für den Abwurf der zweiten Atombombe am 9. August, einer Plutoniumbombe, war ursprünglich die für die Rüstungsindustrie wichtige Stadt Kokura vorgesehen. Wegen schlechter Sicht wurde jedoch Nagasaki angeflogen, der Sitz des Rüstungskonzerns Mitsubishi – beides mit sechsstelligen Opferzahlen. Bis heute war es glücklicherweise das einzige Mal, dass die neue verheerende Waffe in einem Konflikt eingesetzt worden ist.