Im Eishockey ticken die Uhren anders. Noch vor Beginn der deutschen Meisterschaft startet der internationale Wettbewerb. In der Champions Hockey League treffen die Berliner in der Vorrunde auf Teams aus fünf Ländern. Die erste Partie fand bereits am Donnerstag statt.
Anfang August begann in Berlin die Eiszeit. Dadurch konnten die Eisbären wieder auf dem spiegelglatten Untergrund trainieren. Während draußen das Thermometer nach vielen verregneten Sommertagen gerade über die 30 Grad-Marke kletterte, schwitzten drin die Profis bei zwei Trainingseinheiten täglich. Es ging darum, „die guten Gewohnheiten wieder reinzubekommen“, wie es Stürmer Freddy Tiffels ausdrückte, der wie seine Mitspieler Jonas Müller und Kai Wissmann seinen Vertrag vorzeitig bis 2029 verlängert hatte. Dem dienten in der vergangenen Woche auch die zwei Testspiele bei Motor Ceske Budejovice, dem Sechsten der tschechischen Liga. Trainer Serge Aubin hatte die Aufgabe so formuliert: „Wir wollen wieder die Intensität in unser Spiel bringen.“ Nach 17 Tagen konzentrierter Vorbereitung sollte ein perfekter Start in die Champions Hockey League (CHL) gelingen. Der erfolgte beim norwegischen Meister Storhamar Ishockey. Am Samstag steht bereits die Partie beim AC Klagenfurt an. Zu ihrem ersten Heimspiel empfangen die Eisbären nächsten Freitag Lukko Rauma aus Finnland. Zwei Tage später kommt der französische Titelträger, Brûleurs de Loups de Grenoble, in den Wellblechpalast. Ein forderndes Programm bereits vorm ersten DEL-Spiel am 9. September. „Wir dürfen und werden niemanden unterschätzen. Jeder einzelne Punkt ist wichtig für die Tabelle“, hatte Eisbären-Sportdirektor Stéphane Richer gleich nach der Auslosung im Mai die Richtung vorgegeben. Die beiden restlichen Partien der Vorrunde gegen den vierfachen CHL-Sieger Frölunda Göteborg und bei Red Bull Salzburg finden erst im Oktober statt.
Auch Coach Serge Aubin überlässt bei den Spielen gegen „die Besten Europas“ nichts dem Zufall. Mit Videos, Statistiken und Scouting-Reports bereitet er seine Mannschaft auf die Gegner vor. „Wir treffen auf sechs Mannschaften, die auf sehr unterschiedliche Art Eishockey spielen“, analysiert der 50-jährige Kanadier. „Wir schauen aber erst einmal auf uns, wollen aber unser schnelles Eisbärenhockey spielen und damit wieder erfolgreich sein“. Vor allem für die jungen Spieler sei die Champions Hockey League eine gute Möglichkeit zu lernen, findet der vierfache Berliner Meistertrainer. „Sie kennen ihre Gegenspieler nicht so gut, wie in der DEL. Sie müssen sehen, wie die agieren und sich während des Spiels darauf einstellen und Lösungen finden.“ Diesen „Weiterbildungseffekt“ sieht auch Stürmer Eric Hördler. Der 21-Jährige findet, „wenn man gegen Top-Teams spielt, kann man sich viel abschauen. Man entwickelt sich weiter und baut ein bisschen Selbstbewusstsein auf“.
Hördler spricht von Weiterbildung
Vor 60 Jahren startete der erste Club-Wettbewerb im europäischen Eishockey. Die Idee stammte vom langjährigen Präsidenten des deutschen und des Welteishockey-Verbandes, Günther Sabetzki. Gleich bei der Premiere des bis 1996 existierenden Europapokals schaffte es der EV Füssen bis ins Finale. Der Eisbären-Vorläufer, SC Dynamo Ostberlin, brachte es auf 15 Teilnahmen. Das Team mit Clublegenden wie Joachim Ziesche, Hartmut Nickel und Bernd Karrenbauer schaffte es viermal bis ins Halbfinale. In der Folgezeit wurden verschiedene Formen ausprobiert, um einen kontinentalen Titelträger zu ermitteln. 2014 etablierte sich die von sechs Eishockeyligen gegründete Champions Hockey League, zu deren Gründungsclubs auch die Eisbären Berlin gehören. Jetzt in der elften Saison nehmen wieder 24 Mannschaften aus zwölf Ländern teil. Gespielt wird in einer Gruppe. Jedes Team hat drei Spiele zu Hause und drei auswärts. Die 16 Besten der Tabelle qualifizieren sich für das Achtelfinale. „Ich finde das Format fair“, sagt Geschäftsführer Bothstede. „Ab und an wünschte man sich wie früher Hin- und Rückspiel, wenn ich da nur an die bevorstehenden Spiele gegen Salzburg oder Klagenfurt denke. Spätestens ab dem Viertelfinale stellt sich dann das richtige Europacup-Feeling ein“. Seit letztem Jahr wird auch in der Fußball Champions League nach dem gleichen Modus gespielt.
Der große Unterschied: Während im Fußball viel Geld verdient wird, erhalten die Eishockeyvereine außer einem Antrittsgeld von 80.000 Euro während der Vorrunde für Siege keine Boni. Erst ab dem Achtelfinale werden weitere Gelder ausgeschüttet. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet, musst du aber schon sehr, sehr weit kommen, damit es sich rechnet“, sagt Thomas Bothstede, der seit 2021 der Eisbären-Chef ist. Der Champion hat am Ende summa summarum 225.000 Euro auf dem Konto. „Ich finde aber, als Deutscher Meister gehört es sich einfach, dass du in einen Wettbewerb mit den Top-Teams gehst“.
Die sonst so treuen Eisbären-Fans folgen ihm da nicht so ganz. In der letzten Saison kamen nur rund 4.000 zu den Spielen in den Wellblechpalast. Selbst im Viertelfinale verloren sich nur 5.218 Interessierte in der großen Arena unweit des Berliner Ostbahnhofs. „Die absoluten Fans sind immer da. Für den ‚normalen‘ Zuschauer haben die Mannschaften jedoch nicht den Klang wie etwa Barcelona oder Manchester City im Fußball“, räumt der ehemalige Journalist Bothstede freimütig ein. „Wir müssen durch Werbung, Marketing und Kommunikation mehr Leute zur Champions League bringen.“ Das beste Argument wäre dabei natürlich Erfolg. Im vorigen Jahr kamen die Eisbären so weit wie noch nie. Im Viertelfinale verloren sie gegen den späteren Champion ZSC Zürich mit 3:4 und 4:5, wobei in beiden Partien eine 3:0-Führung aus der Hand gegeben wurde. „Wir haben uns vorgenommen, jede Saison ein Stück weiterzukommen“, verrät der Geschäftsführer abschließend und lässt das Ende des Satzes offen. In den zehn Jahren der CHL erreichte mit Red Bull München bisher nur eine deutsche Mannschaft das Finale. Es ist also an der Zeit, die Bilanz zu verbessern.