Ist Thomas Manns „Zauberberg“ ein Klassiker für unsere Zeit? Mit dieser Frage hat sich Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin Dr. Sabine Göttel in einer essayistischen Keynote beschäftigt, die sie zum Lesefestival HomBuch25 vorstellt.
Frau Dr. Göttel, Sie haben sich intensiv mit Thomas Manns „Zauberberg“ beschäftigt – aus Anlass seines 150. Geburtstags, 1875 in Lübeck, und seines 70. Todestags, 1955 in Zürich. Haben Sie Bezüge zur Gegenwart in dem 1924 erschienenen Roman entdeckt?
Thomas Mann schrieb den Roman im und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Die Handlung setzt sieben Jahre vor dieser Zeitenwende ein und endet mit den ersten Kriegstagen. Krieg ist ein mal mehr, mal weniger präsentes Thema in dem Buch, eine Art Hintergrundrauschen, obwohl die Bewohner des Sanatoriums Berghof sich in einem abgeschiedenen Paradies wähnen. Dass wir uns heute in Deutschland in einer durchaus vergleichbaren Situation befinden, ist evident. Auch die Attraktivität und Verführungskraft autoritärer und totalitärer Systeme und Denkmodelle – im Roman verkörpert in der Figur des reaktionären Jesuiten Naphta – finden ihre Entsprechung in unserer Gegenwart. Mann gibt uns im Roman aber keine Lösungen oder Handlungsanweisungen für diese Problematik an die Hand; wir müssen uns schon selber positionieren.
Sie bezeichnen den „Zauberberg“ als ein „Plädoyer für die Demokratie“. Inwiefern zeigt sich das im Roman?
Sein Autor vollzog während des Schreibprozesses eine erstaunliche weltanschauliche Kehrtwende: Er entwickelte sich vom Monarchisten, der den Krieg befürwortete, zum überzeugten, wenn auch konservativen Republikaner. Als ein solcher rief er 1922 in seiner berühmten Rede „Von deutscher Republik“ zur Unterstützung der jungen Weimarer Demokratie auf. Zwei Jahre später, 1924, erschien der „Zauberberg“, in dem Thomas Mann diese Wandlung literarisch verarbeitete. Seine Hauptfigur Hans Castorp durchläuft eine ganz ähnliche weltanschauliche „Schulung“: Er wird zunächst von zwei verfeindeten Philosophen und brillanten Rhetorikern – Naphta und Settembrini –
in die Mangel genommen und soll sich zwischen Aufklärung beziehungsweise Demokratie und Totalitarismus entscheiden. Hin- und hergerissen träumt er im berühmten „Schneekapitel“ schließlich von einem Weg der „Mitte“ aus „Liebe“ und „Humanität“, der sich allen totalitären Denksystemen verweigert. Thomas Mann verwendete den Begriff der „Humanität“ in seinen politischen Schriften öfter als Synonym für Demokratie.
Thomas Mann gilt als sprachlich anspruchsvoll – nicht zuletzt wegen seiner komplexen, oft verschachtelten Sätze. Welches Werk würden Sie Leserinnen und Lesern für den Einstieg empfehlen?
Ganz entgehen kann man der kunstvollen Sprache Thomas Manns beim Lesen natürlich nicht. Ich empfehle für den Einstieg eine kleinere Dosis, etwa die kürzeren Novellen: aus dem Frühwerk den „Tristan“ oder den „Kleinen Herrn Friedemann“; später dann „Unordnung und frühes Leid“ –
eine Erzählung, die ich besonders mag –
oder „Mario und der Zauberer“. Man sollte sich in jedem Fall genug Zeit für die Lektüre nehmen und die wundervolle Sprache genießen wie ein Stück Sahnetorte. In unserem Zusammenhang empfehle ich unbedingt auch die aufwühlenden Rundfunkreden unter dem Motto „Deutsche Hörer!“, in denen Thomas Mann im amerikanischen Exil den Hörern in Nazideutschland ins Gewissen redete.
Mann war ein hochdisziplinierter Autor mit streng geregeltem Tagesablauf, genauer Planung und großer sprachlicher Akribie. Wie sieht Ihr eigener Schreiballtag aus?
Eine gewisse Selbstdisziplin gehört zu jedem kreativen Projekt – besonders wenn man, wie ich, seinen Lebensunterhalt nicht mit dem Schreiben von Lyrik verdienen kann und dazu mehrere andere Standbeine braucht. Ich versuche, mir pro Woche mindestens einen Tag für das literarische Schreiben freizuhalten. Es ist vor allem wichtig, einen freien Kopf dafür zu haben. Daher gehe ich an einem solchen Tag oft erst einmal spazieren, bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Ebenso gehört sprachliche Akribie auch heute noch zum Handwerk. Gerade in der konzentrierten Form der Lyrik ist ja jedes Wort wichtig – bis zum einzelnen Buchstaben und Satzzeichen.
Wie erleben Sie das Schreiben von Lyrik im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz (KI)?
Ich selbst nutze keine KI für das Schreiben meiner Gedichte – außer vielleicht ein Online-Lexikon für Reime und eins für Synonyme. Meine Lyrik ist von A bis Z analog, und so wird es auch bleiben. Ich wage zu behaupten, dass ich Gedichte, die mit KI verfasst wurden, sofort erkenne: Meist sind sie klischeehaft und unoriginell. Das eigene Gehirn ist da viel produktiver. Darauf sollte man vertrauen und sich von sich selbst überraschen lassen.
Der Vortrag am 13. September ist für Sie als gebürtige Homburgerin eine Art „Heimspiel“. Gibt es zum „Zauberberg“ auch einen regionalen Bezug?
In meiner Kindheit war der Homburger Schlossberg mit seinen geheimnisvollen Höhlen und sagenhaften Ruinen mein persönlicher „Zauberberg“. Außerdem gibt es in Homburg auch einen direkten Bezug zur Geschichte der deutschen Demokratie, denn die Initiatoren des Hambacher Festes von 1832, Siebenpfeiffer und Wirth, haben hier gewirkt. Das ist, wenn ich über Manns „Zauberberg“ und sein Verhältnis zur Demokratie nachdenke, eine inspirierende Parallele.