„Underdog“ FC Hertha 03 muss in der Regionalliga Nordost spätestens ab Anfang September punkten. Es droht eine harte Saison.
Der Kommentar von Steffen Israel nach der dritten Niederlage im dritten Spiel war vielsagend: „Wir haben bislang ja einen großen Aufwand betrieben und uns jetzt mit dem ersten Tor belohnen können“, hob der Trainer des FC Hertha 03 nach dem Spiel in Halle hervor. Erst nach rund vier Stunden Spielzeit in der neuen Saison war dem Vorjahresaufsteiger der erste Treffer gelungen – nach langem Pass von Cenker Yoldas hatte Davud Keskin den zu weit vor dem Tor postierten Torwart des HFC mit einem Heber überwunden. Aber: „Dann war es natürlich ein bisschen unglücklich, dass wir zwei Minuten später das 1:4 kriegen und uns damit wieder aus dem Spiel rausbringen.“ Schlüsselmomente, die aktuell noch schlecht laufen für die Zehlendorfer – anders als in der ersten Saison in der Regionalliga Nordost, als der absolute Außenseiter gleich vom Start weg mit forschem Fußball die Konkurrenz zunächst verblüffen konnte und nach dem siebten Spieltag mit 13 Punkten auf Rang drei anzutreffen war. Damals ein wichtiges „Polster“ angesichts der folgenden Durststrecke (vier Zähler aus 13 Partien) – nun also wird man beim FC Hertha 03 gleich zu Beginn der Spielzeit an das sprichwörtliche „verflixte zweite Jahr“ eines Aufsteigers erinnert. „Die ersten fünf Spiele sind schon sehr knackig“, bekannte Trainer Israel dazu angesichts des Startprogramms: Mit Halle (1:5), Lok Leipzig (Ergebnis siehe „Kurz & Knapp“) und Jena sind drei der „Top 5“ der Vorsaison darunter.
Großer Aufwand nicht belohnt
Auch in den Duellen mit der stets ambitionierten VSG Altglienicke und dem stark eingeschätzten Neuling BFC Preussen (beide 0:2 verloren) gab es letztlich nichts zu holen. Neben der mangelnden Chancenverwertung führten auch hier unglückliche Momente dazu, dass die Partien zuungunsten der Zehlendorfer kippten. Bis zum Platzverweis für Neuzugang Nathan Wicht im zweiten Durchgang machte Hertha 03 bei der VSG etwa ein gutes Spiel – und nur 40 Sekunden danach geriet man in Rückstand. Anschließend verkauften sich die 03er weiter ordentlich, kassierten durch einen Freistoß aber ein weiteres Tor. Im Spiel gegen Preussen bekam man trotz Vorteilen des Kontrahenten auch Chancen, doch Pierre-Emmanuel Abé und Kanto Voahariniaina vergaben sie – dann führte ein Fehler zum Rückstand: „Wir haben heute viele gute Ansätze gezeigt, die wir mitnehmen müssen – aber natürlich auch in Zukunft versuchen, die Kleinigkeiten besser zu machen“, urteilte Israel einmal mehr. „Gerade heute beim Ballverlust im eigenen Aufbaudrittel, der zum 0:1 geführt hat.“ Der Trainer vermittelte dabei trotz des Null-Punkte-Starts noch ein Gefühl entspannter Zuversicht – so wie Vorgänger Robert Schröder in der vergangenen Spielzeit, als man nach erwähntem Abwärtstrend noch die Kurve bekam und letztlich den Klassenerhalt sichern konnte. Und das, obwohl die Zehlendorfer als einer der wenigen Regionalligisten nicht unter Vollprofibedingungen arbeiten können. Das machte man letzte Saison jedoch derart gut wett, dass die Konkurrenz auf den einen oder anderen Akteur aufmerksam wurde.
Angreifer Serhat Polat verließ den Verein schon in der Winterpause 2024/25 in Richtung Halle. Im Sommer folgte ihm Trainer Schröder – und am Ende sogar auch noch der für Polat geholte Bocar Baro (elf Tore in 13 Einsätzen für Hertha 03). Aber auch die Torhüter Jasper Kühn (FSV Zwickau) und Nash-Daniel Amankona (Hertha BSC II), Verteidiger Marc Enke (Chemie Leipzig), die Mittelfeldspieler Gabriel Figurski Vieira (FSV Zwickau), Jonas Hartl und Louis Wagner (beide VSG Altglienicke) sowie Eric Stiller (ZFC Meuselwitz) schlossen sich Ligakonkurrenten an. So müssen sich neben alteingesessenen Spielern wie Yoldas, Abwehrchef Jake Wilton oder Kapitän Sven Reimann gleich zahlreiche Neuzugänge in der Stammelf etablieren. Dazu gehören etwa die neue Nummer 1, Alexios Dedidis (24, Jena), Iba May (27, Austria Klagenfurt, zuvor Viktoria Berlin) oder Jules Hasenberg (20, BFC Dynamo) im Mittelfeld. Mit Nicolas Hebisch (35, Viktoria) hat man dazu noch einen erfahrenen Stürmer geholt, weil Ernesto Carratala-Jimenez zunächst noch verletzt ausfiel. Der 25-Jährige, vom luxemburgischen Zweitligisten Victoria Rosport gekommen, soll nach Möglichkeit der Nachfolger Baros als zuverlässiger Torschütze werden. Schließlich hat den Zehlendorfern gerade die gute Chancenverwertung auf der Zielgeraden der Saison 2024/25 zum Klassenerhalt verholfen. Kurzfristig konnte man dazu mit Niklas Doll (25, Wacker Burghausen) und Stanley Keller (23, Babelsberg 03) noch zwei offensive Außenbahnspieler aus der Regionalliga hinzugewinnen.
Schonzeit hält nicht ewig
Wie ist es aber nun um die Geduld im Umfeld der „kleinen Hertha“ bestellt, wenn die Spielzeit praktisch erst nach dem fünften Spieltag richtig beginnt? Nun, als Mannschaft mit „Feierabendfußballern“ ist man sich bei den Verantwortlichen des Status als Abstiegskandidat natürlich bewusst. Andererseits will man die Regionalliga unbedingt halten und erhofft sich noch einmal einen Schub für den Gesamtverein, wenn man seine Heimspiele endlich dauerhaft im Ernst-Reuter-Sportfeld austragen darf – aktuell finden wegen dort fehlender Vorkehrungen die meisten Partien weiterhin noch im Stadion Lichterfelde statt. Dazu ist Kamyar Niroumand als Präsident der „starke Mann“ im Verein, der für seinen Club auch mal kämpft. So gab er etwa im Transferpoker um Serhat Polat gegenüber dem „großen“ Halleschen FC nicht gleich nach und erstritt dem Vernehmen nach zumindest noch eine entsprechende Vergütung für dessen Wechsel. Der 65-Jährige scheut dabei auch nicht den Weg in die Öffentlichkeit – etwa als sich diesen Sommer der wechselwillige Baro seiner Ansicht nach ohne Anlass verletzt aus der Vorbereitung zurückzog. Dass Niroumand aber auch hin und wieder überemotional reagiert, zeigte sein „Hinterherrufen“ gegenüber Ex-Trainer Schröder, dem er Unehrlichkeit bei seinem Abgang zum HFC vorwarf. Schon in der sportlichen Krise der vergangenen Saison hielt der Präsident dabei seine Hand nicht bedingungslos über den in Zehlendorf verdienten Schröder – insofern muss auch Nachfolger Steffen Israel damit rechnen, dass die Schonzeit nicht ewig hält. Ein kleines Erfolgserlebnis bot da immerhin Mitte August die erste Runde im Berliner Pokal, wo man sich bei den zwei Klassen tiefer spielenden Spandauer Kickers mit einem 2:1 in letzter Minute das Weiterkommen sichern konnte.