Der erfolgreiche Ligastart verschleiert bei Union Berlin nicht den Blick für die Realität. Die Last der schlechten Vorbereitung ist aber erst einmal abgelegt – dank bekannter Leistungs- und neuer Hoffnungsträger.
Torhüter stehen in der Gunst der Union-Fans traditionell hoch im Kurs. Entsprechend landen sie bei der Wahl zum „Union-Fußballer des Jahres“ oft weit vorne, nicht selten gewinnen sie die Fan-Abstimmung auch. Frederik Rönnow schaffte in diesem Jahr den Titel-Hattrick: Nach 2023 und 2024 wählten ihn die Anhänger der Eisernen auch diesmal zum besten Spieler. Dieses Kunststück gelang vor ihm nur einem Profi – wenig überraschend war auch er ein Torwart: Jan Glinker belegte bei den Votings von 2007 bis 2009 jeweils den Spitzenplatz.
Baumgarts Erleichterung
Rönnows jüngster Coup war eine eindeutige Sache: 48,5 Prozent der Stimmen entfielen auf seinen Namen, also wählte fast jeder Zweite den Keeper. Die Fans haben nicht vergessen, dass es vor allem seine starken Leistungen in der Rückrunde waren, die Union vor dem drohenden Abstieg bewahrten. Neunmal stand beim Dänen die Null, seine Paradenquote von 67 Prozent muss sich auch im Vergleich mit den Besten der Liga nicht verstecken. Dass er vier von fünf Elfmetern gegen Union parierte, war ein zusätzlicher spektakulärer Wert.
Für all das wurde er – ebenso wie die Gewinnerin beim Frauenteam, Kapitänin Lisa Heiseler – vor dem Start in die neue Bundesliga-Saison geehrt. Doch wirklich zufrieden war Rönnow erst nach dem Schlusspfiff, als der 2:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart perfekt war. Auch dank einer starken Leistung des Schlussmanns begann die siebte Bundesliga-Saison der Eisernen verheißungsvoll. Es war zwar kein Torspektakel wie beim vorangegangenen Aufeinandertreffen mit den Schwaben in der Alten Försterei, das nach einem wilden Spiel 4:4 endete. Doch nach Unions schwachen Leistungen in der Vorbereitung, in der alle Spiele torlos verloren gingen, war ohnehin nicht damit zu rechnen. „Vor allem kämpferisch haben wir heute eine gute Leistung geboten“, sagte Rönnow.
Auch Trainer Steffen Baumgart war erleichtert, dass neben dem Pokalauftakt auch der Ligastart glückte: „Das kann sich jeder vorstellen.“ Stuttgart gehöre „fußballerisch mit zum Besten, was wir in Deutschland haben“, betonte der Coach. Eine solche Mannschaft könne Union nicht dominieren, sondern nur kämpferisch bezwingen. „Der Sieg war hart erarbeitet. Und ich weiß auch, dass wir einen Sieg eingefahren haben, den nicht jeder einfährt.“ Die drei Punkte auf dem Konto erleichtern die Auswärtsfahrt zu Borussia Dortmund enorm. Im Duell mit dem Champions-League-Dauergast an diesem Sonntag (31. August) lastet der Druck klar auf dem BVB, der zum Start nicht über ein Remis beim FC St. Pauli (3:3) hinauskam. Union aber kann befreit aufspielen – und womöglich für die nächste Überraschung sorgen. Die „harte Arbeit“, erklärte Baumgart, „die werden wir gegen andere Mannschaften auch brauchen. Ebenso das Quäntchen Glück.“ Und ein Ilyas Ansah in der Form des Stuttgart-Spiels kann ebenfalls nicht schaden.
Der Neuzugang aus Paderborn feierte mit seinem Doppelpack eine bemerkenswerte Bundesliga-Premiere. „Es ist ein Traum, in der Bundesliga zu spielen. Das ist eine Situation, bei der man sich erst einmal sammeln muss“, sagte der Matchwinner hinterher. Dass von der enttäuschenden Vorbereitung und den Sturmproblemen aktuell kaum noch jemand spricht, liegt größtenteils an ihm. Vor allem sein Treffer des Willens zum 1:0, bei dem er sich zunächst energisch den Gegenspieler vom Leib hielt und dann den Ball aus 25 Metern mit voller Wucht volley ins Tor drosch, wirkte wie eine Befreiung für den gesamten Club. „Das ist natürlich ein idealer Start für einen jungen Spieler“, sagte Baumgart, der den U20-Nationalspieler aber auch nicht zu viel loben wollte. „Jetzt bedeutet es, einfach weiterzumachen“, forderte der Trainer. Genau das hat Ansah vor – am liebsten schon gegen den BVB. Das Spiel in Dortmund ist für ihn etwas Besonderes: Als gebürtiger Lüdenscheider ist er im Ruhrgebiet groß geworden. In seiner Jugend spielte er ebenfalls in Dortmund – allerdings nicht für den großen BVB, sondern für den TSC Eintracht Dortmund.
Juranovic verlängerte seinen Vertrag
Gar keine Rolle gegen Stuttgart spielte dagegen Diogo Leite. Eigentlich ist der Innenverteidiger einer der besten Spieler bei Union und unter normalen Umständen natürlich ein Startelf-Kandidat. Doch die Umstände waren in den Tagen vor dem Ligaauftakt nicht normal beim Portugiesen. „Diogo befindet sich nicht im Training. Er ist nicht verletzt, aber es gibt eine Situation, die wir alle kennen. „Und dieser Situation tragen wir Rechnung“, hatte Baumgart die Nicht-Nominierung begründet. Die Wechselambitionen von Leite sind kein Geheimnis, und auch Union ist an einem Transfer interessiert, da der Spieler seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern will. Demnach bleibt nur noch in diesem Sommer die Chance, gutes Geld für den Abwehrspieler zu kassieren. Laut „transfermarkt.de“ ist Leite mit 17 Millionen Euro der wertvollste Spieler im Kader. Diesen 2026 ablösefrei zu verlieren, kann sich ein Club wie Union nicht erlauben. Bis zum Transferschluss am 1. September soll das Thema, das für etwas Unruhe im Team sorgte, erledigt sein. „Wir schauen, was kommt, und dann lassen wir uns überraschen“, hatte Baumgart vor dem Stuttgart-Spiel gesagt.
Die Zukunft eines anderen Leistungsträgers ist dagegen geklärt – und sie liegt weiter in Berlin-Köpenick: Josip Juranovic verlängerte seinen Vertrag. „Union und Berlin sind mittlerweile ein richtiges Zuhause für meine Familie und mich geworden“, sagte der Kroate. Er war 2023 von Celtic Glasgow gekommen – für die damalige vereinsinterne Rekordsumme von 8,6 Millionen Euro. Mehr Geld gaben die Unioner seitdem nur für Robin Gosens aus (13 Millionen Euro), der inzwischen wieder in Italien spielt. Juranovic erfüllte die Erwartungen, vor allem seine Flexibilität macht ihn für das Team so wertvoll. Im bevorzugten System mit der Abwehr-Dreierkette kann er sowohl als linker als auch als rechter Schienenspieler auflaufen. 63 Pflichtspiele hat er seitdem für Union bestritten – es sollen noch viele mehr dazukommen. „Wir wollen uns weiter in der Liga etablieren und unseren Fans weitere unvergessliche Spiele liefern“, sagte Juranovic.
Wie lange Juranovics neuer Vertrag läuft, ließ Union nicht verlauten. Der Club teilt solche Details generell nicht mit. Doch im Geschäft Profifußball, in dem Berater und sogenannte Transfer-Experten ihr eigenes Spiel spielen, bleibt das natürlich nicht geheim. Beim Wechsel von Neuzugang Derrick Köhn erfuhr die Öffentlichkeit bei Vertragsabschluss sogar ganz konkrete Zahlen: Die Berliner zahlen eine Sockelablöse von vier Millionen Euro, die durch Bonuszahlungen um eine weitere halbe Million ansteigen kann. Das teilte der abgebende Verein Galatasaray Istanbul offiziell mit. Viel Geld, das Werder Bremen von einer Verpflichtung abschreckte. An den Nordclub war der Außenverteidiger in der Vorsaison ausgeliehen, dort absolvierte er 30 Pflichtspiele als Stammspieler. Dass er auch bei Union bestehen kann, trauen ihm die Verantwortlichen zu. „Derrick bringt Tempo, Durchsetzungsfähigkeit und Bundesliga-Erfahrung mit“, sagte Geschäftsführer Horst Heldt. „Wir trauen ihm zu, unserer Mannschaft auf Anhieb helfen zu können, und er passt auch charakterlich gut zu uns.“ Gegen Stuttgart wurde Köhn eingewechselt und sammelte damit erste Minuten im Union-Trikot.