Im Volkspark Humboldthain kann man in die Schrecken des Zweiten Weltkriegs abtauchen. Der sogenannte Flakbunker schützte in Berlin damals rund 40.000 Menschen mit fast vier Meter dicken Mauern.
Insgesamt 149 Stufen führen zum Eingang des Flakbunkers im Berliner Volkspark Humboldthain, zum heutigen Eingang in der fünften Etage des Bunkers. Mehr als 1,4 Millionen Kubikmeter Schutt lagern um den Bunker herum und verdecken die Stockwerke unterhalb des heutigen Eingangs. Für bis zu 15.000 Zivilisten waren die unteren drei Etagen gedacht. Bis zu 40.000 Menschen haben dort zum Ende des Zweiten Weltkriegs Platz gefunden. Drangvolle Enge und Panik davor, den Russen in die Hände zu fallen, beherrschten in den letzten Kriegstagen das Leben in dem Bauwerk mit bis zu 3,80 Meter dicken Mauern.
Ein Student kam in den 80ern ums Leben
Dass die Reste des ehemaligen Flakbunkers zu besichtigen sind, ist dem Verein „Berliner Unterwelten“ zu verdanken, der mit seinen 580 Mitgliedern mehrere Bunker und unterirdische Bauwerke in Berlin betreut und dort Führungen anbietet. Guide Daniel Sturm berichtet, dass bis zu 1.500 Besucher täglich durch die vom Verein betreuten Anlagen geführt werden. Im Flakbunker im Humboldthain gibt es in der Zeit von April bis Oktober täglich Führungen im Halbstundentakt. In den restlichen Monaten verbringen Fledermäuse ihren Winterschlaf in der Bunkeranlage. Dank des Engagements der „Berliner Unterwelten“, die die Räume dafür optimiert haben, ist das möglich.
Nach Kriegsende wurden zwei der ehemals vier Türme des Flakbunkers gesprengt. Die beiden nördlich gelegenen Türme mussten stehen bleiben, weil deren Sprengung möglicherweise die in der Nähe verlaufende Bahnlinie gefährdet hätte. Umso spannender ist die Tour durch die verbleibenden beiden Türme, in denen sich noch immer Geröll und Spuren von Geschossen befinden. Da der Bunker nach Kriegsende zivilen Zwecken dienen sollte, hat man ihn mit Fenstern gebaut. Diese waren während des Krieges mit Stahlplatten verdeckt, dennoch stellten sie ein Risiko dafür dar, dass Geschosse an diesen „Schwachstellen“ eindringen konnten. Genau das ist auch passiert. Die Einschlagstellen sind im Bunker an einer Wand deutlich erkennbar. Auch Spuren der Sprengung sind offenkundig zu sehen. Eine Wand ist etwa einen Meter nach außen gedrückt. Teile der Decke sind aus ihrem Gesamtverbund gelöst und hängen nur noch an der Stahlarmierung. Tonnenschwere Brocken, die laut Statikern jedoch für die Besucher keine Gefahr darstellen.
Das war nicht immer so. Nach Ende des Krieges wurde der Bunker verschlossen. Jahrzehnte später, im Jahr 1986, hat es ein französischer Student „geschafft“, sich unbefugt Zutritt zu dem Flakbunker der ersten von insgesamt drei Generationen zu verschaffen. Eine Treppe, die er beging, brach ab und er stürzte mehrere Meter in die Tiefe. Ein Sturz, den er nicht überlebte. Es hat lange gedauert, bis er gefunden wurde, denn die Suchtrupps mussten sich erst mit großem Aufwand durch das lange verschlossene Gebäude bewegen, nachdem sie endlich herausgefunden hatten, dass der Student dort eingedrungen sein könnte.
Der Verein „Berliner Unterwelten“ hat im Jahr 2000 begonnen, die Betreuung des Flakbunkers im Humboldthain zu übernehmen. Unmengen an Schutt haben die Mitglieder aus dem Bauwerk befördert und vor allem dafür gesorgt, dass die Anlage sicher begehbar ist. Statt der alten, an einer Stelle abgestürzten Treppe hat der Verein Stahltreppen errichtet. Stahlbrücken gebaut, von denen man mehrere Meter in die Tiefe sehen kann – auf Schutt. Der Verein hat mit Bildtafeln das ehemalige Leben in dem Bunker dokumentiert. Auch Zeitzeugen kommen dort in Texten zu Wort. Ein ehemaliger Flakhelfer wurde wenige Monate vor Kriegsende dort durch ein feindliches Geschoss schwer verletzt und verlor ein Auge. Heute sagt er, dass ihm das das Leben gerettet hat, denn seine Kameraden wurden wenig später an die Front beordert. Er hat überlebt. Die meisten seiner Kameraden nicht.
Teile wurden später gesprengt
Guide Anja weiß zu berichten, dass es den Soldaten in dem Bunker relativ gut ging. Es waren genügend Lebensmittel und Wasser da, sogar Heizungen gab es. Ein Lazarett zur Versorgung Kranker und Verletzter stand zur Verfügung, und regelmäßig kamen Hebammen in den Bunker, denn auch Kinder kamen hier gelegentlich zur Welt. Da Jugendliche als Flakhelfer eingezogen wurden, hat sich schon damals die zuständige Verwaltung Gedanken darüber gemacht, dass diese auch Bildung erhalten mussten. So wurden die eingezogenen jungen Flakhelfer zwölf Stunden pro Woche unterrichtet.
Nach Ende des Krieges diente der Bunker vor seiner Schließung noch einige Zeit als Unterkunft für Menschen, die ihr Zuhause verloren hatten. Wohnraum war auch damals schon knapp in Berlin.
Die „Tour 2“ des Vereins Berliner Unterwelten vermittelt in spannender Weise die Geschichte des Flakbunkers. Über drei Etagen erleben die Besucher Geschichte hautnah. Sie sehen die Auswirkungen der Sprengversuche, besonders eindrucksvoll an einer Stelle, wo die Decke, der Boden zwischen zwei Stockwerken weggesprengt wurden, sodass nur noch Betonbrocken an Armierungseisen in der Luft hängen. An anderer Stelle ist die Decke ganz eingebrochen und hängt im schrägen Winkel nach unten. Ein Bereich, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, in dem man aber einen weiteren Gang in Richtung des gesprengten Teils sehen kann. Führungen gibt es inzwischen in bis zu sieben Sprachen, sodass Interessierte aus nahezu der ganzen Welt die Möglichkeit haben, Geschichte, die sich hoffentlich nicht wiederholt, hautnah zu erleben. Das ist nur dank des großen Engagements aller Vereinsmitglieder und deren Mitarbeiter möglich. Im kommenden Jahr ist geplant, das bereits vorhandene Repertoire an Bunkerführungen um einen prominenten weiteren Bunker zu ergänzen. Interessierte dürfen gespannt sein, worum es hierbei geht.
Wer Interesse hat, die Arbeit des Vereins zu unterstützen, kann dies auf vielfältige Weise tun. Praktische Mitarbeit ist von allen Interessierten willkommen, genauso wie Spenden und finanzielle Zuwendungen, um die unterirdische Geschichte der Stadt lebendig und erlebbar zu halten. Wer den Flakbunker im Humboldthain noch abenteuerlicher erleben möchte, kann die Tour E (Extrem) buchen. Hier geht es auch in die unteren Etagen, und die Besucher klettern über Leitern an den Wänden und wandern über Geröllhalden.