Wie kein anderer Politiker der Bundesrepublik hatte der brillante Rhetoriker und affärenbelastete Franz Josef Strauß als CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident die deutsche Gesellschaft in Freund und Feind gespalten. Das stand letztlich seinem Traum von der Kanzlerschaft im Wege.
Erstmals hatte der am 6. September 1915 in München als Sohn eines im Stadtteil Maxvorstadt ansässigen Metzgers geborene Franz Josef Strauß am 5. April 1935 für Aufsehen gesorgt. Als Schüler des renommierten humanistischen Maximilian-Gymnasiums hatte er mit einem Notendurchschnitt von 1,1 das beste Abitur seines Jahrgangs im Freistaat erzielt – seine Pennäler-Vorgänger hatten eine solche Leistung letztmals 1910 geschafft. Das Primus-Gen, immer möglichst der Erste und Beste sein zu wollen, schien dem Filius einer streng katholischen, monarchistisch und antipreußisch ausgerichteten Familie von Geburt an eingeimpft worden zu sein. Von daher war es schon verwunderlich, dass er sich zunächst einmal mit dem eher bescheidenen Berufsziel eines Gymnasiallehrers in den Fächern Geschichte und Klassische Philologie (Latein und Griechisch) begnügen wollte.
Trotz seiner Einziehung zur Wehrmacht 1939 schloss er sein Studium dank Beurlaubungen mit dem am 1. April 1941 abgelegten zweiten Staatsexamen erfolgreich ab und wurde im Mai 1942 zum außerplanmäßigen Beamten und im April 1943 zum Studienrat ernannt. Einem regulären Klassenzimmer stand er bis zum Kriegsende allerdings nicht mehr vor. Danach wurde er bereits am 1. Juni 1945 auf Beschluss der amerikanischen Militärregierung zum stellvertretenden Landrat des Landkreises Schongau bestellt, da er ohne NSDAP-Mitgliedsausweis als politisch unbelastet eingestuft worden war. Im November 1945 zählte er zu den Mitgründern des CSU-Kreisverbandes Schongau.
Spätestens nach seiner Wahl zum Landrat von Schongau am 31. August 1946 schlug Franz Josef Strauß ganz zielbewusst den Weg des Karrierepolitikers ein. Dafür musste er allerdings zwangsläufig die zu kleine Bühne des Freistaates Bayern verlassen. Ab Februar 1948 machte er sich als Mitglied des Frankfurter Wirtschaftsrates für die Einführung der von Ludwig Erhard empfohlenen Sozialen Marktwirtschaft stark. Gestützt auf das neue Amt des CSU-Generalsekretärs gelang ihm im August 1949 über ein Direktmandat im Kreis Weilheim erstmals der Einzug in den Bonner Bundestag, dem er bis zu seinem Ausscheiden im Oktober 1978 ununterbrochen 29 Jahre lang angehörte.
Starfighter-Affäre kostete Milliarden
Sein parteiinterner Aufstieg, der sich im September 1953 in seiner Wahl zum Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe dokumentierte, blieb natürlich auch Bundeskanzler Konrad Adenauer nicht verborgen. Er holte Strauß nach der zweiten Bundestagswahl in sein Kabinett, wobei der Bayer allerdings das ihm zunächst angebotene Bundesministerium für Familienfragen ablehnte und daher im Oktober 1953 zum Bundesminister für besondere Aufgaben ernannt wurde. Das diffuse Zuständigkeitsprofil seines Ministeriums nutzte Strauß, der sich zunehmend als „Weltpolitiker“ verstand und dabei als glühender Anhänger der Westintegration der Bundesrepublik sowie als strammer kalter Krieger mit beharrlich öffentlich bekundetem Kommunistenhass auftrat, zum frühen Aufbau eines internationalen Netzwerks und zur Einmischung in Themenfelder seiner Ministerkollegen.
Nachdem ihm im Oktober 1955 das neue Bundesministerium für Atomfragen übertragen worden war, begann er als Verfechter der Atomkraft mit einer zügigen Einführung der Kernenergie. Später erntete er mit seinem beharrlichen Eintreten für den 1985 begonnenen und vier Jahre später eingestellten Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf in der Oberpfalz reichlich gesellschaftlichen Gegenwind – was auch für den von ihm protegierten und zwischen 1960 und 1992 fertiggestellten Main-Donau-Kanal gegolten hatte. Dabei muss allerdings konstatiert werden, dass Strauß einer der frühen prägenden Akteure der Forschungs- und Technologiepolitik der Bundesrepublik war. Als begeisterter Privatflieger hat er beispielsweise mit dem deutsch-französischen Konsortium „Airbus Industrie“, dessen Aufsichtsratsvorsitz er übernahm, 1970 eine ernstzunehmende europäische Konkurrenz zu US-Fluggesellschaften miterschaffen.
Seine Verdienste als Bundesminister der Verteidigung ab Oktober 1956 um den Auf- und Ausbau der Bundeswehr wurden durch gleich drei Affären belastet. Es begann mit der sogenannten Starfighter-Affäre im Jahr 1960, bei der Strauß gegen den Rat von Experten einen Milliardendeal mit dem US-Flugzeugbauer Lockheed abschloss und 916 Modelle des technisch unausgereiften Modells für die junge Bundeswehr orderte. Nach 262 abgestürzten Flugzeugen und 116 toten Piloten wurde der Starfighter zum „Witwenmacher“ deklariert.
Ein Jahr später wurde die sogenannte Fibag-Affäre publik, bei der Tausende Wohnungen für in Deutschland stationierte US-Soldaten von einer Firma errichtet werden sollten, an der ein Strauß-Freund und der Verteidigungsminister selbst Anteile besaßen. Den unrühmlichen Höhepunkt bildete dann 1962 die sogenannte Spiegel-Affäre, die vom Hamburger Magazin mit dem Beitrag „Bedingt abwehrbereit“ ausgelöst worden war. Was folgte, war ein beispielloser Angriff auf die Pressefreiheit, der in dem erzwungenen Rücktritt von Franz Josef Strauß am 30. November 1962 gipfelte.
27 Jahre CSU-Chef bis zu seinem Tod
Später folgte noch eine ganze Reihe weiterer Affären, die größtenteils im Zusammenhang mit dem sogenannten Amigo-System zu sehen waren, sprich einer geschäftlichen Begünstigung von Strauß-Freunden. Schon im März 1961 war Strauß zum CSU-Parteivorsitzenden gewählt worden und behauptete dieses Amt bis zu seinem Tod stolze 27 Jahre lang. Damit ließ er sogar den späteren Bundeskanzler Helmut Kohl als CDU-Rekordhalter mit 25 Jahren hinter sich. Nach dem Rücktritt als Verteidigungsminister ließ sich Strauß aber keineswegs unterkriegen, sondern büffelte an den Universitäten von München und Innsbruck Nationalökonomie, um das frisch Gelernte dann im Amt des Bundesministers für Finanzen zwischen 1966 und 1969 praktisch umzusetzen und dabei wesentliche Reformen der Wirtschafts- und Finanzverfassung einzuleiten.
Beileibe nicht erst in Zeiten der Opposition nach der von CDU/CSU verlorenen Bundestagswahl 1969 konnte der trinkfreudige Franz Josef Strauß mit seinem monumentalen Äußeren und seinem bajuwarischen Akzent sein begnadetes Redetalent mit drastisch-plastischen Sprachbildern unter Beweis stellen. Seine Wortgefechte mit Herbert Wehner, dem Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, waren ebenso legendär wie sein späteres verbales Kräftemessen mit Kanzler Helmut Schmidt, der ihm als Einziger in Sachen Rhetorik das Wasser reichen konnte. Strauß beherrschte in seiner unnachahmlichen, meist lautstarken und oft polternden Art die gesamte Palette der Redekunst. Er konnte bei Bedarf sowohl akademisch-gelehrt als auch beleidigend-angriffslustig auftreten, wobei vor allem seine bis zu vier unterhaltsame Stunden dauernden Auftritte vor CSU-Anhängern in Bierzelten Kultcharakter hatten. Er konnte gut austeilen, Repliken allerdings deutlich schlechter wegstecken. Als „Poltergeist der deutschen Politik“ hatte ihn daher mal der „Spiegel“ treffend charakterisiert.
Im eigenen politischen Lager stand seinem persönlichen Lebenstraum vom Kanzleramt der ebenfalls gewichtige CDU-Chef Helmut Kohl im Wege. Nach dessen knapper Wahlniederlage bei der Bundestagswahl im Oktober 1976 hatte die CSU am 19. November 1976 im sogenannten Kreuther Beschluss auf Drängen von Strauß die Unionsgemeinschaft mit der CDU aufgekündigt und eine bundesweite CSU-Kandidatur anvisiert. Fünf Tage später zog Strauß in der sogenannten Wienerwald-Rede über Kohl und die CDU kräftig vom Leder. Er sprach Kohl jegliche Fähigkeit ab, das Amt des Bundeskanzlers jemals vernünftig führen zu können, und deklarierte die CDU-Verantwortlichen als „politische Pygmäen“, als „Zwerge im Westentaschenformat“ und als „Reclam-Ausgabe von Politikern“. Der Kreuther Trennungsbeschluss wurde schnell wieder aufgehoben.
Tödliche Folgen eines Schlaganfalls
Strauß ließ sich am 6. November 1978 zum bayerischen Ministerpräsidenten wählen und konnte seine Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl im Oktober 1980 gegen den von Kohl präferierten niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht durchsetzen. Nach einem emotional stark aufgeladenen Wahlkampf schaffte es Strauß aber nicht, die sozialliberale Koalition, deren Ostpolitik samt Grundlagenvertrag er kompromisslos bekämpft hatte, abzulösen. Er kümmerte sich fortan als bayerischer Ministerpräsident vor allem um die weitere Fortentwicklung des Freistaates vom Agrarland hin zum modernen Industrie- und Technologiestandort. Durch die Vermittlung eines Bankkredits in Höhe von einer Milliarde Deutsche Mark (500 Millionen Euro) zugunsten der DDR sorgte er 1983 nochmals für bundesweites Aufsehen – und für das Ausscheiden einiger darüber empörter CSU-Mitglieder, die mit den „Republikanern“ eine politische Gruppierung rechts von der CSU gründeten.
Von einem Schlaganfall, den er am 1. Oktober 1988 kurz nach Verlassen seines Hubschraubers in der Nähe von Regensburg erlitten hatte, erholte sich der damals 73-Jährige nicht mehr und starb zwei Tage später in einem Regensburger Krankenhaus an Organversagen.