Der Berliner Internet-Soziologe Professor Dr. Stephan G. Humer warnt davor, digital assistiertes Autofahren als „leichte“ Nebensache anzusehen – aber auch davor, Menschen durch Bevormundung statt durch Einsicht vom Smartphone am Steuer abbringen zu wollen.
Herr Professor Humer, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Soziologie des Internets, mit Digitalisierung, mit Sicherheit rund ums Internet sowie mit weiteren Wirkungen des digitalen Lebens. Manche Menschen mögen das Internet und soziale Medien gar nicht mehr aus der Hand legen. Warum hantieren so viele Fahrzeugführer während der Fahrt mit dem Handy?
Es fällt vielen Menschen schwer, vom Handy zu lassen, da die Reize so vielfältig sind und auch die Nutzung immer breitbandiger wird. Nicht nur während einer Autofahrt wird mit dem Smartphone telefoniert, aber auch gespielt, getextet, das Smart Home gesteuert, Rabatte gejagt, Social Media genutzt und vieles mehr. Nur wenige haben anscheinend die Disziplin, dies alles kontrolliert und bewusst zu nutzen – zu viele lassen sich beeinflussen und mitreißen, teilweise fast schon versklaven. Politik und Gesellschaft steuern meines Erachtens viel zu wenig dagegen.
Sind die Deutschen besonders stark aufs Smartphone fixiert, sodass sie selbst dann nicht von ihm lassen können, wenn ihre Aufmerksamkeit vom Straßenverkehr gefordert wäre?
Ich würde hier nicht unbedingt nach Ländern unterscheiden wollen, das Problem ist weltweit sicherlich sehr ähnlich. Das Handy bietet überdurchschnittlich viele Reize und das Autofahren wird vermeintlich – aufgrund von Assistenzsystemen – immer leichter. Zumindest dürften es viele Fahrerinnen und Fahrer zunehmend als Nebensache ansehen, so mein Eindruck. Das ist eine brandgefährliche Mischung.
Immer häufiger sind Fußgänger zu sehen, die mehr auf ihr Smartphone als auf ihre Kinder im heftigen Verkehr achten. Wie hat sich das Gefahrenpotenzial durch mentale Fokussierung aufs Smartphone in den vergangenen Jahren verändert?
Insgesamt steigt das Risiko, besonders während der Fahrt, um ein Vielfaches, und das schon seit Jahren. Es gibt hier anscheinend immer noch viel zu wenig Unrechtsbewusstsein. Das Handy ist und bleibt bisher einer der Hauptgründe für Unfälle. Daran hat sich trotz Gesetzesverschärfungen und Awareness-Kampagnen offenbar nicht so viel geändert, wie man sich das wohl erhofft hat – die Zahlen sind immer noch dramatisch hoch.
Können Menschen das Multitasking aus Aufmerksamkeit fürs Handy plus Konzentration auf das schnelle Geschehen im Straßenverkehr mit ihrer menschlichen Gehirnleistung überhaupt sicher bewältigen? Oder ist es eher Zufall und Glück, wenn sie hier und dort agieren und reagieren, ohne dass etwas passiert?
Ich würde es klar als Glück bezeichnen. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die von einem bis zu zehnmal höheren Unfallrisiko bei Handynutzung ausgehen – das sind dramatische Werte. Hinzu kommt die von Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern des Öfteren berichtete, zunehmende Leistungsschwäche zahlreicher Schülerinnen und Schüler. Ich bin ehrlich gesagt oft genug erstaunt, dass nicht mehr passiert. Die Bewältigung so vieler Einflüsse ist im Übrigen, je nach Situation, schwierig bis unmöglich. Zumal auch der Verkehr dichter, aggressiver, komplexer geworden ist. Gerade heute ist es sinnloser denn je, den Versuch der Kombination von guter Fahrleistung und Handynutzung zu wagen.
Ab 2026 werden sogenannte Ablenkungsassistenten in neuen Fahrzeugen EU-weit verpflichtend. Diese Systeme erkennen, ob der Fahrer nicht auf die Straße blickt, und geben ein Warnsignal ab. Glauben Sie, dass die Warnsignale wirken, auch wenn den Fahrern keine rechtlichen Sanktionen drohen?
Nein. Wir sehen seitens Politik und Automobilindustrie einen meines Erachtens sehr bedenklichen Trend in dieser Hinsicht, der immer mit Unterstützung – Stichwort „Assistenzsystem“ – verkauft und gerechtfertigt wird. Viele Menschen dürften das aber eher als Bevormundung empfinden und sich wehren. Wir wissen: Wenn sich der Frust zu sehr anstaut, wird das irgendwann gefährlich, auch und gerade für die Demokratie. Man kann es etwas drastisch abkürzen und sagen: Sollte der Widerstand gegen die als bevormundend erlebten Systeme weiter steigen, hilft das letztlich nur extremistischen Parteien. Auf den ersten Blick mag es vielleicht schräg erscheinen, hier eine Linie von einem Assistenzsystem zur Zerstörung der Demokratie zu ziehen, aber Bevormundung ist dieser Tage ein hochrelevanter Stimmungsaspekt. Und Akzeptanz ist kein exotisches Nischenthema, sondern gesellschaftlich essenziell.
Verlassen sich die Menschen mittlerweile zu sehr auf technische Hilfen wie automatisches Abstandhalten oder von Sensoren und Kameras ausgelöstes Bremsen? Auch wenn ihr Auto oder ihre Geschwindigkeit wirkliche Sicherheit gar nicht hergeben?
Mein Eindruck ist: ja. Wenn ich Studien und Analysen lese, die von zu viel Ablenkung durch diese Systeme sprechen oder von zu viel Vertrauen seitens der Fahrerinnen und Fahrer, dann zeigt das für mich ganz klar auf, dass wir uns derzeit auf dem falschen Weg befinden. Anekdotisch komme ich immer wieder zu genau denselben Erlebnissen, was selbstverständlich nichts aussagt im Sinne einer Repräsentativität, aber vor Augen führt, wo der Fehler liegt und den Frust erlebbar macht: Es ist zu viel Technik, die zu sehr eingreift, zu kompliziert ist, zu anstrengend zu bedienen ist und falsche Sicherheit vorgaukelt. Es blinkt, piept und vibriert sicherlich manchmal zu oft in modernen Autos.
Riskieren Menschen Unfälle, weil sie Angst haben, privat ausgeschlossen oder beruflich nicht erreichbar zu sein, wenn sie das Smartphone am Steuer ignorieren?
Das ist sicherlich ein Thema. Und es hängt stark mit dem Aspekt der persönlichen Souveränität zusammen. Dabei kann man sich trösten: Wenn es wichtig ist, wird auf einen gewartet. Keine Notwendigkeit für Stress bei der Autofahrt, jeder hat die Chance, kurz rechts ranzufahren und in Ruhe zu antworten.
Die Straßenverkehrsordnung schreibt für Fahrzeuge besondere Vorsicht an Haltestellen vor: Könnte die Aufmerksamkeit von Smartphone-Nutzern durch verstärkte Signale von außen darauf gelenkt werden, höchstens im Schritttempo und mit reichlich Abstand an den Wartenden vorbeizufahren und Rücksicht auf die Straßenüberquerer zu nehmen?
Das ist sicherlich denkbar, und es dürfte die Hürde für die Nutzung weiter erhöhen. Aber das kommt naturgemäß irgendwann an ein Ende, da kann es noch so laut blinken und hupen. Man sieht ja, wie oft Rettungsfahrzeuge ignoriert werden – trotz Blaulicht und Horn.
Können aus Ihrer fachlichen Sicht und Erfahrung Autofahrer vom Fahren mit Smartphones entwöhnt werden? Bräuchte es dafür gegebenenfalls auch (mehr) Schulungen oder gar Therapien?
Schulungen sind sinnvoll, gar keine Frage. Sie müssen aber von der Idee getragen werden, dass Digitalisierung ultrakomplex und eine für Einzelpersonen manchmal übergroße Aufgabe ist. Es muss also auf jeden Fall um Empowerment gehen, nicht um Belehrung. Natürlich gibt es auch Wiederholungstäter, die sich kaum überzeugen lassen, aber das dürfte nicht die Masse der Menschen sein. Wenn die Mutter ihrer Tochter schnell eine Antwort schreiben will, weil diese demnächst mit ihren Freundinnen unterwegs ist und dann weder Augen noch Ohren für mütterliche Messages hat, ist das menschlich nachvollziehbar. Das bleibt während der Autofahrt mit in der Hand gehaltenem Handy aber eben trotzdem falsch. Trotzdem halte ich höhere Strafen für sinnvoll. Deutschland ist immer noch ein viel zu gnädiges Autofahrerland. Hier ist noch Luft nach oben, höhere Bußgelder und Fahrverbote inklusive. Beschlagnahmen ist meines Erachtens aber unverhältnismäßig, vom Handy hängt dieser Tage zu viel ab.