In Tokio feierte Malaika Mihambo vor vier Jahren ihren größten Triumph. Bei der WM an gleicher Stelle will die Olympiasiegerin wieder gewinnen – doch die Saison war nicht unproblematisch.
Malaika Mihambo kann auf viele Hobbys zurückgreifen, wenn sie sich mal vom stressigen Trainings-Alltag ablenken will. Ihr Studium, das Klavierspielen, Reisen oder Yoga bringen den deutschen Leichtathletik-Star schnell auf andere Gedanken. Und zuletzt kam auch das Handwerken dazu. Nachdem sie sich eine alte Scheune gekauft hat, erledigt sie die meisten Aus- und Umbauarbeiten selbst. Kurz vor ihrem Sieg bei den Europameisterschaften in Rom vor einem Jahr war sie noch schwer mit dem Tapezieren beschäftigt. Gerne hätte sie auch vor den anstehenden Weltmeisterschaften in Tokio vom 13. bis 21. September zur Entspannung im neuen Zuhause Hand angelegt. Doch diesmal musste sie die Experten ranlassen: „Jetzt stehen nur Arbeiten an, die wir nicht selbst verrichten können.“ Wie eine Baustelle fühlt sich auch Mihambos bisherige Saison an: Sie begann verspätet, immer wieder tauchten kleinere Probleme auf – doch dank viel Fleiß und harter Arbeit ist das Wunsch-Ergebnis schon zu erahnen und in Reichweite.
„Ich versuche, mein Bestes zu geben“
„Ich bin auf jeden Fall sehr zuversichtlich“, sagte die Weitspringerin mit Blick auf die WM. Sie habe aktuell „ein sehr positives Mindset“ und orientiere sich an den Dingen, die zuletzt gut gelaufen seien: „Ich bin sehr schnell, der Anlauf ist ganz gut gerade, das Springen klappt an sich sehr gut.“ Etwas Konkretes erwarten, etwa den Titel oder eine Medaille, wolle sie aber nicht: „Ich versuche, mein Bestes zu geben, und hoffe, dass mir das gelingt.“ Ein typischer Satz der zweimaligen Weltmeisterin, die die Erwartungshaltung von außen – aber auch die eigene – immer zu managen versucht. „Es ist nie ein Weltuntergang, falls es mal nicht klappen sollte“, sagte sie: „Den Druck möchte ich mir gar nicht machen.“
Muss sie auch gar nicht. Denn Mihambo hat in ihrer Sportart schon alle wichtigen Siege errungen. Unvergessen bleibt ihr auf dramatische Weise gewonnenes Olympia-Gold 2021 in Tokio – und nun kehrt Mihambo bei ihrer WM-Mission zurück an die Stätte ihres größten Erfolgs. Das sollte der Kurpfälzerin doch zusätzlichen Auftrieb geben, oder? Ganz so einfach sei es nicht, meinte Mihambo. „Erinnerungen sind schön, aber dieses Jahr ist es Zeit, eine neue Geschichte zu schreiben“, sagte sie und schob dann wieder einen ihrer gewohnten Sätze zur Relativierung hinterher: „Mal sehen, wie diese dann ausgeht.“ Womit sie definitiv recht hat: „Tokio 2025 wird nicht vergleichbar sein mit 2021.“ Damals waren die Umstände aufgrund der Corona-Pandemie gänzlich andere, das Nationalstadion wird diesmal mit bis zu 68.089 Zuschauern gefüllt statt fast vollständig leer sein. Die Atmosphäre wird gänzlich anders, was großen Einfluss auf den Wettkampf haben kann. Doch wenn jemand in den vergangenen Jahren Nervenstärke bewiesen hat, dann Malaika Mihambo.
„Es gibt einen besonderen Schlag von Athleten, die das gewisse Etwas haben und – wenn es zählt – noch fünf Prozent drauflegen können und die Situation suchen, sich im Wettkampf mit den Besten der Welt zu messen“, sagte Mihambos Trainer Ulli Knapp: „Bei Malaika ist es so, dass sie genau das sucht und extrem konzentriert ist.“ Bewiesen hat sie das auch bei ihrem Gold-Coup vor vier Jahren in Tokio, als sie im sechsten und letzten Versuch punktgenau 7,00 Meter sprang und vom dritten noch auf den ersten Rang vorrückte. „An Spannung war das wohl nicht zu übertreffen“, sagte sie damals. Zweifel hegte sie vor ihrem finalen Gold-Sprung angeblich keine: „Ich habe einen inneren Glauben gespürt, der ungebrochen war. Ich war ruhig und gelassen.“
Der Olympiasieg von Tokio war ein großer Einschnitt in der Karriere der heute 31-Jährigen, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt bereits Weltmeisterin und Europameisterin war. „Es war ein typischer Gänsehaut-Moment“, erinnerte sich Trainer Knapp. Angesichts der vor allem mental belastenden Corona-Auflagen, die das Training und die Reisen zu Wettkämpfen erschwert hatten, sei damals durch den Triumph „emotional eine Schleuse aufgebrochen“, so Knapp. Danach wurde das öffentliche Interesse an der Person Malaika Mihambo noch größer. Interviews, Einladungen zu TV-Shows und Sponsoring-Termine nahmen deutlich zu. Es wäre keine große Überraschung, wenn sich danach ein Leistungsabfall eingestellt hätte. Vielleicht sogar ein Motivationsproblem. Doch ihre Leidenschaft für den Weitsprung scheint ungebrochen. Es fühle sich ein bisschen so an, „als würde ich fliegen“, erklärte Mihambo einmal die Faszination für ihre Sportart: „Auch ein weiter Sprung geht zwar relativ schnell wieder vorbei, aber es ist ein unheimlich schönes Gefühl, wenn man merkt, dass man gerade optimal angelaufen ist und auch beim Absprung den richtigen Punkt getroffen hat. Dann lässt sich die Flugphase noch etwas länger hinauszögern.“
Erst ein Infekt, dann der Oberschenkel
Optimal anlaufen – genau das ist der Schlüssel zum Erfolg für Mihambo. Anlaufprobleme führten in der Vergangenheit und auch in dieser Saison zu zahlreichen ungültigen Versuchen. „Ich habe – glaube ich – noch nie so viele ungültige gehabt wie in diesem Jahr“, sagte Mihambo ehrlich. Sie hoffe, dass sie ihr „Potenzial auf das Brett“ bekomme, „dann werden in Tokio die Karten neu gemischt“. Als Zweite der aktuellen Weltjahresbestenliste reist Mihambo nicht als Topfavoritin in die japanische Metropole. Tara Davis-Woodhall ist in diesem Jahr fünf Zentimeter weiter gesprungen als Mihambo (7,07 Meter). Die Amerikanerin hatte die Deutsche zuletzt bei Olympia in Paris im Kampf um Platz eins geschlagen. Mit insgesamt fünf Sieben-Meter-Springerinnen in diesem Jahr ist die WM-Konkurrenz zudem groß. „Natürlich bekommt man das mit, was die Konkurrenz macht“, sagte Mihambo.
Sie ist aber schon mal froh, überhaupt in WM-Form gekommen zu sein. Denn mit einer Corona-Erkrankung aus dem Sommer kämpfte sie bis in die Adventszeit. „Es hat Wochen gebraucht, bis ich mich wieder wie ich selbst gefühlt habe“, berichtete Mihambo: „Ich brauchte einfach Ruhe, viel Zeit für mich. Entschleunigung, Entschleunigung, Entschleunigung war die Devise.“ Sie stieg, auch bedingt durch einen Infekt, erst verspätet in die Vorbereitung auf die Freiluft-Saison ein, anschließend bremsten sie Oberschenkelprobleme aus. Die Ergebnisse waren zuletzt aber zufriedenstellend, die Trainingswerte attestierten ihr eine gute Form. Sollte sich das bewahrheiten, ist Mihambo mit ihrer Nervenstärke natürlich eine Titelkandidatin. „Wenn Malaika in Topform an den Start geht“, sagte ihr Trainer Knapp, „dann ist ihr Anspruch, eine Medaille zu machen.“
Und dann? Was kommt dann noch? „Alles, was jetzt kommt, nimmt sie an und genießt es“, sagte Mihambos Trainer: „Sie versucht natürlich, so gut wie möglich abzuschneiden, aber sie hat nicht mehr diesen Druck. Sie misst sich an ihren eigenen Ansprüchen.“ Mihambo selbst sagte, sie wolle spätestens nach Olympia 2028 in Los Angeles zurücktreten. Und selbst ein Start in der US-Metropole sei nicht so sicher. „Ich muss herausfinden, was Körper, Geist und Psyche sagen. Insofern ist alles noch möglich, erstmal bleibe ich noch dabei.“ Für den Deutschen Leichtathletik-Verband ist das eine gute Nachricht, denn so viele Medaillenkandidaten mit Starappeal hat der DLV nicht. Mihambo selbst dürfte nach dem Karriereende nicht langweilig werden. Genügend Hobbys hat sie schon jetzt.