Die deutschen Leichtathleten wollen bei der WM in Tokio die Nullnummer von Budapest vergessen machen. Der Druck lastet aber erneut auf wenigen Schultern. Für Missstimmung sorgt der eingeführte Geschlechts-Test.
Die wirklich großen Sportereignisse bleiben mit einem speziellen Namen im Gedächtnis verbunden. Nahezu jeder Sportfan weiß, dass sich beim „Rumble in the Jungle“ von Kinshasa die Boxstars George Foreman und Muhammad Ali einen legendären Kampf lieferten. Oder dass das „Wunder von Bern“ für Deutschland mehr bedeutete als nur den ersten WM-Titel im Fußball. Auch die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1991 brachten einen sporthistorischen Moment hervor, der als „Taifun von Tokio“ in die Geschichtsbücher einging. Carl Lewis und Mike Powell lieferten sich ein elektrisierendes und hochklassiges Weitsprung-Duell, das vermutlich für immer unerreicht bleiben wird. Im alten Nationalstadion von Tokio vor über 70.000 Zuschauern waren die Rollen klar verteilt: Auf der einen Seite „Carl der Große“, der wenige Tage zuvor über 100 Meter in Weltrekordzeit zu Gold gesprintet und im Weitsprung seit zehn Jahren ungeschlagen war. Auf der anderen Seite der „ewige Zweite“ Powell, der bei seinen 15 Weitsprung-Starts zuvor, bei denen Lewis auch teilnahm, immer von seinem US-Landsmann geschlagen worden war. Doch an diesem schwül-heißen Abend wendete sich das Blatt auf fast magische Weise.
Der „Taifun von Tokio“ 1991 ist legendär
„Carl hat mich nicht als jemanden gesehen, der ihm gefährlich werden konnte“, sagte Powell später rückblickend. Seine Motivation wurde noch größer, als Lewis im vierten Versuch einen Riesensatz von 8,91 Metern in die Sandgrube setzte und damit den legendären Rekord von Bob Beamon knackte – wenn auch mit zu viel Rückenwind. Lewis ließ sich wie ein König vom Publikum feiern – und stachelte Powell damit zusätzlich an. Er sei „zornig“ gewesen, gestand Powell. Mit Wut im Bauch lief er im fünften Durchgang an – und landete 8,95 Meter hinter der Absprungmarkierung. Sensation, Weltrekord, Gold. Seit 34 Jahren ist Powells Bestmarke unberührt, sein Triumph über den als unschlagbar geltenden Lewis war einer der größten Sport-Momente der Geschichte. Doch nicht nur deswegen waren die Weltmeisterschaften in Tokio ein spektakuläres Ereignis. Die Stimmung war prächtig, die Leistungen teils herausragend – und auch das deutsche Team hatte, gestärkt durch die Wiedervereinigung, viel Grund zum Feiern. Fünf WM-Titel gab es zu bejubeln, besonderes Aufsehen erregten vor allem die Sprintsiege von Katrin Krabbe über 100 und 200 Meter. Auch Lars Riedel im Diskuswerfen, Sabine Braun im Siebenkampf und Heike Henkel im Hochsprung holten Gold.
Von so einer Ausbeute kann der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nur träumen, wenn er 34 Jahre später erneut ein Team zu Weltmeisterschaften nach Tokio schickt. Der Verband wäre schon froh, wenn vom 13. bis zum 21. September die Bilanz von Olympia in Paris mit vier Medaillen erreicht würde. Klar ist, dass eine schmachvolle Ausbeute wie bei der vergangenen WM vor zwei Jahren in Budapest mit aller Macht verhindert werden soll. In Ungarns Metropole sei der „Worst Case“ eingetroffen, wie der damalige DLV-Präsident Jürgen Kessing es ausdrückte. Also der schlimmstmögliche Ausgang. Keine einzige Medaille hatte Deutschland gewonnen, nicht einmal in den traditionell starken Wurfdisziplinen. Spätestens in Budapest wurde klar, dass die ebenfalls katastrophale WM zuvor in Eugene mit nur zweimal Edelmetall kein Ausrutscher war. Doch der historische Tiefpunkt sei überwunden, sind die Verantwortlichen bemüht zu vermitteln.
Ist der Tiefpunkt überwunden?
In der Breite sind die deutschen Leichtathleten tatsächlich besser aufgestellt, der Anschluss an die Weltspitze zumindest in einigen Disziplinen wiederhergestellt. Doch wenn es um den Kampf um die absoluten Top-Plätze und Medaillen geht, ist die Last erneut auf wenige Schultern verteilt. Im Kugelstoßen ist mit Olympiasiegerin Yemisi Ogunleye zu rechnen. Im unberechenbaren Zehnkampf greift Leo Neugebauer nach den Sternen. Im Speerwerfen reist Julian Weber als Weltjahresbester (91,06 Meter) an. Auch Hammerwerfer Merlin Hummel rechnet sich Medaillenchancen aus. Und natürlich ist auch mit Malaika Mihambo zu rechnen, die an die Stätte ihres größten Erfolgs zurückkehrt. „Es war der härteste Wettkampf. Und es waren mit die wichtigsten sieben Meter in meinem Leben, die ich gesprungen bin“, erinnert sich Mihambo an ihren Goldsprung im allerletzten Versuch bei Olympia 2021 zurück: „An Spannung war der Wettkampf kaum zu übertreffen.“
Auch diese Saison gleicht einer sportlichen Achterbahnfahrt. Wegen eines Infekts konnte die 31-Jährige erst verspätet in die Freiluft-Saison einsteigen und musste „ein Tal“ durchschreiten, wie ihr Trainer Ulli Knapp zugab. Erst am 1. Juni beim internationalen Meeting in Dresden startete Mihambo in die WM-Saison und kam langsam, aber stetig in Tritt. Die Sieben-Meter-Marke hat sie bereits überschritten, das dürfte auch bei der WM für Gold nötig sein. Die Amerikanerin Tara Davis-Woodhall führt die Weltjahresbestenliste mit 7,12 Metern an und geht in Tokio als Topfavoritin an den Start. Ungeachtet dessen bleibt Mihambos Ziel der WM-Titel Nummer drei nach 2019 und 2022. Ihre Chancen stünden dafür gut, meinte sie: „Ich bin sehr schnell, der Anlauf ist eigentlich ganz gut jetzt gerade. Wir sind im letzten Feinschliff. Das Springen klappt an sich sehr gut.“ Allerdings verschenkte sie bei ihrem vierten Platz (6,68 Meter) beim jüngsten Meeting im polnischen Chorzów rund 25 Zentimeter am Brett. Der Anlauf bleibt ihre erste Achillesferse – die zweite ist die Gesundheit. Dass sie für Infekte offenbar anfälliger ist als noch vor einigen Jahren, sei eine Folge von „Post Covid“ nach einer Corona-Erkrankung, erklärte Mihambo. In dieser Saison zwickte auch gelegentlich der Oberschenkel. Doch sie versucht, positiv zu denken: „Ansonsten geht es mir gut und deshalb hoffe ich, dass ich noch die letzten Meter gesund ins Ziel schaffe.“
Das hofft auch Ogunleye, die von einer Mandelentzündung und einem Achillessehnenproblem zurückgeworfen wurde. Die aus dem geringeren Trainingsumfang resultierenden technischen Probleme, die der Kugelstoßerin Anfang der Saison mächtig zu schaffen gemacht haben, scheinen nun überwunden. Mit ihrer Saisonbestleistung von 20,27 Metern ist die 26-Jährige schon wieder auf dem Niveau ihres Auftritts in Paris, mit dem sie Olympia-Gold geholt hatte. Damals eine große Überraschung – mittlerweile geht sie in jedem Wettbewerb als Titelkandidatin an den Start. „Ich werde jetzt einfach nur mit diesem Namen Olympiasieger vorgestellt“, sagte Ogunleye. Sorgen bereitet ihr die gestiegene Erwartungshaltung angeblich keine: „Ich denke, die letzten Jahre haben gezeigt, dass ich zu den Höhepunkten immer noch einen Kick setzen konnte.“ Unter Druck setzen lassen will sich die Hallen-Vizeeuropameisterin dieses Jahres aber auch nicht: „Was kommt, kommt – lassen wir uns überraschen.“
Das deutsche WM-Aufgebot umfasst insgesamt 23 Athleten und Athletinnen. Zu den Hoffnungsträgern gehören auch Robert Farken (1.500 Meter), Mohamed Abdilaahi (5.000) und Frederik Ruppert (3.000 Meter Hindernis). Und natürlich macht sich auch die 4x100-Meter-Staffel der Frauen Medaillenhoffnung, nachdem es bei Olympia in Paris zum Bronze-Coup gereicht hat. Gina Lückenkemper erhofft sich im Einzelrennen einen WM-Finalplatz – sollte sie ihre Bestleistung (10,93 Sekunden) verbessern, ist mit viel Glück vielleicht sogar noch mehr drin. Doch ihre Zeit von 11,25 Sekunden Mitte August in Chorzów, als sie am Start zu viel über die Anweisungen ihres US-Trainers nachgedacht hatte, war ein herber Rückschlag fürs Selbstvertrauen. „Das fällt heute in die Kategorie Satz mit X, dat war mal so überhaupt nix“, sagte die in den USA trainierende Westfälin hinterher.
Geschlechter-Parität bei den Spielen in Tokio
Die Vorfreude der für Tokio Nominierten ist riesig. Im Nationalstadion werden diesmal Highlight-Abende mit bis zu 68.089 Zuschauern erwartet, nachdem bei den Sommerspielen vor vier Jahren wegen der Corona-Maßnahmen vor fast leeren Rängen gelaufen, geworfen und gesprungen wurde. Insgesamt werden umgerechnet rund 8,5 Millionen US-Dollar an Prämien ausgeschüttet, für Gold kassiert der Sieger 70.000 Euro. Als Bonus-Prämie für einen Weltrekord sind 100.000 Dollar veranschlagt – darauf dürfte vor allem Höhen-Jäger Armand Duplantis aus sein. Der nahezu konkurrenzlose Stabhochspringer aus Schweden stellte erst kürzlich beim Meeting in Budapest mit übersprungenen 6,29 Metern seinen 13. Weltrekord auf.
Es sind die 20. Welttitelkämpfe, die Premiere fand 1983 in Helsinki statt. Gemessen an den insgesamt 49 Entscheidungen gibt es in Tokio eine Geschlechter-Parität: Jeweils 24 Wettbewerbe bestreiten Männer und Frauen, dazu kommt die Mixed-Staffel über 4x400 Meter. Doch die Geschlechterfrage sorgte vor der WM für Wirbel: Alle Athletinnen, die in Tokio oder später bei anderen relevanten Wettbewerben in der Frauenklasse starten möchten, müssen sich einmalig einem SRY-Gentest unterziehen. Damit soll das biologische Geschlecht bestimmt werden. Der Weltverband World Athletics will die Testergebnisse stichprobenartig abfragen. „Moralisch, ethisch und logistisch“ sei dies eine große Herausforderung für die Verbände und vor allem für die Athletinnen, sagte der leitende DLV-Verbandsarzt Karsten Hollander.
Aus dem Sportlerkreis äußerte sich Mihambo bereits mit starker Kritik an der neuen Regelung, die ihrer Meinung nach „juristisch fragwürdig, ethisch heikel und wissenschaftlich verkürzt“ sei. „Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet, während die wirklich drängenden Themen – Doping, Missbrauch, Gewalt im Sport – weiter bestehen“, sagte der Weitsprungstar dem SID. Diskuswerferin Kristin Pudenz hat für die Maßnahme kein Verständnis – eine Wahl habe sie aber auch nicht: „Wir werden uns dem beugen müssen. Es bleibt uns ja nichts anderes übrig, wenn wir dabei sein wollen.“ Bisher wurde in Einzelfällen – wie beim Fall der 800-Meter-Läuferin Caster Semenya – der Testosteronwert als Kriterium herangezogen.