Die Weltmeisterschaften im Amateurboxen in Liverpool sind aus vielerlei Hinsicht besonders. Der neue Weltverband will sich beweisen, die Athletinnen dürfen nur nach einem Geschlechtstest antreten. Und Deutschland hofft auf einen neuen Boxstar.
Auch die größten Boxstars begannen als Amateure, ehe sie im Profisport viel Geld verdienten und großen Ruhm erlangten. Muhammad Ali reiste 1960 trotz riesiger Flugangst nach Rom und kürte sich als 18-Jähriger unter seinem Geburtsnamen Cassius Marcellus Clay zum Olympiasieger. Der junge Mike Tyson stählte seinen Körper in insgesamt 54 Amateurkämpfen, die nur selten über drei Runden hinausgingen – vor allem gegen ältere und deutlich erfahrenere Boxer. Noch mehr Kämpfe im Amateurbereich bestritt Wladimir Klitschko (112), der dort gemeinsam mit Bruder Vitali akribisch auf eine erfolgreiche Profikarriere vorbereitet wurde. Da der ältere Vitali wegen einer positiven Dopingprobe nicht an den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta teilnehmen durfte, sprang sein Bruder ein – und wie! Wladimir Klitschko holte als erster weißer Boxer seit 36 Jahren Olympia-Gold im Superschwergewicht. Später tat es ihm sein ukrainischer Landsmann Oleksandr Usyk in London (2012) gleich. Auch er legte als Amateur die Grundlagen, die ihn heute zum erfolgreichsten Boxer seiner Generation machen. Und auch die deutschen Boxstars Henry Maske, Sven Ottke oder Axel Schulz durchliefen die harte Schule bei den Amateuren.
Dass der deutsche Boxsport seit Jahren sinnbildlich in den Seilen hängt, liegt auch an der Situation im Amateurbereich. Dort gibt es kaum noch große Talente, die den Sprung in den Profisport schaffen – geschweige denn bis an die Spitze dort. „Leider bekommt man auch vom Amateurbereich in den Medien kaum etwas mit“, klagte Maske. Bei Olympia in Paris war das für einen kurzen Moment anders, als der Kölner Nelvie Tiafack im attraktiven Superschwergewicht die Bronzemedaille holte. „Nelvie ist ein riesiger Lichtblick für das deutsche Boxen“, schwärmte Schulz. Der hochgelobte Tiafack wollte auch gleich im Profisport durchstarten, doch es dauerte ein Jahr, ehe er dort sein Debüt geben konnte. Einen langfristigen Vertrag bei einem Boxstall hat er bis heute nicht unterschrieben. Als Retter des deutschen Boxsports erwies sich auch Artem Harutyunyan nicht, der 2016 in Rio de Janeiro eine lange deutsche Durststrecke mit Olympia-Bronze beendete. Der heute 34-Jährige konnte seine WM-Chance im Duell vor einem Jahr mit Shakur Stevenson nicht nutzen und trennte sich in diesem Sommer von seinem Boxstall Universum – Zukunft höchst ungewiss.
Dass der deutsche Boxsport nach neuen Stars lechzt, wissen natürlich auch die heutigen Amateurkämpfer. Bei der anstehenden Weltmeisterschaft in Liverpool vom 4. bis 14. September wollen sie sich von ihrer besten Seite präsentieren und das Profilager schon mal auf sich aufmerksam machen. Der Deutsche Boxsport-Verband (DBV) lässt drei Sportlerinnen und sechs Sportler in Englands Hafenstadt antreten. Sie haben als Vorbereitung an einem Trainingslager des britischen Verbandes GB Boxing teilgenommen und sich dort gemeinsam mit Athleten aus Usbekistan, Kasachstan, Indien, Frankreich oder Irland den Feinschliff geholt.
Gespannt ist man auf die Auftritte von Nikita Putilov, der im Superschwergewicht (über 90 kg) nach einer Medaille greift. Sein Premierenstart beim Weltcup in Astana/Kasachstan Anfang Juli, als der Leipziger sich erst im Finale dem Lokalmatador Aibek Oralbay knapp geschlagen geben musste, weckte große Hoffnungen. Der 22-Jährige gilt bei den „schweren Jungs“ als größtes deutsches Talent. Mit einer Größe von 1,97 Metern und einem austrainierten 100-Kilo-Körper bringt er physisch vieles mit. Das erkennen auch die Scouts. „Natürlich bekomme ich schon viele Anfragen hinsichtlich einer Profikarriere“, sagte Putilov: „Aber ich habe da absolut kein Interesse derzeit. Bis 2028 will ich bei den Amateuren bleiben und nach Los Angeles zu Olympia. Dann schauen wir, was kommt.“
IOC will „ganz genau hinschauen“
Putilov habe bewiesen, „dass er nach seiner längeren Verletzungspause zu den Top-Superschweren gehört“, lobte Verbandstrainer Rene Benirschke. Intern ähnlich hoch eingeschätzt wird bei den Frauen Leonie Müller, die in der Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm in Astana Dritte wurde. „Das Turnier in Kasachstan hat mir gezeigt, wie groß der Boxsport auf internationaler Bühne wirklich ist. Viele starke Nationen waren vertreten, das Niveau der Kämpfer war auf einem sehr hohen Level“, sagte Müller, die nach der „bestmöglichen Vorbereitung“ bereit ist für die WM. Coach Benirschke sprach von einer „wertvollen Standortbestimmung vor den Weltmeisterschaften“, hätte sich aber „die eine oder andere Medaille mehr“ gewünscht.
Doch bei der Weltmeisterschaft in Liverpool geht es um weitaus mehr als nur Medaillen und Siege. Die ersten vom neuen Weltverband World Boxing ausgetragenen Titelkämpfe müssen vor allem organisatorisch sitzen. Das IOC werde bei den Wettkämpfen „ganz genau hinschauen“, weiß DBV-Sportdirektor Michael Müller. Chaos, Skandale oder gar Zweifel an den Punktwertungen müssen mit aller Macht vermieden werden. Denn solche Missstände waren – neben dem Vorwurf der Korruption – dem Verband IBA zum Verhängnis geworden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte die IBA zunächst suspendiert und dann 2023 endgültig ausgeschlossen. Für die Organisation der olympischen Boxturniere 2021 in Tokio und 2024 in Paris war das IOC selbst verantwortlich. Für die Sommerspiele 2028 in Los Angeles wollte sich der Ringeorden diese Aufgabe nicht noch mal aufhalsen und drohte unverhohlen mit einem Aus der Sportart, die seit 1920 ununterbrochen Teil des olympischen Programms ist. Klar war, dass eine Zusammenarbeit mit der vom skandalumwitterten russischen Unternehmer Umar Kremlew geführten IBA für das IOC nicht infrage kam. Um ein Olympia-Aus zu verhindern, gründeten also einige nationale Verbände – darunter auch der DBV – 2023 die Organisation World Boxing.
Geschlechterfrage spielt eine Rolle
Seitdem ist viel passiert. Der Dachverband ist auf 118 Mitgliedsverbände angewachsen, wodurch das Starterfeld bei der WM entsprechend groß und stark besetzt sein wird. Doch noch wichtiger: Das IOC erkannte World Boxing Anfang des Jahres vorläufig als Verbandspartner innerhalb der olympischen Bewegung an. Bedeutet: Die Olympia-Zukunft des Boxens ist gesichert – zumindest bis 2028. Das habe man „im Rekordtempo geschafft“, freute sich der deutsche Boxfunktionär Müller. Voraussetzung für die Entscheidung war, dass World Boxing inzwischen genug Mitgliedsverbände aus allen fünf Kontinenten vereint sowie in Sachen Anti-Doping-Kampf, Transparenz, Good Governance und Compliance gute Konzepte vorzuweisen hat. Bis zur endgültigen Aufnahme durch das IOC kann es aber noch ein paar Monate dauern – und der mächtige Ringeorden wird in dieser Zeit ganz genau hinschauen, was zum Beispiel während der WM funktioniert und was nicht. Müller sagt: „Es geht um faire, saubere Wettbewerbe und transparente Ergebnisse.“ Aber eben nicht nur.
Bei den Titelkämpfen in Liverpool spielt auch die Geschlechterfrage eine große Rolle. Alle Boxerinnen, die in der Frauenkategorie an den Start gehen wollen, müssen sich einem obligatorischen Geschlechtstest unterziehen. Mittels eines PCR-Tests oder eines funktionellen, medizinisch gleichwertigen genetischen Screening-Tests soll einmalig das Geburtsgeschlecht bestimmt werden. Die genauen Abläufe und Regeln seien von einer Arbeitsgruppe, bestehend aus medizinischen Experten, ausgearbeitet worden, ließ World Boxing verlauten.
Zudem seien „rechtliche, gesellschaftliche und sportliche Entwicklungen im Zusammenhang mit der Frage der Geschlechtseignung“ mit zahlreichen Experten erörtert worden. World Boxing begründete den Schritt so: „Die Richtlinie soll die Sicherheit aller Teilnehmer gewährleisten und gleiche Wettbewerbsbedingungen für Männer und Frauen schaffen.“ Übersetzt heißt das: Zustände wie bei Olympia 2024 in Paris soll es nicht noch mal geben. Im vergangenen Sommer sorgten die Auftritte der Algerierin Imane Khelif und Lin Yu-ting aus Taiwan für riesigen Wirbel, der sogar höchste politische Kreise einbezog. In die gesellschaftspolitische Debatte mischten sich unter anderem der heutige US-Präsident Donald Trump, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und die britische „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling ein. Khelif und Lin dominierten mit ihrer Wucht die Wettkämpfe ihrer Gewichtsklassen und holten am Ende Gold – allerdings begleitet von großen Zweifeln ob ihres Geschlechts. Der Verband IBA hatte beide zuvor von der WM 2023 ausgeschlossen. Die Begründung lautete, dass Khelif und Lin „im Vergleich zu anderen weiblichen Teilnehmern Wettbewerbsvorteile“ gehabt hätten. Die Tests, nach denen diese These aufgestellt wurde, wurden jedoch von der IBA nicht näher erklärt. Für das IOC war es eine „willkürliche Entscheidung ohne ordnungsgemäßes Verfahren“. Das IOC ließ Khelif und Lin in Paris starten, weil das im Pass hinterlegte Geschlecht für die Zulassung zum Wettbewerb ausschlaggebend sei.
Diese Regelung hat World Boxing nun geändert – trat dabei aber auch ins Fettnäpfchen. Bei der Mitteilung zur Einführung der Geschlechtertests wurde der Name der Olympiasiegerin Khelif ausdrücklich erwähnt. Ein peinlicher und vor allem juristisch höchst heikler Fauxpas, für den sich der niederländische World-Boxing-Präsident Boris van der Vorst in einem Schreiben an den algerischen Boxverband in aller Form entschuldigte. Dass Khelif zudem schon beim Eindhoven-Box-Cup Mitte Juni nicht starten durfte, kam nicht überall gut an. „So weit es uns angeht, sind alle Athleten in Eindhoven willkommen. Athleten auf der Basis umstrittener Geschlechtertests auszuschließen, passt nicht dazu“, stand in einem Brief von Eindhovens Bürgermeister Jeroen Dijsselbloem an den niederländischen Boxverband und den internationalen Verband. Anders als Lin hat sich Khelif für die WM in Liverpool nicht registrieren lassen und wird sich entsprechend auch keinem Geschlechtstest unterziehen. Ob die Algerierin, die einige Prominente wie Elon Musk und Rowling wegen Cybermobbings angeklagt hat, gegen die neue Bestimmung vor Gericht zieht, bleibt abzuwarten.