Der 1. FC Saarbrücken-TT darf dank seines Sensationstransfers Fan Zhendong von mehr als einfach nur noch mehr neuen Titeln träumen.
Als der bekennende Taylor-Swift-Bewunderer Fan Zhendong auch noch Fragen nach der Verlobung der US-Popikone beantworten musste, war für den 1. FC Saarbrücken-TT endgültig eine Zeitenwende vollzogen. Fortan – das machte der spezielle Augenblick bei der Präsentation des Tischtennis-Olympiasiegers vor dem Debüt des Chinesen beim Bundesliga-Start Ende August gegen den TTC Bergneustadt deutlich – färben auch Glanz und Glamour eines Weltstars auf das bisher so wohltuend bodenständige Team des Champions-League-Siegers um Kapitän Patrick Franziska ab.
Große Euphorie im Saarland
Wann ist in nun 60 Jahren Bundesliga jemals zuvor ein Spieler des Oberhauses bei einem offiziellen Termin nach seiner Meinung zu einem Ereignis aus dem globalen Showbusiness gefragt worden? Dass zu solch abseitigen Themen selbst die Meinung des abgetretenen Idols Timo Boll auch nicht ein einziges Mal nur annähernd von Interesse gewesen ist, verdeutlicht nur die neuen Dimensionen der blau-schwarzen Welt.
In dieser neuen Welt ist für den Verein vieles, wenn nicht gar alles, anders als die vielen Jahre vor der Verkündung seines Transfer-Coups. Ob servergefährdende Massen von Kartenanfragen aus China oder von Chinesen in Europa, die Verstärkung von Ordnungs- und Sicherheitsdienst in der Halle, Feintuning im Gastro-Bereich oder säckeweise Fanpost: „Es ist unvorstellbar, was auf uns einprasselt“, sagte Teammanager Nicolas Barrois schon im Verlauf der Sommerpause. Zur Bekräftigung seiner Schilderung gestand Barrois kurz vor Saisonbeginn sogar ein, seinem neuen Star die postalisch eingegangenen Autogrammwünsche noch gar nicht weitergeleitet zu haben: „Auf all das waren wir nicht vorbereitet. Das ist alles neu für uns.“
Säckeweise Fanpost
Immerhin, auch das machte die Vorstellung Fans in den Räumen eines ortsansässigen Sponsors erfreulicherweise deutlich, hat sich der größte Star der Erstliga-Historie durch seine jahrelange Popularität keine Allüren angeeignet. Im Gegenteil: Mit einem freundlichen „Guten Tag“ in der Sprache seiner neuen Wahlheimat sammelte der 28-Jährige auf Anhieb ebenso reichlich Sympathiepunkte wie durch seine professionelle Geduld im Umgang mit Journalistenfragen; sein gewinnendes Lächeln zunächst bei Franziskas Versprechen, sich persönlich um das Wohlergehen des momentan sicherlich besten Spielers der Welt kümmern zu wollen, und später bei einem Bericht des deutschen Nationalspielers über das erste gemeinsame Schnitzelessen ließ zudem auch auf eine stimmige Chemie zwischen den Stars schließen.
Überhaupt ließ Fan, der wegen seines ersten Weltcup-Triumphes vor neun Jahren in Saarbrücken „gerne wieder zurückgekommen“ ist, keine Zweifel an seinem Wunsch nach Integration: „Außerhalb des Sports ist es für mich eine Herausforderung, mich einzuleben. Aber ich weiß, dass meine Teamkameraden mir dabei helfen, deswegen bin ich zuversichtlich.“
Mindestens Zuversicht ist – zurückhaltend formuliert – auch hinsichtlich Saarbrückens Ambitionen für die angebrochene Saison angebracht. Durch den „Fan-Faktor“ sollte der FCS in Meisterschaft, Pokal und Champions League beinahe als unschlagbar gelten, mindestens jedoch als haushoher Favorit. Vielleicht waren es aber auch gerade diese hohen Erwartungen, die dem FCS bereits im ersten Bundesligaspiel auf die Füße fallen sollten: Die Saarländer unterlagen Bergneustadt 1:3. Selbst Zhendong verlor sein Match gegen Romain Ruiz.
Dennoch bleibt das Team um Franziska, Darko Jorgic und Co. optimistisch. „Wir wissen, dass wir jetzt eine ziemlich starke Mannschaft haben“, sagte Franziska noch vor Ligastart. „Wichtig ist, dass wir Spaß haben und uns alle zusammen wohlfühlen. Dann werden die Titel wohl kommen.“
Schon ohne einen einzigen Sieg gewonnen haben der Club und seine Sponsoren. Fans Engagement hat Saarbrücken und seine Partner fett auf der Tischtennis-Weltkarte markiert, deren Mittelpunkt auf dem asiatischen Kontinent die tischtennisverrückte Heimat des mehrfachen Weltmeisters ist. „Unsere schon jetzt gestiegene Sichtbarkeit in China ist super. Für jeden unserer Sponsoren ist es eine tolle Sache, dass unsere Sichtbarkeit in Asien erheblich größer ist als in der Vergangenheit“, sagt Barrois: „Außerdem ist durch Fans Transfer auch noch der eine oder andere neue Sponsor auf uns aufmerksam geworden.“
Noch mehr als auf Saarbrückens Erfolgsliste im Briefkopf soll sich Fans Einstieg in Deutschland auf die Organisationsebene seines neuen Arbeitgebers auswirken. „Wir wollen so nachhaltig wie möglich damit umgehen, finanziell, aber auch strukturell. Wir haben super viele Anfragen, zum Beispiel für Volunteers-Plätze. Natürlich sind das viele, die sich bei uns melden, die wollen Fan Zhendong sehen oder bei dem Verein helfen, für den Fan Zhendong spielt. Wenn davon nur zehn bis 20 Prozent auch noch nach Fans Zeit bei uns hängen bleiben, haben wir etwas richtig Gutes auf die Beine gestellt. Dann war der Transfer ein ganz großer Erfolg, nicht nur sportlich, sondern auch strukturell, und darauf sollte unser Fokus liegen“, verband Barrois in einem TTBL-Interview mittel- und langfristige Hoffnungen mit dem Stareinkauf.
Perspektiven bieten sich aus seiner Sicht auch durch die offenkundig nicht nur erfolgreichen, sondern auch angenehmen Kontakte der Saarbrücker zu Fans Heimatverband bei der Verpflichtung des langjährigen Weltranglistenersten. „Die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Verband ist für uns superwichtig. Wir können sehr viel von den Chinesen lernen, sie sind ja immerhin seit Jahrzehnten weltweit die Nummer eins in der Welt. Wir wollen die Beziehungen pflegen, weil das für uns sehr wichtig sein kann und auch dem deutschen und europäischen Tischtennis extrem viel bringen kann“, schilderte Barrois Anfänge einer globalen Vision.
Titel sind nun fast Pflicht
Die Saarbrücker sind sich mit ihrem Blick auf das Reich der Mitte einig mit Deutschlands Branchenführer und Rekordmeister Borussia Düsseldorf. Durch die immense Popularität ihres ikonischen Ex-Stars Boll in China sind die Rheinländer mit ihren Überlegungen zu Aktivitäten in China womöglich schon einen Gedanken weiter. „Es macht Sinn, nach China zu schauen“, meint jedenfalls Düsseldorfs Manager Andreas Preuß: „Wenn dort Nachfrage für TV-Übertragungen besteht, wären dadurch für die Liga und die Vereine vielleicht auch neue Partner und Sponsoren zu finden. Auf jeden Fall tut sich in China etwas. Der behutsame Aufbau eines solchen Projektes wäre durchaus möglich.“ Unter Europas Spitzenclubs, in deren Zusammenkünften Saarbrücken und Düsseldorf als Champions-League-Dauerfinalisten der vergangenen Jahre zu den Meinungsführern zählen, kursieren denn auch schon Planspiele für eine Vereins-WM – mit China als Schauplatz.
Für Barrois ist für die Realisierung solch visionärer Projekte die Geschlossenheit aller zwölf Bundesliga-Vereine eine der wichtigsten Voraussetzungen. Wo nun gerade jeder einzelne Club von Saarbrückens Fan-Sensation profitieren möchte und kann, ist für eine erfolgreiche Internationalisierung auch Solidarität der kleinen Vereine mit dem zugkräftigen Team im Oberhaus weitgehend unverzichtbar, findet Barrois: „Ich hoffe schon, dass Liga, Partner und Vereine in diesem Bereich der Vermarktung an einem Strang ziehen und das bestmögliche Ergebnis aus dieser Situation ziehen können. Im besten Fall entwickelt sich eine Plattform für unseren Sport und für unsere Liga im Ausland, so dass man die Liga bald sehr weitläufig auf der ganzen Welt verfolgen kann.“