Das neue Schuljahr in Berlin beginnt, so wie das alte im Juli geendet hat: Mangelverwaltung! Keine vollausgebildeten Lehrkräfte, mehr als sanierungsbedürftige Schulräume, und die Zahl von Brennpunktschulen nimmt weiter zu.
Der Besuch des Schulunterrichts in Deutschland ist verpflichtend, Eltern müssen ihre Kinder mit Vollendung des sechsten Lebensjahres in die Schule schicken. Umgekehrt müsste es demnach auch eine Pflicht des Staates zum Abhalten eines vollumfänglichen Unterrichts geben, doch diese existiert nicht und ist damit nicht einklagbar. Der zum Beispiel in Berlin weiterhin hohe Unterrichtsausfall muss von den Erziehungsberechtigten, sprich den Eltern, einfach mal so hingenommen werden.
952 Bewerbungen für das neue Schuljahr
Kein anderes Bundesland in Deutschland hat beim Lehrernachwuchs so große Probleme wie Berlin. Nur 16 Prozent der für das neue Schuljahr neu angestellten Lehrkräfte in der Bundeshauptstadt haben ein abgeschlossenes Lehramtsstudium, sind also, neben dem Fachstudium, auch voll ausgebildete Pädagogen. Damit kann Berlin seinen Bedarf an ausgebildeten Lehrkräften weiterhin nicht decken. Seit Jahren setzt die Bildungsverwaltung der Stadt daher auf Quer- oder Seiteneinsteiger, Studierende und neuerdings auf Pensionäre. Das geht aus einer Antwort des Senats auf die Anfrage der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus hervor. Demnach gab es bis zum 1. August, also gut einen Monat vor Beginn des Schuljahres 2025/26, insgesamt 952 Bewerbungen von voll ausgebildeten Lehrkräften. Knapp 700 Lehrerinnen und Lehrer haben ihren Arbeitsvertrag mit der Berliner Bildungsverwaltung dann tatsächlich unterschrieben. Deutlich weniger als noch vor einem Jahr, da wurden etwas mehr als 1.000 voll ausgebildete Lehrkräfte neu eingestellt.
Der Gesamtbedarf an neuen Lehrkräften für das jetzt angelaufene Schuljahr in Berlin liegt allerdings bei mehr als 4.000 neuen Vollzeit-Lehrkräften. Zwar wurden bis Mitte August rund 4.200 neue Lehrer für den Schuldienst eingestellt, doch das reicht bei Weitem nicht. Ein Großteil der neuen Kräfte hat den Vertrag nicht für eine volle Stelle unterschrieben. Die fast 2.000 Lehramtsstudenten müssen nebenbei ihr Studium voranbringen und die knapp 300 bereits pensionierten Lehrkräfte, die trotzdem weiterarbeiten, gehen in Altersteilzeit, fehlen dann also als Vollzeitkräfte zukünftig an ihrer Schule. Dazu kommen im neuen Schuljahr noch knapp 190 Quereinsteiger, die allerdings auch nicht als Vollzeitkräfte eingesetzt werden können. Diese „Hilfslehrer“ haben zwar bereits die nötige Vorerfahrung und verfügen über ein abgeschlossenes Studium, werden aber parallel zu ihrem Teilzeit-Job an der Schule noch zu vollwertigen Lehrern ausgebildet, sind also die kommenden zwei Jahre auch nicht voll einsetzbar.
Dazu kommen dann noch fast 1.000 Seiteneinsteiger, also Personen, die sozusagen von ihrem alten Beruf auf Lehrer umgestiegen sind, viele ohne jegliche pädagogische Vorbildung. Deren Arbeitsverträge gelten nur für ein Jahr und sie werden deutlich schlechter bezahlt, kritisiert nicht nur die Bildungsgewerkschaft GEW. „Der Personalmangel an den Berliner Schulen ist weiterhin dramatisch“, bringt es die Bildungsexpertin der Linken im Abgeordnetenhaus, Franziska Brychcy, auf den Punkt. Dies wirke sich negativ auf die Bildungsqualität an den Berliner Schulen aus. Der schwarz-roten Landesregierung wirft die Linken-Politikerin vor, „im neuen Haushaltsentwurf sowohl bei der Grundfinanzierung der Hochschulen als auch bei den Sondermitteln für Lehrkräftebildung“ weiterhin sparen zu wollen, obwohl die Schulen erheblich mehr Geld brauchen, als vom Senat geplant. Nach Berechnungen der Linken-Politikerin fehlen im kommenden Schuljahr real mindestens 1.500 Vollzeit-Lehrkräfte. Damit ist der weiterhin hohe Unterrichtsausfall erneut programmiert.
Zu wenig Vollzeitkräfte
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Linke und auch Grüne im Abgeordnetenhaus werfen der Senats-Schulverwaltung unter Senatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) vor, bei der Statistik für das kommende Schuljahr getrickst zu haben. So sollen beispielsweise Referendare mit mehr Unterrichtsstunden in die Aufrechnung eingearbeitet worden sein, und so wurden aus den Referendaren dann plötzlich volle Lehrkräfte. Schulsenatorin Günther-Wünsch weist diesen Vorwurf erwartungsgemäß weit von sich. Im Übrigen laufen die Einstellungsverfahren noch, sodass es belastbare Zahlen über tatsächlich fehlende Lehrkräfte an den Berliner Schulen erst im Lauf des kommenden Schuljahres geben wird.
Aber wer sich die reinen Einstellungszahlen in der bisher vorliegenden Aufrechnung anschaut, hat eine Gewissheit: Berlin braucht dringend Vollzeitkräfte an den Schulen. Nur mit Lehramtsstudenten, Seiten- und Quereinsteigern, garniert mit Lehrern in Altersteilzeit, wird die personelle Unterbesetzung an den Berliner Schulen nicht zu bewältigen sein, auch wenn Berlin seine neuen Lehrkräfte mit einer zukünftigen Verbeamtung lockt.
Der Beruf Lehrer in Berlin ist nicht ganz so einfach, schon gar nicht attraktiv, sondern eher eine Herausforderung. Im Frühjahr 2006 sorgte das Kollegium der Rütli-Schule mit einem Brandbrief an die Schulverwaltung bundesweit für Schlagzeilen: Ein strukturierter, geordneter Unterricht sei nicht mehr möglich, Polizeieinsätze seien an der Tagesordnung – die erste öffentlich gemachte Brennpunktschule. Die liegt im Berliner Bezirk Neukölln, sozial ein schwieriges Pflaster, hohe Arbeitslosigkeit, mit der Integration kam man dort schon damals nicht hinterher.
Anfang dieses Jahres machte dann die Friedrich-Bergius-Oberschule in Berlin-Friedenau bundesweit Schlagzeilen. Wieder ein Brandbrief des Lehrer-Kollegiums über ein für die Lehrer unzumutbares Arbeitsumfeld. Doch diese Schule liegt nun nicht in einem ohnehin sozialen Brennpunkt, sondern im Bezirk Schöneberg, einer mehr als gutbürgerlichen Wohngegend, bei einigen Wahlen mit weit über 40 Prozent Stimmanteil für die Grünen. Doch auch hier an der Friedrich-Bergius-Oberschule gehörten Polizeieinsätze im vergangenen Schuljahr zum Alltag. Lehrer beklagten, dass sie von Schülern regelmäßig bedroht werden. Mobbing unter Schülern sei an der Tagesordnung, „als Lehrkraft sind wir hier bessere Kriseninterventionskräfte, als dass wir unseren Lehrplan umsetzen können“, bringt es im Januar eine Lehrerin gegenüber FORUM auf den Punkt. Mittlerweile hat sich die Lage an der Schule „normalisiert“, wie es die Lehrerin im Gespräch im August beschreibt. Doch Schulunterricht in einer Form, wie es vor allem die Älteren kennen, sei weiterhin nicht wirklich möglich.
Unter solchen Voraussetzungen neue Lehrkräfte für eine Schule in Berlin zu gewinnen, ist nicht einfach. Denn die Oberschule im Berliner Nobelkiez ist kein Einzelfall. Dazu locken Brandenburger Schulen im Speckgürtel von Berlin mit wesentlich besseren Arbeitsbedingungen. Auch der verzeichnete Anstieg von Lehramtsstudenten an den Berliner Universitäten hilft da wenig, wenn die Vollzeit-Aspiranten anschließend nicht an einer Berliner Schule landen.