Das Saarland ist weiterhin Autoland Nummer eins. Aber es bewegt sich etwas in Sachen Mobilität. Langsam zwar, aber mit erkennbarem Potenzial besonders für Busse und Bahnen.
Die Diskussion war heftig, als die verkehrspolitischen Pläne im Rahmen des Klimaschutzkonzeptes von Umwelt- und Verkehrsministerin Petra Berg bekannt wurden. Vor allem ein Punkt sorgte für Aufregung: Ausgerechnet im „Autoland Saarland“ soll der motorisierte Individualverkehr reduziert werden, andere Mobilitätsformen wie die Nutzung von Bus, Bahn oder Fahrrad sollen dafür an Bedeutung gewinnen. Die Idee löste, wie zu erwarten war, eine hitzige und teils emotionalisierte Debatte aus.
Dabei ist längst klar, dass sich in Sachen Mobilität etwas verändern muss. Bereits dreimal in Folge sind in Deutschland die Klimaschutzziele im Verkehrsbereich verfehlt worden. Zwar waren die CO2-Emissionen leicht zurückgegangen (unter anderem eine Folge der wirtschaftlichen Stagnation), lagen aber dennoch mit gut 145 Millionen CO2-Äquivalenten deutlich über dem Ziel von 133 Millionen Tonnen (Zahlen für 2023, Expertenrat für Klimafragen beim Bundesumweltamt). Im Saarland ist der Verkehr für etwa zwölf Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich.
Mit der Studie „Mobilität in Deutschland“ (MiB) liegen jetzt erstmals sehr differenzierte Daten darüber vor, wie Saarländerinnen und Saarländer im Alltag unterwegs sind, welche Verkehrsmittel sie nutzen und welche Strecken sie zurücklegen.
„Mobilität in Deutschland“ ist eine bundesweite Studie im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums, die seit 2007 alle fünf Jahre durchgeführt wird. Das Saarland hat sich diesmal drangehängt und eine zusätzliche detaillierte landesweite Erhebung in Auftrag gegeben. Die bundesweiten Ergebnisse wurden bereits im Frühjahr vorgestellt, die Auswertungen für das Saarland liegen jetzt vor und sind nach Angaben des Verkehrsministeriums erstmals eine umfassende Datenbasis, mit der man bis auf Landkreis- und Kommunalebene planen kann. Immerhin haben sich über 13.000 Menschen im Saarland daran beteiligt. Entsprechend umfassend und differenziert ist die Aussagekraft der Ergebnisse.
Die großen Trends: Das Saarland ist Autoland Nummer eins – und in Sachen Fahrradnutzung auf dem letzten Platz. Gleichzeitig erfreuen sich Busse und Bahn zunehmender Beliebtheit.
Hinter diesen Überschriften verbergen sich aber sehr differenzierte Entwicklungen: Knapp 90 Prozent der saarländischen Haushalte verfügen über (mindestens) ein Auto. In der Hälfte der Haushalte gibt es zwei Autos, mit einem steigenden Trend zum Drittauto (von vier auf sieben Prozent). Das hängt natürlich von der Einkommenssituation ab. Über 40 Prozent mit sehr niedrigen Einkommen haben gar kein Auto, bei hohen beziehungsweise sehr hohen Einkommen haben elf beziehungsweise 17 Prozent der Haushalte drei Autos.
Andere Mobilität durch Angebote
Der Besitz von Fahrrädern oder E-Bikes hängt ebenfalls vom Einkommen ab. Nur ein Drittel der Haushalte mit sehr niedrigen Einkommen hat ein Rad, bei hohen Einkommen sind es knapp 70 Prozent, bei sehr hohen Einkommen knapp 85 Prozent.
Bei der Nutzung des Fahrrads hat sich im Vergleich zu vor fünf Jahren eine leichte Verschiebung ergeben, der Anteil am Verkehr ist von zwei auf drei Prozent gestiegen. Das Auto wird etwas weniger genutzt, der ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr mit Bus und Bahn) hat zugelegt. Das Fahrrad hat, wie geschildert, auf niedrigem Niveau einen leichten Zuwachs, und Menschen gehen auch öfter mal zu Fuß.
Spannend für die politischen Diskussionen etwa über Stadt-Land-Gefälle, Ausbau von ÖPNV oder Radwegen sind die Zahlen hinter diesen allgemeinen Trends. Dass die Autonutzung in den Kreisen Merzig-Wadern und Neunkirchen, gefolgt von St. Wendel und Saarlouis und dann Merzig-Wadern, vergleichsweise hoch ist, überrascht nicht. Dass sich im Regionalverband Saarbrücken – und dann erst recht in der Landeshauptstadt – ein anderes Bild ergibt, ebenfalls nicht. Auffallend ist, dass der Radverkehr in Saarbrücken mit sieben Prozent einen signifikant höheren Anteil hat. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass Saarbrücken seit Jahren kontinuierlich an Verbesserungen arbeitet. Der Alltagsradverkehr führt zwar ansonsten im Saarland ein ziemliches Schattendasein, aber es deutet sich eine Entwicklung an. Im Saarland steigt der Anteil von E-Bikes im Bundesvergleich überdurchschnittlich, und damit ist auch die durchschnittlich mit dem Fahrrad zurückgelegte Strecke deutlich gestiegen (Durchschnitt bundesweit: vier Kilometer, im Saarland: acht Kilometer). E-Bike hat also Potenzial für mehr.
Der gestiegene Zuspruch zum ÖPNV hängt mit dem Deutschlandticket sowie zusätzlichen saarländischen Angeboten zusammen. So hat es seit der Verabschiedung des Verkehrsentwicklungsplans ÖPNV vor vier Jahren in der damaligen Großen Koalition mit Verkehrsministerin Rehlinger eine Reihe von Veränderungen gegeben, von einer Tarifreform bis zu neuen Angeboten (Plus-Bus, Express-Bus sowie Pilotprojekten für On-Demand-Verkehr, sogenannte Ruf-Busse). Als nächster Schritt soll ein S-Bahn-System (mit 20-Minuten-Takt) kommen, und die Diskussionen über Bahnreaktivierungen sind im Gange, seitdem die entsprechenden Gutachten vorliegen.
Was folgt nun aus den Informationen aus der Mobilitätsstudie? Robert Follmer, bei Infas verantwortlich für die Studien, sieht zumindest Anzeichen für eine geänderte „Mobilitätskultur“ mit einem Wechsel vom Auto zum „Umweltverbund“ aus ÖPNV über Fahrrad bis zu mehr Fußverkehr.
Immerhin hat der ÖPNV im Saarland den Einbruch durch Corona aufgeholt, mehr noch: Die Nutzerzahlen sind höher als 2017. Die Aufgabe: Das Angebot muss leistungsfähiger und komfortabler werden. Für das Fahrrad gilt vor allem: Ausbau der Infrastruktur.
Dabei mangelt es derzeit nicht am Geld, betont Astrid Klug, Abteilungsleiterin Mobilität im Umweltministerium, sondern vor allem an Fachkräften beim Land wie bei Kommunen (Bauingenieure, Planer). Und gerade beim Radwegeausbau führen zuweilen Besitzverhältnisse benötigter Flächen zu langwierigen Prozessen.
Auch bei der Entwicklung des Fußverkehrs sieht Follmer noch Luft nach oben in Sachen Qualitätssteigerung. Dagegen misst er Angeboten wie zum Beispiel „Carsharing & Co.“ nur eine untergeordnete Rolle bei der Mobilitätswende zu.
Umwelt- und Verkehrsministerin Petra Berg resümiert im Anschluss an die Vorstellung der Studie: Das Saarland „war immer ein Autoland und wird es auch bleiben“. Gleichzeitig sei man aber auf dem Weg zu „mehr nachhaltiger Mobilität, nicht durch Verbote, sondern durch neue Angebote und zusätzliche Chancen.“