Die Performing Arts Season zeigt sieben spannende Gastspiele aus der Welt des Tanzes in Berlin. Los geht es Mitte Oktober.
Dass unsere Welt zunehmend aus den Fugen gerät, ist ein allbeklagter Zustand. Gesellschaftliche Systeme werden brüchig, der Kapitalismus als fast weltweit praktiziertes, scheinbar unumstößliches politisch-wirtschaftliches Modell gerät spürbar an seine Grenzen. Das löst globale Veränderungs- und Polarisierungsprozesse aus: einerseits den Wunsch nach einer harmonischen, homogenen Gemeinschaft, andrerseits die militante Rückbesinnung auf nationale Egoismen. Auch die Frage nach der individuellen Identität rückt verstärkt in die Debatte, nicht zuletzt durch die steigende Zahl sich als nichtbinär oder genderfluid bekennender Menschen.
Die Frage der Identität steht im Mittelpunkt
Das Phänomen Identität, politisch wie sozial, bildet in der Spielzeit 2025/26 daher auch die Klammer für die nunmehr dritte Performing Arts Season. Ihren künstlerischen Leiter, den Japaner Yusuke Hashimoto, interessieren die Darstellenden Künste besonders als Schnittpunkt von sozialen Themen und Natur, als physische Möglichkeit, sie im Dialog mit den Zuschauern sichtbar zu machen. Manche Stücke, sagt er, habe er seit Längerem im Blick, nun sei Gelegenheit, sie unter einem einheitlichen Konzept zu zeigen. Vom 16. Oktober bis 25. Januar laden sieben internationale Produktionen ins Haus der Berliner Festspiele und den Gropius-Bau ein. Wie vielfältig sich Identität in den einzelnen Ländern spiegeln kann, wie sehr sie an starr geglaubten ethnischen oder minderheitlichen Zuschreibungen rüttelt, das zeigen namhafte Kunstschaffende in Tanz, Spiel und Performance, mit Wort, Gesang, Musik und Bühnenbild. Musiktheater leitet den Reigen ein, eine Musik-Tanz-Performance beschließt ihn.
Das Haus der Gerechtigkeit sei kollabiert, wölbt sich im Eröffnungsstück „The Great Yes, The Great No“ ein Schriftzug über der Bühne. Das bildstarke Gesamtkunstwerk des Südafrikaners William Kentridge aus Theater, Oratorium und Kammeroper basiert auf einem realen Ereignis: der Überfahrt eines Schiffes mit Emigranten 1941 von Marseille nach Martinique. An Bord sind Anna Seghers, André Breton und Claude Lévi-Strauss. Der Regisseur konfrontiert sie fiktional mit Persönlichkeiten wie Frida Kahlo, Aimé Césaire, den beiden Josephines Baker und Bonaparte und einem Chor aus nach Sturm und Krieg anpackenden Frauen. Den Schlusspunkt unter das Festival setzen Regisseurin Nina Laisné, Choreograf François Chaignaud und Sängerin Nadia Larcher mit „Último helecho“, was, den Titel eines peruanischen Liedes aufgreifend, „Letzter Farn“ bedeutet. Die erst im Juli uraufgeführte Koproduktion lässt in Drag und Tanz Europas Barock auf Argentiniens Folklore und Mythologie treffen. Das Gemeinsame beider Kontinente bietet, so der Tenor, auch Chancen einer Aussöhnung nach blutiger Kolonialgeschichte.
Zwischendrin offerieren vier Tanzproduktionen ihre Sicht auf das Thema. „Thikra: Night of Remembering“ der Akram Khan Company ist zugleich Ausblick und Ende. Ausblick, wie aus der Verschmelzung des indischen Regionalstils Bharatanatyam mit dem zeitgenössischen Tanz eine neue, zeitgemäße Bewegungssprache entstehen könnte. 14 Tänzerinnen zwischen rituellem Erbe und moderner Basis begeben sich auf diese spannende Reise. Ende, weil sich damit Akram Khan, einer der kreativsten Choreografen der Gegenwart, und seine Company nach 25 Jahren vom Tourneebetrieb verabschieden.
Bestens bekannt ist hierzulande auch die Südkoreanerin Eun-Me Ahn. In „Post-Orientalist Express“ versucht sie, in ungemein farbenfrohen Bildern dem romantisierten, mit Klischees beladenen westlichen Blick auf Asien eine realistische Darstellung asiatischer Kultur von heute entgegenzusetzen und somit eine neue choreografische Identität zu begründen. Wie virtuos das getanzt wird, das dürfte dieses Gastspiel zu einem der Leckerbissen des Festivals machen.
Zu den markantesten interdisziplinären Künstlerinnen zählt die aus der Dominikanischen Republik stammende, in Berlin ansässige Ligia Lewis, die Performance und Bildende Kunst zusammenbringt. Als Artist in Focus der Berliner Festspiele ist Lewis zeitgleich auch eine Ausstellung im Gropius-Bau gewidmet. Für die Performing Arts Season erkundet sie in der Uraufführung „Wayward Chant“, so die Ausschreibung, „die Schnittmenge von Schönheit und Verzweiflung durch eine Mobilisierung des Chors“. Aus einer verzögert gesummten Hymne, die frühe liturgische Klänge mit Blues-Anmutungen vereint, entsteht eine reduzierte Partitur singender, sich bewegender Körper.
Mischung aus Brutalität und Zärtlichkeit
Auch die französisch-österreichische Choreografin und Künstlerin Gisèle Vienne hat gerade eine umfangreiche Ausstellung in Berlin hinter sich. Der Einsatz lebensgroßer Puppen fasziniert sie seit 2001, als die gemeinsam mit dem Puppenspieler und Regisseur Étienne Bideau-Rey entworfene Performance „Showroomdummies“ ihre Premiere erlebte. „Showroomdummies #4“ von 2020 als neueste Version stellt 20 zunächst abgewandte weibliche Wesen auf die Bühne, atmende und künstliche. In der sich daraus entwickelnden, zeitlupenhaften Choreografie geht es um Identitäten, Machtverhältisse, ein metasprachliches Zeichensystem. Als Anregung für die Dummies diente unter anderem der japanische Horrorfilm „Ringu“.
Trotz des verfänglichen Titels „Tanzende Idioten“ handelt es sich bei Thorsten Lensings Stück nicht um Tanz, sondern um eine Uraufführung prallen Theaters nach Texten des US-Amerikaners Denis Johnson. Die todkranke Goldie erhält Besuch von ihrem frisch verliebten, vor Glück strotzenden Vater. An ihr zieht vorbei, was Leben ausmacht: tanzende Menschen, der Traum einer Mondlandung, für die Lensing Originalzitate der Nasa-Apollo-Missionen zum Mond verwendet. Ein erlesenes Spielerquartett und ein Schlagzeuger tragen einen Abend aus Brutalität und Zärtlichkeit. In allen Gastspielen der Performing Arts Season drehe es sich, so Yusuke Hashimoto, nicht zuletzt um Minoritäten als Teil der Weltkultur und ihr Spannungsverhältnis zur Majorität. Dass es mit dem hochrangigen Festival 2026/27 weitergeht, dann unter einem neuen aktuellen Motto, kann man nur dringend hoffen.