Mit viel Gefühl, Humor und der richtigen Dosis Melancholie macht Owen Wilson aus „Stick“ eine herzerwärmende Feel-Good-Serie: Es werden zwar viele Golfbälle eingelocht, doch eigentlich geht es um das sehr menschliche Miteinander.
Ex-Golf-Profi Pryce „Stick“ Cahill (Owen Wilson) hat schon bessere Tage gesehen. Vor 20 Jahren war er ein gefeierter Star auf den Golfplätzen Amerikas. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hatte er vor laufender Kamera einen emotionalen Meltdown. Danach war er weg vom Fenster. Der Grund für seinen seelischen Zusammenbruch war der frühe Tod seines Sohnes. Kurze Zeit später ging auch noch seine Ehe den Bach hinunter.
Pryce verkauft jetzt Golfschläger und gibt älteren reichen Damen Golfstunden. Auf einer Driving-Range sieht Pryce dann zufällig, wie ein Teenager einen perfekten Abschlag nach dem anderen raushaut. Sofort erkennt er dessen außerordentliche Begabung. Aus heiterem Himmel fasst Pryce den Entschluss, dieses einzigartige Golftalent zu fördern und unter seine Fittiche zu nehmen. Sein kühner Vorschlag stößt bei Santi (Peter Dager), so der Name des 17-jährigen Hotshots, allerdings auf schroffe Ablehnung. Zu sehr hat Santis Vater ihm vor Jahren durch herzlosen Drill das Golfspielen verleidet. Doch Pryce lässt nicht locker.
Ganz so selbstlos ist der Plan von Pryce dann aber doch nicht: Seine vielen Tipps und Ratschläge würden sicher helfen, Santis Golfspiel zu verbessern – aber auch Pryce selbst hätte dann wieder eine sinnvolle Aufgabe im Leben. Und was spräche eigentlich dagegen, Santi vielleicht sogar so weit zu bringen, sich für die US-Amateur-Championships zu qualifizieren? Allerdings müsste Santi im Vorfeld aus einigen Golfturnieren als Sieger hervorgehen.
Bereitschaft zum Golfen von der Mutter erkauft
Hartnäckig wie Träumer manchmal sind, macht Pryce Santis Mutter Elena (Mariana Treviño) ausfindig und bittet sie um die Erlaubnis, Santis Trainer zu sein. Entrüstet lehnt Elena den Vorschlag des Dahergelaufenen ab. Erst als Pryce ihr 100.000 Dollar anbietet – vorab auf die Hand und ohne Bedingungen –, überredet Elena ihren Sohn und willigt sogar ein, bei einem Roadtrip von Golfturnier zu Golfturnier mit von der Partie zu sein.
Und los geht’s im alten Camper, gemeinsam mit Pryces Freund und ehemaligem Caddy Mitts (Marc Maron) am Steuer. Unterwegs gabelt die Truppe dann auch noch die attraktive Zero (Lilli Kay) auf, eine frisch gefeuerte Kellnerin.
Als roter Faden zieht sich natürlich das Golfen durch diese anrührende Geschichte. Man redet darüber, wie Santi am besten den Golfball abschlägt und einlocht. Wie man sich mental auf die anspruchsvollen Wettbewerbe einstellt und welche Tricks man dabei mitunter anwendet. Das Herzstück von „Stick“ sind aber die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich bei diesem verrückten Abenteuer entwickeln.
Man erlebt, wie sich Elena und Mitts zunächst gehörig auf die Nerven gehen, sich dann aber doch trauen, zarte Zuneigung füreinander zu entwickeln. Man erfährt die Hintergründe, warum Pryce seine Ex-Frau Amber-Linn (Judy Greer) immer noch liebt. Und man sieht, mit wie viel Einfühlungsvermögen Pryce den widerborstigen, arroganten Santi dazu bringt, seine pubertären Unsicherheiten zu überwinden. Und dann kommt auch noch Liebe ins Spiel, als sich Santi und Zero tief in die Augen schauen. Oder ist diese Liebe etwa ein Bluff? Hat damit vielleicht sogar Pryce etwas zu tun?
Es ist eine wahre Freude, zu beobachten, wie die Macher dieser emotional aufgeladenen Komödie ihre Protagonisten ernst nehmen, sich entwickeln lassen – und nicht als Platzhalter für Gags oder sentimentale Entgleisungen missbrauchen. Schon lange hat man eine wirklich erstklassige Besetzung nicht mehr so harmonisch aufeinander eingehen sehen. Man glaubt es Owen Wilson sofort, wenn er sagt, dass es bei den Dreharbeiten zu „Stick“ die oft herbeigeredete „Chemie“ am Set tatsächlich gegeben hat. Er gibt nicht nur als Schauspieler eine hochsensible Performance, sondern beeindruckt auch noch als überraschend guter Golfer.
Santis Golfträume stehen auf der Kippe
„Sogar meine Freunde haben mich darauf angesprochen und mich gefragt, warum ich privat so selten Golf spiele. Ich würde das doch fantastisch machen“, meint er lachend. „Was sie natürlich nicht wissen konnten: Bei jedem Abschlag wurde ich von einem hervorragenden Golfprofi gedoubelt. Sogar der trockene Sound des Golfballs beim Abschlag wurde vorher von Golfprofis aufgenommen und dann bei passender Gelegenheit eingespielt. Zugegebenermaßen kann ich mittlerweile aber ganz okay Golf spielen. Darauf bin ich sogar ein bisschen stolz.“ Der Showrunner, sprich der Schöpfer der Serie „Stick“, Jason Keller, schrieb schon Drehbücher für Kinofilme wie „Escape Plan“ und „Le Mans 66“ und hat gerade voller Stolz verkündet, dass es eine zweite „Stick“-Staffel geben wird. Wieder mit der bewährten Mannschaft und einigen – noch geheim gehaltenen – Neuzugängen. Es hat schon einige hochkarätige Golf-Filme gegeben, zum Beispiel „Tin Cup“ mit Kevin Costner oder „Die Legende von Bagger Vance“ mit Will Smith – aber so unterhaltsam wie hier wurde der Ted-Lasso-Vibe noch nie auf das heilige Grün gebracht. Denn das Sportgeschehen dient doch nur als Rahmen für die kleinen und großen Dramen und Freuden des Lebens.
Wer will, kann sich auch noch den Ratschlag zu Herzen nehmen, der als „Grossweiner’s Law“ in die Golf-Annalen eingegangen ist: „Alles, was du kontrollieren kannst, ist dein Abschlag, in diesem Moment. Sei da so gut, wie du kannst. Was danach mit dem Ball passiert, kannst du nicht mehr beeinflussen. Aber was mit dem Ball geschieht, ist genau das, was du im Stande bist, zu erreichen. Genau wie im Leben.“