Der 19-jährige tablettensüchtige Hai ist bereit, von der Brücke zu springen – bis er Grazina aus Litauen trifft, eine alte Frau, die allein lebt und mit Demenz kämpft. Sie überzeugt Hai, ihr Pfleger zu werden – das ist der Anfang einer zutiefst rührenden Freundschaft. Und der Anfang des neuen, teils autobiografischen Romans „Der Kaiser der Freude“ von Ocean Vuong.
Hauptfigur Hai beginnt, in einem Restaurant zu arbeiten. Seine neuen Kollegen sind ein bunter Haufen schräger Typen, die sich gegenseitig trösten und den deprimierenden Arbeitsalltag im Schnellrestaurant mit Humor meistern. Sie träumen von Wrestling-Karrieren oder kennen alle Einzelheiten der Bürgerkriegsgeschichte und sind immer füreinander da. Auch wenn es blutig wird und ihre Solidarität verlangt, dass sie zusammen Schweine schlachten. Unter dieser empathischen Truppe Tapferer, die gesellschaftlich als gescheitert angesehen werden, findet Hai bald ein Gefühl von Familie im Herzen des fiktionalen Ostküstenkaffs East Gladness.
Ocean Vuongs Roman ist lyrisch im Ton, mit einer Sprache von zauberhafter Vorstellungskraft. Seine Sätze beobachten scharf, seine Metaphern sind überraschend und oft voller Magie. Seine Figuren sind authentisch und originell. Vuong reflektiert ohne Kitsch und Klischees schwere Themen wie Freundschaft, das Altern, das Sterben und das generationenübergreifende Trauma Krieg. Auch wenn einige Handlungsstränge sehr abstrakt gehalten und lose sind und er mit Zeitsprüngen arbeitet, die den Leser herausfordern.
Schade ist, dass die Übersetzung aus dem Amerikanischen etwas lieblos daherkommt und zuweilen sogar unfertig erscheint. Zu Recht wurde der in Vietnam geborene, heute 36 Jahre alte Ocean Vuong schon nach seinem ersten Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ in den USA 2019 als großes neues amerikanisches Erzähltalent gefeiert. Jetzt hat er mit dieser zweiten Geschichte nachgelegt, mit einem großartigen Buch, das äußerst aufwühlend und sehr lesenswert ist.