Gina Lückenkemper gehört zu den größten deutschen Leichtathletik-Stars, obwohl sie nie ein großes Einzel-Finale im Sprint bestritten hat. Das soll sich bei der WM in Tokio ändern. Das Potenzial dafür steckt in ihr – aber kann sie es auch abrufen?
Auf den Mund gefallen ist Gina Lückenkemper nun wirklich nicht, und so fand Deutschlands beste Sprinterin für ihren sportlichen Reinfall kurz vor der Weltmeisterschaft auch klare Worte. „Der Wettkampf fällt in die Kategorie: Satz mit X, das war überhaupt nix“, sagte die 28-Jährige sichtlich gefrustet nach ihrem neunten Platz beim Meeting im polnischen Chorzów. Ihr US-Trainer Lance Brauman war, anders als in den Wochen zuvor, vor Ort und gab Lückenkemper viel Feedback und Anweisungen, wie sie ihr Rennen angehen sollte. Das war gut gemeint, sorgte bei seinem Schützling allerdings für ein „Gedankenkarussell“, wie Lückenkemper es ausdrückte: „Im Startblock nachzudenken, ist so ziemlich das Dämlichste, das man machen kann. Ich hatte einen Job heute – und den habe ich völlig vergeigt und völlig verkackt.“ Eine Zeit von 11,25 Sekunden stand dann neben ihrem Namen. Selbst bei ihrem Deutschen Meistertitel kurz zuvor in Dresden war sie bei starkem Gegenwind und deutlich schwächerer Konkurrenz schneller gewesen.
Vermasselter Auftritt in Polen
In Chorzów gingen viele Stars an den Start, die Lückenkemper auch bei der WM herausfordern will. „Das gleicht fast schon einem WM-Finale“, hatte die Doppel-Europameisterin von 2022 frohlockt. Sie wolle „endlich eine richtig schnelle Zeit auf die Bahn brennen. Dass das in meinem Körper steckt, weiß ich schon eine Weile.“ Doch das muss sie nun bei der WM in Tokio beweisen. Zumindest die Generalprobe in der 4x100-Meter-Staffel glückte der Westfälin: Beim Diamond-League-Meeting in Lausanne sprintete Lückenkemper gemeinsam mit Sina Mayer, Rebekka Haase und Sophia Junk in 42,53 Sekunden zum Sieg. Das DLV-Quartett will genau wie bei Olympia in Paris, wo das Bronzerennen eines der Highlights aus deutscher Sicht war, aufs Podest sprinten. Klar ist aber: Dafür braucht es eine Gina Lückenkemper in Topform und ohne Gedankenkarussell.
Der vermasselte Auftritt in Polen soll daher schnell aus ihrem Gedächtnis gestrichen werden. „Bringt nichts, Mund abwischen, weiter“ – so lautete das Motto der Athletin vom SCC Berlin. Wenn der Auftritt etwas Gutes hatte, dann die nochmals vor Augen geführte Erkenntnis, dass bei Lückenkemper der erste Schritt aus dem Startblock „einfach kriegsentscheidend“ ist, wie sie selbst sagt. Ist der perfekt ausgeführt, kann das 1,68 Meter große Kraftpaket eine enorme Beschleunigung aufbauen und die 11-Sekunden-Marke knacken. Das wird auch nötig sein, um in Tokio mit den Weltbesten mithalten zu können. Vielleicht muss sie für ihr Final-Ziel sogar ihre Bestzeit (10,93 Sekunden) brechen, die sie beim ISTAF im September 2024 unmittelbar nach den Sommerspielen auf die blaue Bahn des Olympiastadions in Berlin gezaubert hatte. In Paris hätte diese Zeit im 100-Meter-Finale für einen hervorragenden vierten Platz gereicht – mit nur einer Hundertstelsekunde Rückstand zu Bronze. Speziell dieses Rennen in Berlin hat ihr gezeigt, dass sie mit den besten Sprinterinnen nicht nur aus Europa, sondern auch aus der Welt mithalten kann. Wenn denn alles passt.
„Es ist der totale Wahnsinn“, hatte Lückenkemper hinterher gesagt. Sie sah sich selbst bestätigt und gab den Kritikern, die sie nach ihrem Halbfinal-Aus bei Olympia schon abgeschrieben hatten, einen kleinen Seitenhieb mit: „Ich sage das ganze Jahr schon, da schlummert was Großes, viele Leute wollen es nicht glauben.“ Sie könne zwar gut einschätzen, dass die fantastische Zeit von Berlin Stand jetzt „ein Ausreißer nach oben“ sei – doch das soll nicht so bleiben. An jenen 10,93 Sekunden will sich die Sprinterin fortan messen lassen, nicht mehr an der 11-Sekunden-Marke. Ihre neue Bestzeit gebe „die Richtung vor“ und zeige, „welches Potenzial in mir steckt“. Auch deswegen habe sie nun „Lust auf mehr“ und freue sich „auf die nächsten Jahre“. Denn: „Wir kommen dem Traum von einem großen Einzel-Finale von Jahr zu Jahr immer näher.“
Mindset in den USA antrainiert
Ist es bei der WM in Tokio endlich so weit? „Dieses Jahr in Tokio ist auf jeden Fall das Finale möglich, da bin ich fest von überzeugt“, sagte Lückenkemper kurz vor der WM: „Die Vorbereitung stimmt, die Form ist auch auf dem Weg – das passt alles soweit.“ Der jüngste Titel bei den nationalen Meisterschaften gebe ihr „auf jeden Fall Rückenwind“, auch wenn die schwierigen Bedingungen keine Topzeit zuließen. Das soll sich – und das muss sich – bei der WM ändern. „Ich habe letztes Jahr bewiesen, dass ich auch im September noch schnelle Zeiten laufen kann“, sagte Lückenkemper, „von daher wird in Tokio richtig angegriffen.“
Dieses Mindset hat sich die 28-Jährige in den USA angeeignet. Im Training in Florida unter Star-Coach Brauman ist der Konkurrenzdruck riesig. Lückenkemper muss sich dort täglich und in jeder Einheit mit absoluten Weltklasse-Sprinterinnen messen. Zweifel haben in diesem Haifischbecken keinen Platz. „Ich darf in Florida mit Weltmeistern und Olympiasiegern trainieren. Ich bin dankbar für das Set-up“, sagte sie: „Ich profitiere unfassbar davon.“ Nicht nur mental, sondern auch körperlich. Doch vor dem Leistungssprung, den Lückenkemper mit dem zeitweisen Training in den USA erlebte, stand die Qual. Deutschlands beste Sprinterin ist dort gerade zu Beginn immer wieder an ihre Grenzen gegangen – und manchmal auch darüber hinaus. Es gebe dort Tage, an denen sie nach dem Training zu Hause „erst mal für ’ne Stunde ausgeknockt auf der Couch“ liege und „völlig weg“ sei, wie Lückenkemper verriet. Sie nennt es scherzhaft „Knock-out days“. An jenen Tagen sind ihre Beine durch kurz hintereinander stattfindende Sprinteinheiten mit derart viel Laktat gefüllt, dass sie sich kaum bewegen kann.
Rat holt sie sich in der Trainingsgruppe vor allem von Sprint-Superstar Noah Lyles. „Für mich ist er die Anlaufstelle Nummer eins, wenn ich irgendwelche technischen Probleme habe oder mir das Bewegungsgefühl fehlt“, verriet die Staffel-Dritte von Olympia in Paris. Mit dem US-Amerikaner seit 2019 zu trainieren und sich auszutauschen, sei faszinierend, meinte Lückenkemper: „Weil ich von ihm unfassbar viel lernen kann. Er ist ein wahnsinniger Perfektionist, wenn es ums Training geht – deswegen ist er auch so gut.“ Lyles habe „einfach diesen Drang, zu performen“, erklärte die Deutsche. Im privaten Leben verhalte sich ihr Trainingskollege gänzlich anders als auf der Tartanbahn. „Da schlüpft er in seine Rolle, er ist der geborene Entertainer. Das macht ihn aber auch zu diesem einzigartigen Athleten, weil er – sobald die Kameras an sind – mit Druck so gut umgehen kann wie kein anderer.“
Dabei weiß auch Lückenkemper selbst, wie es ist, ein Sportstar zu sein und im Rampenlicht zu stehen. Spätestens seit ihren großen EM-Erfolgen von München ist sie neben Weitspringerin Malaika Mihambo das Gesicht der deutschen Leichtathletik. Lückenkemper hat es zwar noch nie in ein Einzel-Finale bei einer WM oder bei Olympia geschafft, aber mit ihrer eloquenten und offenen Art viele Sympathien gewonnen. Und Sponsoren. Sie äußert sich in der Öffentlichkeit auch meinungsstark zu politischen Themen, und sie rät der Leichtathletik zu mehr Reformen. „Unsere Veranstaltungen dauern einfach zu lange, häufig über den ganzen Tag. Das ist nicht mehr sexy, gerade in dieser schnelllebigen Zeit“, meinte sie: „Früher mag das funktioniert haben, heute aber nicht mehr.“ Das traditionelle Format in einem Leichtathletik-Stadion mit langen Wettkämpfen sei womöglich veraltet, neue Ideen für mehr Kurzweiligkeit müssten her. Bis diese kommen und umgesetzt werden, dürfte Lückenkemper aber wohl nicht mehr aktiv sein. Ob sie mit dem Start in einem großen Einzel-Finale abtritt, wird vielleicht schon die WM in Tokio zeigen.