Groß ist die Vielfalt an Studienmöglichkeiten hierzulande. In einer losen Serie stellen wir die ungewöhnlichen Studiengänge vor – in diesem Teil das Orchideenfach „Eurythmie“ an der Alanus Hochschule in Alfter.
Eurythmie assoziieren die meisten wohl mit einer Sache: An Waldorfschulen lernen Schülerinnen und Schüler, den eigenen Namen expressiv in Bewegung zu übersetzen. Natürlich lässt sich die Eurythmie nicht allein auf das Schulfach reduzieren – sie ist viel mehr als fließende, anmutige Bewegungen. Übersetzt ins Deutsche bedeutet „Eurythmie“ – zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern „eu“ und „rhythmos“ – soviel wie „schöne Bewegung“. Die Anfänge der Eurythmie als anthroposophische Bewegungskunst reichen zurück ins 20. Jahrhundert. Der Anthroposoph Rudolf Steiner entwickelte sie zusammen mit seiner Ehefrau Marie von Sievers. 1911 unterrichtete er seine erste Schülerin Lory Maier-Smits. „Die Grundidee von Rudolf Steiner ist, dass wir die Welt um uns herum sehen und erleben und uns selbst erkennen können. In der Wechselwirkung zwischen der Betrachtung der Welt und mir selbst ist geistige Entwicklung möglich. Ihm zufolge besteht die Welt nicht aus toter Materie, dahinter wirkt eine Lebenskraft. Wie man in unserer Zeit damit umgehen kann, dafür hat er eine Methode entwickelt“, erklärt Bart-Jeroen Kool, ausgebildeter Eurythmist. Seit nunmehr zehn Jahren lehrt der Niederländer Eurythmie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, 2019 wurde er zum Professor für Eurythmie ernannt.
Musik in Bewegung umsetzen
Schon seit einigen Jahren können sich Interessierte an der Alanus Hochschule im nordrhein-westfälischen Alfter für den Studiengang „Eurythmie“ bewerben und einschreiben. „Prinzipiell kann jeder körperlich gesunde Mensch Eurythmie studieren“, sagt Bart-Jeroen Kool. Wichtig ist: Der grundständige Bachelor-Studiengang, der auf acht Semester angelegt ist, ist mehr als eine künstlerisch ausgerichtete Ausbildung anzusehen. „Das ist die Grundidee der Eurythmie: Von ihrem Wesen her ist sie darstellend, sie zeigt sich auf der Bühne“, sagt Kool. Mit anderen Worten: Eurythmistinnen und Eurythmisten wollen die seelisch-geistige Qualität, also das innere Erleben, sichtbar machen – ausgedrückt durch Bewegung. „Wenn ich fröhlich bin, geht mein Gefühl eher nach außen. Wenn es leicht wird und weniger verdichtet ist, hat es folglich auch eine andere Farbe und eine andere Bewegung“, beschreibt Bart-Jeroen Kool. Das Gefühl der Traurigkeit sei hingegen eher nach innen gerichtet, es habe eine andere Farbe, Qualität und Bewegung. Der Professor für Eurythmie geht sogar noch weiter: „Eurythmie ist eigentlich sichtbare Aura.“ Die Eurythmie unterteilt sich in zwei Hauptfächer: die Laut- und die Ton-Eurythmie. Erstgenanntes Unterrichtsfach widmet sich dem Ziel, die lesbare Sprache sichtbar zu machen, zum Beispiel die in Gedichten und Balladen. Wenn Ton-Eurythmie unterrichtet wird, ist immer ein Pianist anwesend. „Im Unterricht untersuchen wir die Musik und setzen sie in Bewegung um“, erzählt Bart-Jeroen Kool. Gestützt werden diese zwei Hauptfächer vom Fach Musik, in dem wiederum Gesang und Musiktheorie gelehrt werden, und dem Fach Sprache, in dem etwa der eurythmieadäquate Einsatz der eigenen Stimme erlernt werden soll. Ferner sollen die Studierenden in verschiedenen Kompetenzen gestärkt werden. Schließlich können sie im Studium generale – so wie alle Alanus-Studierenden – aus dem gesamten Lehrverzeichnis ein Fach auswählen. „Die Studierenden wählen selbst, welche Module sie interessieren“, sagt der Prodekan für den Fachbereich Darstellende Kunst.
Wer sich nach den vier Eurythmie-Jahren spezialisieren will, zum Beispiel später im therapeutisch-medizinischen und pädagogischen Berufsfeld tätig werden will, kann ein Masterstudium in „Eurythmietherapie“ oder in „Eurythmie in Schule und Gesellschaft“ anhängen. Den Vollzeit-Master können Interessierte in zwei Semestern, den in Teilzeit in vier Semestern studieren. Als dritte Option bietet die Alanus-Hochschule einen Bühnen-Master als weiterführendes Studium an. Denn: An Waldorfschulen nimmt das Einstudieren von Klassenspielen großen Raum ein. In ihrer ganzen Schullaufbahn haben es die Waldorfschülerinnen und -schüler immer wieder mit Schauspiel beziehungsweise Klassenspiel zu tun. „Dadurch finden wir es wichtig, dass unsere Studierenden die Möglichkeit bekommen, ein zweites Standbein neben ihrem Hauptberuf schaffen zu können“, sagt Bart-Jeroen Kool.
Vielfältige Berufsmöglichkeiten
In zwei Hauptberufen können die ausgebildeten Eurythmistinnen und Eurythmisten Fuß fassen: im Lehrerberuf an einer Waldorfschule oder in einem Waldorf-Kindergarten. „Eurythmie wird unterrichtet vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse“, erklärt Bart-Jeroen Kool. Daneben bildet die Eurythmie-Therapie das zweite potenzielle Berufsfeld. „In Deutschland gibt es zurzeit fünf anthroposophisch orientierte Akutkrankenhäuser und ganz viele anthroposophische Ärzte, die therapeutisch arbeiten.“ Zudem haben sie die Möglichkeit, als freischaffende Künstlerinnen und Künstler zu arbeiten. „Da hat man allerdings weniger echte finanzielle Berufschancen“, räumt Bart-Jeroen Kool ein. Nicht zuletzt steht ihnen ein noch recht neues Berufsfeld offen: die Sozial-Eurythmie. Auch da gebe es verschiedene Optionen, zum Beispiel Kommunikationstraining in einem Betrieb, Eurythmie mit älteren Menschen und sogar Heil-Eurythmie mit Tieren und Pflanzen sei denkbar – und in der Praxis möglich.
Und wer interessiert sich überhaupt für das Orchideenfach? Zuerst einmal die Gruppe der ehemaligen Waldorfschülerinnen und -schüler, deren Interesse für Eurythmie bereits geweckt worden ist. Zudem studieren das Fach auch solche, die nicht der Waldorfszene angehören und mit der Anthroposophie zuvor keine Berührungspunkte gehabt haben. „Entweder sind sie über den Freundeskreis oder über die Eurythmie-Therapie auf unseren Studiengang aufmerksam geworden“, sagt Bart-Jeroen Kool. Zu guter Letzt stoßen in den vergangenen Jahren übers Internet mehr und mehr Menschen auf den ungewöhnlichen Studiengang. „Dieses Jahr haben sich bei uns fünf Menschen beworben, die nichts von Anthroposophie und auch nichts von Eurhythmie wissen“, erzählt der Eurythmist. Fasziniert von der Bewegungskunst wenden sie sich an die Hochschule und schnuppern über eine Hospitanz ins Studium rein. Bart-Jeroen Kool hat schon viele Studierende nach ihrer Motivation gefragt, woraufhin die ihm sinngemäß antworteten: „Sie sagten, dass sie Bewegung, Tanz und Musik lieben. Darüber hinaus suchen sie eine seelisch-geistige Richtung, in der das innere Erleben und die eigenen Empfindungen im Zentrum stehen.“
Jährlich bis zu 15 Studienanfänger
Apropos Orchideenfach: Der Beginn des Studiums ist jeweils nur zum Wintersemester möglich. „Jedes Jahr nehmen wir zehn bis 15 Personen für den Bachelor auf, und insgesamt sind es vier Studienjahre, also vier Jahrgänge“, erläutert Bart-Jeroen Kool. In den 80er- und 90er-Jahren war die Resonanz auf die Eurythmie noch deutlich größer – da zählte ein Kurs zwischen 15 und 20 Studierende. Danach sank wieder die Zahl der Studierenden – bis die Alanus-Hochschule in den vergangenen Jahren wieder einen allmählichen Aufschwung verzeichnete. „Das erste Jahr des Aufschwungs war 2024, in dem wir 15 Studierende bei uns hatten, für das kommende Wintersemester haben sich schon 20 beworben“, sagt Bart-Jeroen Kool. Auch wenn nicht sicher ist, dass alle Bewerberinnen und Bewerber das Eurythmie-Studium beginnen, sieht der Studiengangsleiter ein wachsendes Interesse.
Übrigens genießt der Eurythmie-Studiengang einen internationalen Ruf – was sich in den Herkunftsländern der Studierenden widerspiegelt. „Sie kommen aus der ganzen Welt, um hier zu studieren“, sagt Bart-Jeroen Kool. Viele kämen aus Brasilien, Argentinien, aber auch aus Südkorea, China und Japan. Sogar aus dem Iran gebe es aktuell zwei Bewerber. Auch das zeigt: Die Anthroposophie ist weltweit verbreitet – nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Studiengang.