Der „Anzugskandal“ beschäftigt die Skispringer-Welt auch nach sechs Monaten. Das ausgesprochen milde Urteil für Norwegens WM-Betrüger verhinderte Andreas Wellingers nachträgliche Ernennung zum Weltmeister – und lässt im bevorstehenden Olympia-Winter weiter Zweifel mitfliegen.
Das äußerst fragwürdige Urteil im „Anzugskandal“ der Skispringer könnte das internationale Sportrecht langfristig um eine neue Variante von Ermittlungsergebnissen erweitert haben: „ein bisschen schuldig“. Die norwegischen Stars Marius Lindvik und Johann Andre Forfang kamen nach der Manipulation ihrer Sprunganzüge bei der Heim-WM Anfang März in Trondheim mit nicht wirklich schmerzhaften Strafen davon. Beide Skandinavier können nach Ablauf einer gerade einmal dreimonatigen Sperre im November beim Start der neuen Weltcupsaison in Lillehammer in den Olympia-Winter fliegen. Ganz nach dem Motto „War da was?“
„Hatten uns auf Urteil eingestellt“
Beim Deutschen Ski-Verband, der sich in Trondheim aufgrund von Lindviks Titelgewinn von der Normalschanze vor DSV-Adler Andreas Wellinger durchaus auf unrechtmäßige Weise um Gold gebracht fühlen durfte, hat das FIS-Verdikt nur noch wenig Unmut ausgelöst. „Wir hatten“, erklärte Bundestrainer Stefan Horngacher nicht zuletzt mit Blick auf Wellinger, „wir hatten uns bereits auf dieses Urteil eingestellt und werden es so akzeptieren, auch wenn unser gesamtes Team alles gegeben hat, um bei den Weltmeisterschaften maximal erfolgreich sein zu können. Deshalb bleibt im Rückblick ein fader Beigeschmack.“
Leider auch noch mehr: Außer besonders in Leichtathletik und Radsport gehören nunmehr auch bei den „Herren der Lüfte“ Verdacht und Zweifel zu ständigen Begleitern der Aktiven.
Anfang März hatte während der laufenden Titelwettkämpfe in Trondheim ein heimlich aufgenommenes Video zum „Anzugskandal“ geführt. Zu sehen war, wie die Sprunganzüge von Lindvik und Forfang durch Norwegens Trainerteam um den zunächst suspendierten und später geschassten Chefcoach Magnus Brevig mit Nadel und Faden manipuliert wurden. Überprüfungen ergaben, dass an den Anzügen die innen liegenden Nähte mit festem Material verstärkt wurden, wodurch die Steifheit der Anzüge erhöht und damit auch deren Flugfähigkeiten verbessert wurden.
Beide Springer wurden unmittelbar nach dem abschließenden Wettkampf von der Großschanze, in dem Lindvik zunächst Silber gewonnen hatte, disqualifiziert. Alle Springer der WM-Gastgeber bestritten im Anschluss, von den regelwidrigen Machenschaften ihrer Trainer gewusst zu haben. Die Coaches übernahmen denn auch kurz darauf die Verantwortung für die im Verborgenen betriebene „Nähstube“.
Von Lindviks und Forfangs Unschuldsbeteuerungen hielt der mutmaßlich um seinen ersten Einzel-Titel betrogene Pyeongchang-Olympiasieger Wellinger allerdings gar nichts. „Ich kann mir das nur sehr schwer vorstellen“, meinte der Traunsteiner: „Ich weiß aus der Erfahrung aus den letzten zwölf Jahren, in denen ich jetzt dabei bin: Wenn Änderungen am Anzug stattfinden, dann stehe ich da drinnen, und ich merke, dass der anders ist, und frage nach, was da geändert wurde. Die Manipulation der Anzüge ist für mich eine ‚Verarsche‘ aller anderen Springer.“
Umso mehr angesichts der verbalen Verrenkungen des norwegischen Verbandes nach den aufgeflogenen Manipulationen. Denn die Behauptung der WM-Ausrichter, die manipulierten Anzüge seien nur im letzten WM-Wettkampf benutzt worden, wirkte von Anfang an mindestens seltsam, ernsthafterweise sogar geradezu vollkommen unglaubwürdig. Lindvik und seine Kollegen nämlich hatten bis dahin – inklusive des Normalschanzen-Wettbewerbs – eine überaus starke WM gesprungen, sodass ein Anlass für spontane Änderungen überhaupt nicht bestanden haben dürfte – und schon gar nicht ohne Rücksprache mit den Athleten.
Gleichwohl hatte Wellinger frühzeitig Gedanken an eine nachträgliche Ernennung zum WM-Champion hinter den Frust über den Verrat an sportlichen Idealen zurückgestellt. „Selbst wenn ich einmal die goldene Medaille nach Hause geschickt bekommen sollte: Dann war ich nicht bei der Siegerehrung, dann habe ich keine Hymne gehört, die Bilder gibt es nicht, die Emotionen – eigentlich alles, für das wir leben, warum wir den Sport machen. Das kann mir keiner mehr geben.“
Erstaunlich mildes Strafmaß
Solche Eindrücke sammeln konnten hingegen Lindvik als Einzelsieger und zusammen mit Forfang als Teil von Norwegens Mixed-Team – und dürfen sich bis in alle Ewigkeit ungetrübt daran erfreuen. Denn der Abschluss der monatelangen Untersuchung und Auswertung von „38 wichtigen Zeugenaussagen und 88 wichtigen Beweisstücken“ ergab trotz naheliegender Zusammenhänge keine Nachweise für eine Beteiligung der Springer, wie Norwegens eingeschalteter Gewerkschaftsbund im August wissen ließ: „Es wurden keine Umstände entdeckt, die darauf hindeuten, dass unsere Klienten Kenntnis von Umständen hatten, die gegen die Vorschriften verstoßen.“
Vollkommen ungeschoren jedoch mochte die FIS die norwegischen Athleten nicht lassen und konstruierte dafür einen ebenfalls schier abenteuerlich anmutenden Vorwurf: Lindvik und Forfang „hätten mehr wissen müssen“. Der sportjuristische Kunstgriff und die Strafen ohne konkrete Folgen ersparten dem Duo die nachträgliche Disqualifikation und ermöglichten beiden zugleich die ungestörte Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele im Februar durch die regelmäßige Teilnahme an Weltcup-Springen.
Trotz derart viel Milde beim Strafmaß reagierten die gleichen Norweger, die noch im Frühjahr bildlich im Büßergewand um die Schanzen vorzufinden gewesen waren, mit unerklärlicher Arroganz: „Es ist eine gute Nachricht, dass die Untersuchung ergeben hat, dass Forfang und Lindvik nicht wussten, was mit ihren Sprunganzügen passiert ist“, sagte Norwegens Sprungchef Jan Erik Aalbu ohne jeden Anflug von angemessener Demut: „Ich bin daher sehr überrascht, dass überhaupt Anklage erhoben wurde.“
Aalbus Haltung passte zur selbstgerechten Attitüde von Norwegens früherem Vorzeige-Springer Daniel-André Tande. Der Mannschafts-Olympiasieger von 2018 begann praktisch unmittelbar nach Ausbruch des Skandals ein „Blame game“ zur Ablenkung von seinen in Misskredit geratenen Landsleuten: „Das“, sagte Tande zum Verstoß gegen Regeln und Vorschriften, „macht doch jeder.“
Bei Wellinger schürten auch solche Aussagen den Mangel an Bereitschaft zu Kontakten mit den rot-blauen Springern. „Ich habe eigentlich wenig Lust, einem Norweger auf der Schanze zu begegnen“, sagte der populäre Oberbayer in einem TV-Interview.
Immerhin dürfte Wellinger künftig kaum noch einmal durch die „Norweger-Naht“ hintergangen werden. Schon seit den letzten Springen der vergangenen Weltcup-Saison überprüfen FIS-Ausrüstungskontrolleure gemeinsam mit den Athleten jeden Anzug einzeln. Zudem will die FIS mit Stand von Herbstbeginn weiterhin alle Anzüge aufbewahren. Die Textilien können von den Aktiven 30 Minuten vor Training oder Wettkampf abgeholt werden, und nach dem Sprung muss der Anzug innerhalb eines gleichen Zeitfensters wieder zur Kontrolle zurückgebracht werden.
Die Maßnahmen würden laut der FIS „sicherstellen, dass die Ausrüstungskontrolle effizienter ist, da unsere Kontrolleure viel mehr Zeit für die Durchführung von Tests haben werden. Wir hoffen, dass diese Maßnahmen auch ein Beweis dafür sind, dass die FIS diese Angelegenheit so ernst nimmt, wie sie nur sein kann. Wir erwarten die volle Unterstützung der Teams, damit wir das Wichtigste sicherstellen können: einen fairen Wettbewerb.“
Für Horngacher eine alternativlose Positionierung: „Es ist für uns alle nach dem vergangenen Winter wichtig, nach vorne zu schauen. Mit den neuen Regeln haben wir den ersten Schritt dafür getan, unseren Sport wieder glaubwürdiger zu machen.“ Vielleicht fliegt dann auch der Verdacht nicht mehr mit.