Der spielt und spielt und spielt. Georg Grozer ist im deutschen Volleyball längst eine Ikone. Bei der WM will er die Nationalmannschaft zu einer Medaille führen. Seine Tochter hat die Karriere noch vor sich.
Leana Grozer weiß natürlich ganz genau, dass sie schon aufgrund ihres Nachnamens in der deutschen Volleyball-Szene unter ganz genauer Beobachtung steht. Doch das macht ihr nichts aus – im Gegenteil. „Ich bin sehr, sehr stolz auf den Namen“, sagt die 18-Jährige: „Ich versuche, ihn auf meine Art positiv weiter zu präsentieren und den Druck umzuwandeln, Spaß zu haben und Energie aufs Spielfeld zu bringen.“ Mit jener Spielfreude haben schon ihr Großvater Georg Grozer senior und ihr Vater Georg Grozer junior für Furore im Volleyball gesorgt. Der Papa ist mächtig stolz auf seine junge Tochter, die mit dem SSC Palmberg Schwerin kürzlich den deutschen Meistertitel feierte und auch schon erste Länderspiele mit der Frauen-Nationalmannschaft bestritt. „Aber ich habe ihr gesagt, dass sie sich nicht mit mir vergleichen soll“, erzählt Georg Grozer und fügt hinzu: „Sie soll sich ihren eigenen Namen erarbeiten.“ Zumindest einen eigenen Spitznamen hat Leana bereits: Sie wird in der Szene „Bambi“ gerufen, während ihr Vater für alle nur der „Hammerschorsch“ ist. Ein Traum der beiden ist, gemeinsam bei den Olympischen Spielen 2028 am Start zu sein – womöglich wäre dann auch Grozers zweite Frau Helena (36) dabei, die für Tschechien spielt.
Viel Erfahrung und Wucht
Bis dahin ist es aber noch ein sehr weiter Weg, und vor allem Georg Grozers konkrete Zukunftsplanung ist nicht so langfristig angelegt. Der inzwischen 40-Jährige denkt nur von Jahr zu Jahr – oder besser gesagt von Turnier zu Turnier. „Ich sage nie mehr ‚Ende‘. Ich weiß es nicht“, sagt Grozer über sein Karriereende. Doch auch ihm ist bewusst: „Irgendwann muss man die Stafette weitergeben in der Nationalmannschaft.“ Noch ist es aber nicht so weit. Nachdem der Weltklasse-Diagonalangreifer das deutsche Auswahlteam zu Olympia in Paris und dort bis ins Viertelfinale geführt hatte, sagte er auch seine Teilnahme an der WM auf den Philippinen vom 12. bis zum 28. September zu. „Wenn es die Familie mitmacht und die Mannschaft mich mitnimmt“, hatte er eingeschränkt. Doch beides war kein ernsthaftes Hindernis. Grozers Familie ist ebenfalls volleyballverrückt, und seine Nationalmannschafts-Kollegen freuen sich über Grozers Erfahrung und Wucht im Angriff. Zwar hätte der Altstar auch nichts gegen einen freien Spätsommer einzuwenden gehabt, doch so eine Weltmeisterschaft auf der Insel im Westpazifik sei „verlockend“, sagte Grozer. Zumal die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) mit großen Ambitionen nach Südostasien reist. „Mit dieser Truppe“, meint Grozer, „können wir auch da etwas Großes erreichen, wenn wir wie jetzt alles dafür geben.“
Doch die Gruppen-Auslosung dämpfte die Euphorie ein wenig. Das DVV-Team trifft in Gruppe E auf Bulgarien (13. September), Chile (15. September) und Slowenien (17. September). Nur die zwei besten Teams jeder Vorrundengruppe qualifizieren sich für das Achtelfinale. „Slowenien ist bei uns in der Gruppe Favorit. Sie haben in den letzten zehn Jahren gezeigt, was sie können, und stehen in der Weltrangliste vor uns“, sagte Chef-Bundestrainer Christian Dünnes. Doch auch die Bulgaren seien „seit Jahren Weltklasse“ und deutlich höher einzuschätzen als ihr aktueller Weltranglistenplatz. „Wir haben nicht die leichteste Ausgangslage“, sagte Dünnes, „aber wollen die WM mit Vollgas angehen.“
Nicht mehr dabei ist Kapitän Lukas Kampa. Anders als Grozer verkündete er nach Olympia seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft nach 16 Jahren und 242 Länderspielen. „Der Entschluss steht schon länger fest“, sagte der 37-Jährige: „Es hat sich bei mir schon über die letzten ein, zwei Jahre angedeutet. Es gibt körperliche Grenzen und auch meine Familie spielt dabei eine große Rolle.“ Er wolle nun mehr Zeit mit der Familie verbringen und den Weg für einen Neuanfang freimachen. „Es geht mir sehr gut mit der Entscheidung.“ Eine Entscheidung, die auch Grozer in nicht allzu ferner Zukunft treffen muss. Wahrscheinlich wird die WM sein Abschiedsturnier – doch ganz sicher kann man bei ihm nie sein. Denn mit einem endgültigen Abschied hatten viele schon nach Olympia gerechnet.
In Paris zogen die deutschen Volleyballer nach einer bärenstarken Vorrunde gegen Japan, USA und Argentinien ins Viertelfinale ein, wo sie sich nach einer 2:0-Satzführung am Ende doch noch Gastgeber Frankreich auf dramatische Weise geschlagen geben mussten. Dass die Équipe Tricolore später Olympia-Gold holte, tröstet Grozer ganz und gar nicht. „Es ist noch immer schmerzhaft“, sagt er mit einem Jahr Abstand: „Wenn ich daran zurückdenke und an die Tage mit den Jungs, kommen mir öfters die Tränen.“ Er blicke zwar mit Stolz zurück auf die Tage von Paris, „aber es ist noch nicht verdaut. Das wird auch Zeit brauchen.“ Oder eine Medaille bei der WM. Bei dem Bronze-Coup bei der Weltmeisterschaft vor elf Jahren in Polen war Grozer schon dabei gewesen, genauso wie bei EM-Silber 2017. Der Starangreifer läuft seit 2007 für Deutschland auf und gilt als bekanntester Volleyballer hierzulande.
Im Dezember wurde er bereits zum siebten Mal als Volleyballer des Jahres in Deutschland ausgezeichnet. Der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) begann seine Laudatio auf den Routinier in der Pressemitteilung mit den treffenden Worten: „Er ist einfach unverwüstlich.“ Es freue ihn sehr, mit seinem spektakulären Angriffsspiel „die Leute noch immer so begeistern“ zu können, sagt Grozer. Auch mit 40 Jahren versuche er zu beweisen, „dass das Alter nur eine Zahl ist, solange man sich in seinem Körper wohlfühlt und noch Leidenschaft, Feuer, Ziele und Träume hat“. Und das ist bei Georg Grozer der Fall – das bezeugen all seine Weggefährten.
Fast so, als wäre er nie weg gewesen
Das Volleyballfieber brenne „definitiv“ noch in ihm, versichert Grozer: „Und solange ich den Jungs helfen kann – warum nicht?“ Auf Clubebene spielt er seit 2023 in der Türkei für Arkasspor Izmir. Davor hatte er auch schon in Deutschland, Ungarn, Italien, Polen, Shanghai und Russland aufgeschlagen. „Auf der Clubebene bleibe ich so lange, bis mir alles wehtut“, hatte der Routinier bereits angekündigt: „Ich bin so vernarrt und so verliebt in den Sport, ich werde ewig weitermachen – auch wenn es später in der Seniorenliga ist. Volleyball wird immer ein Teil von mir bleiben.“ Zahlreiche nationale Titel konnte Grozer in seiner langen Karriere sammeln, und in der Nationalmannschaft war er mit seiner Klasse fast immer ein Gewinn. Als er für die EM 2023 nach rund zweijähriger Pause ins Nationalteam zurückkehrte, war es fast so, als wäre er nie weg gewesen. Und so war es auch keine große Überraschung, dass er bei der erfolgreichen Olympia-Qualifikation für Paris der überragende Akteur war. Auch für die Außendarstellung ist Grozer fast unverzichtbar. Er ist ein schillernder Typ und mit seiner emotionalen Art ein absoluter Publikumsliebling. Aufgrund seiner enormen Sprung- und Schlagkraft ist er für viele ein Phänomen – zumal er im hohen Sportalter noch richtig gut mit Kollegen und Konkurrenten mithalten kann, die seine Kinder sein könnten.
„Noch bin ich fit, und mein Körper macht alles mit“, sagt Grozer: „Ich genieße jeden Moment, es macht mir Riesenspaß.“ Ihm sei bewusst, dass er nicht mehr jedes Spiel und Turnier mitmachen könne und mehr Pausen brauche als früher. „Aber wo es wichtig ist, oder ich die Jungs mental unterstützen kann, möchte ich das gerne noch weitermachen, weil es so eine coole Truppe ist“, sagt er. Und der Altstar sagt das nicht nur so daher – er meint es wirklich so. Der Zusammenhalt innerhalb der Nationalmannschaft sei „etwas Magisches“, schwärmt Grozer und erklärt: „Wir sind verschieden, aber haben alles gemeinsam gemeistert, jedes Training und die freie Zeit zusammen genossen.“ Dabei sei auch „viel Blödsinn“ herausgekommen – aber das gehöre eben auch dazu. „Für mich ist es meine Familie. Die Jungs waren auch bei meiner Hochzeit dabei, weil sie zur Familie gehören. Wir haben eine tolle Zeit gemeinsam gehabt, und ich hoffe, dass es weitergeht.“
Absolute Volleyballer-Familie
Der gebürtige Budapester hatte einst die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, weil er hier lebte, arbeitete und sich zu Hause fühlte. „Außerdem sind die Bedingungen für eine Nationalmannschaft in Deutschland besser als in Ungarn“, sagte er damals.
Das Talent für seine Sportart wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater Georg senior und dessen Schwester Anna bestritten jeweils rund 90 Länderspiele für Ungarn. Das Volleyball-Gen hat nun wiederum Georg Grozer junior vererbt. „Sie hat sich nie für irgendwelche Puppen interessiert oder anderes Spielzeug. Hauptsache, einen Ball in der Hand“, erzählt er über Tochter Leana. Sie musste ihre Teilnahme bei der WM in Thailand, bei der die deutschen Volleyballerinnen im Achtelfinale an Olympiasieger Italien gescheitert sind, aufgrund einer Verletzung absagen. Davor hatte sie mit dem deutschen Team noch in der Nations League gegen Tschechien gespielt und 3:1 gewonnen. Auf der Gegenseite stand Stiefmutter Helena: Die tschechische Nationalspielerin ist mit Georg Grozer verheiratet.
„Es war ein tolles Erlebnis, gegen meine Stiefmutter zu spielen, und es war bedeutungsvoll, gegen Tschechien zu gewinnen“, sagte Leana. Die Unterlegene nahm es mit Humor: „Sie will immer gewinnen gegen mich. Das muss ich mir jetzt anhören.“ Und Georg? Was sagte er dazu? Er versuchte sich in Diplomatie. „Möge die Bessere gewinnen“, schrieb er vor dem Spiel auf Instagram. Seiner Frau und seiner Tochter gibt er gern Tipps, wenn diese auf ihn zukommen. Das könnte ihn auch schon auf seine Karriere nach der Karriere vorbereiten. „Ich möchte irgendwann den Trainerschein machen“, sagte er. Doch so weit ist es längst noch nicht.