Pragmatisch, aber skeptisch zeigt sich die IG Metall vor Verhandlungen mit dem Zulieferriesen ZF in Saarbrücken. Es gehe um nachhaltige Konzepte und Perspektiven für die Beschäftigten, sagt Gewerkschafter Patrick Selzer.
Die Stimmung in der saarländischen Automobilindustrie ist schlecht. ZF, einem ihrer massiven Grundpfeiler mit 8.500 Angestellten im Land, droht eine Rosskur: Sparmaßnahmen und Personalabbau. Existenzen stehen auf dem Spiel. Klar, dass der Ton zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern rauer wird. Armin Gehl, Geschäftsführer der Autoregion, der saarländischen Autolobby, sieht dies mit Sorge. Ein offener Brief, gerichtet an den Ersten Bevollmächtigten der örtlichen IG Metall, Patrick Selzer, sollte dies zum Ausdruck bringen. Drohkulissen würden den Standort schwächen, heißt es darin, man habe eine Werkschließung gezielt als Schreckgespenst aufgebaut. Die IG Metall weist dies von sich, sie kämpft derzeit um Saarbrücker Arbeitsplätze.
Dieselaffäre und eine Pandemie
Denn ZF will beides, hochmoderne Verbrennergetriebe und Elektroantriebe, bauen. Die Nachfrage war bislang hoch. Also baute man Arbeitskräfte auf, mehr als 100.000, so die Erfordernisse des Marktes. Folglich müssen laut Armin Gehl bei Schwierigkeiten am Markt, wie derzeit, auch welche abgebaut werden. Die Gewerkschaften sollten daher ehrlich gegenüber den Mitgliedern sein: Der Wandel von einem Antrieb zum anderen brauche mehr Zeit. „12 Jahre für einen Antriebswechsel sind zu kurz gesprungen“, sagt Gehl, selbst Besitzer eines Elektroautos, und stößt damit wenig überraschend ins selbe Horn wie der Verband der deutschen Automobilindustrie. China, das sein Verbrenner-Aus für 2050 terminiert hat, sei da realistischer. Die Ausgangsposition ist dort jedoch eine andere: China überspringt in seiner nationalen Industrie die Verbrennerentwicklung, „weil sie die Spitzenleistung deutscher Ingenieure nicht kopieren können“, ist Gehl überzeugt.
„Wir brauchen einen realistischen Fahrplan für den Wandel in der Automobilindustrie. Die Existenz der Betriebe und die der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer muss dabei gewährleistet sein. Der Fahrplan jetzt ist sportlich, investitionsintensiv und stellt uns vor enorme Herausforderungen“, sagt der saarländische Gewerkschafter Patrick Selzer. Die IG Metall hatte sich zu Beginn zur Technologieoffenheit bekannt. „Jedoch müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass durch die Gesetzgebung und die Entscheidung der Automobilkonzerne die Entscheidung in Richtung Elektromobilität gefallen ist.“ Vor diesem Hintergrund seien aktuelle Äußerungen zur Technologieoffenheit lediglich „Augenwischerei, verdrehen die Realität und suggerieren den betroffenen Beschäftigten und der Öffentlichkeit nur, dass ein Zurückdrehen ausreicht, und die Welt wäre wieder in Ordnung“, so Selzer. „Dies ist leider falsch.“ Der IG Metall gehe es um die Menschen und deren Zukunftsperspektive. „Sich die Situation schönzureden, bis die bittere Wahrheit unvermeidlich eintritt und Arbeitsplätze endgültig verloren sind, gehört für die IG Metall nicht dazu.“ Welche Technologie sich im Wettbewerb und der Forschung in den nächsten zwei Jahrzehnten durchsetze, sei ja mittlerweile klar: die Elektromobilität. Und weil Wasserstoff in seiner Effizienz in einem Autoantrieb „zu energie- und kostenintensiv ist, wird es für die Unternehmen kommerziell nicht attraktiv sein“, so Selzer.
ZF setzte auf E-Moblität. 2019, nach der Dieselgate-Affäre, war der Lack am Verbrenner ab – und die Pobleme des ZF-Konzerns traten deutlich hervor. Die Pandemie mit ihren fortwährenden Lieferkettenproblemen tat ihr Übriges. Von ZF abhängige Zulieferer wie Voit Automotive in St. Ingbert riss der Friedrichshafener Konzern gleich mit. Voit handelte daraufhin mit dem Betriebsrat und den Mitarbeitern einen Zukunftstarifvertrag aus, mit dessen Hilfe das Unternehmen in Summe fünf Millionen Euro einsparen und damit die geplanten 22 Millionen Euro Investitionen in neue Produkte aus dem Elektro- und Hybridbereich ermöglichen wollte. Seit Anfang dieses Jahres ist klar: Voit ist insolvent. Von damals 900 Mitarbeitern sind noch 700 übrig, 133 wechselten zu einer Transfergesellschaft. Ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie eng miteinander verwoben Unternehmen heute sind und wie hart die Weltkonjunktur in solchen Fällen zuschlagen kann.
2021 besserte sich die Auftragslage bei ZF, Mitarbeiter wurden eingestellt, strategische Investitionen wie Zukäufe sollten den Konzern zukunftsfest aufstellen. „Bezüglich der Finanzierung rechnete man aber zu euphorisch mit der Zukunft und zu wenig Puffern“, sagt Selzer. Gespart und optimiert wurde schon immer, aber in den vergangenen beiden Jahren überwiegend an den falschen Stellen, wie Selzer findet. Unternehmen müssen sich fraglos an die wirtschaftliche Lage anpassen. Dies sei der Gewerkschaft bewusst, sagt Selzer, auch dass Elektroantriebe weniger Arbeitskräfte benötigen. Die Ausbildung sollte verringert und die natürliche Fluktuation von Arbeitnehmern genutzt werden, um sukzessive die Zahl der Arbeitskräfte zu verringern. Insgesamt aber reduziere ZF die Arbeitskräfte nicht, so der Vorwurf der Gewerkschaft. „ZF plant den Abbau von Tausenden Stellen in Saarbrücken, die an anderer Stelle, möglicherweise in Ungarn, wieder aufgebaut werden sollen“, erklärt Patrick Selzer.
Denn: Ungarn lockt mit finanziellen Versprechungen. Steuerliche Anreizmodelle, niedrige Arbeitskosten und niedrige Energiekosten – solange Russland Gas liefert – gelten als Magnet für Zulieferer und Autohersteller. Diese Fachkräfte aber zu finden und anzulernen sei nicht einfach, die Qualität der Produktion in Effizienz und Know-how sei oft nicht mit der in Deutschland vergleichbar, so Selzer. Investitionen in neue Werke und Fachkräfte sieht er in der finanziellen Situation, in der sich ZF mit seinem hohen Schuldenstand befindet, als kaum plausibel an. „Wir dürfen nicht unterschätzen, wie wertvoll gute Fachkräfte sind, die mit Maschinen und Werkzeugen umgehen und somit qualitativ gute Produkte herstellen können.“
Bittere Erfahrungen
Klar ist für die Gewerkschaft auch: Der Konzern braucht Geld, gerne auch von außen. Ein externer Investor könnte vor allem auf die Marke ZF und die dahinterstehende Technikexpertise setzen: Verbrennertechnologie, die auch in den kommenden Jahrzehnten weiterhin gefragt sein werde, nur vielleicht in anderen Erdteilen als in Europa. In der Zulieferindustrie aber zählt nur eines, der Produktpreis. Ob ein externer Investor dann bereit sei, in Deutschland mit hohen Energiepreisen oder Zollbeschränkungen zu produzieren, wenn laut EU hier ab 2035 keine neuen Verbrenner mehr zugelassen werden sollen, sei fraglich. ZF habe gute Technologien, auch im Bereich der Elektromobilität, und sei nicht perspektivlos für die Zukunft des Konzerns in Deutschland, glaubt Selzer. Auch hier zähle der Preis. Aber: „Ich sehe derzeit kein Modell, das einen Investor nachhaltig für den Erhalt der Beschäftigung einbinden könnte. Das heißt nicht, dass wir strikt dagegen sind, einen gleichberechtigten externen Investor mit einem belastbaren Zukunftskonzept und Perspektiven für die Beschäftigten zu erarbeiten“, sagt der Gewerkschafter. ZF brauche Geld für Zukunftsinvestitionen, keine Frage. „Die Chipfabrik in Ensdorf wäre ein solches Beispiel zweier Partner mit Perspektiven gewesen, kommt aber nun leider nicht zustande.“ Selzer verbindet nun mit den laufenden Gesprächen mit ZF die Hoffnung, zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln, eine deutliche Perspektive für die deutschen Standorte, insbesondere für das Werk in Saarbrücken. Im Augenblick sieht er die Konzernpläne jedoch skeptisch. Es bestehe kein „Blick für das Praxisnahe, Sinnvolle vor Ort“. „Eine Schließung wurde nie thematisiert. Aber die strategische Planung von ZF gefährdet aus unserer Sicht aktuelle und zukünftige Produkte, die für den Standort relevant sein könnten. Das stabilisiert weder den Konzern noch den Standort.“
Aus den Erfahrungen in der saarländischen Automobilzulieferindustrie der vergangenen Jahrzehnte reagiert die IG Metall daher alarmiert: ABB und Halberg Guss seien zwei Beispiele von Unternehmen, die nach und nach vom Markt verschwanden. So etwas soll mit dem ZF-Werk auf der Goldenen Bremm nicht geschehen, geht es nach Selzer.
Dabei besitzt ZF durchaus gute Argumente für eine vielversprechende Zukunft in der Elektromobilität. Zum Beispiel die E-Antriebsplattform „Select“, die einige Erwartungen weckt und im Juni in Zweibrücken vorgestellt wurde. „Select“ besteht aus den Komponenten E-Motor, Inverter, Konverter, Reduziergetriebe sowie Software und soll variantenreiche Systemlösungen ermöglichen. Durch die Integration böten sich Vorteile bei Bauraum, Gewicht und Kosten, so ZF.
Zum Thema dieses Textes wollte sich ZF gegenüber FORUM nicht äußern. Man warte die Gespräche mit der Arbeitnehmerschaft ab, an denen auch Patrick Selzer beteiligt ist. Eine Zukunft für die Automobilindustrie im Land böte sich gerade wegen der E-Mobilität: Autoregion-Geschäftsführer Armin Gehl fordert seit Langem unermüdlich einen Hochlauf der Entsorgungswirtschaft für Automobile. Die Voraussetzungen dafür seien längst geschaffen, um einen Recycling-Kreislauf für Batterien im Saarland zu schaffen. Allein, es fehle noch der politische Wille dafür, so Gehl. Den ZF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern hilft dies akut nicht. Das Ringen um ihre Zukunft hat erst begonnen.