Seit Jahren streiten Wissenschaftler, Lehrergewerkschaften und Schulpolitiker über die Einschränkung von Smartphones an den Schulen. Nun kümmert sich eine Expertenkommission der Bundesregierung um den digitalen Kinder- und Jugendschutz.
Dorothee K. ist seit fast 30 Jahren Lehrerin an einem Gymnasium im gutbürgerlichen Berliner Bezirk Zehlendorf. Ihre Schule ist definitiv keine Brennpunktschule, trotzdem wird es für die 55-Jährige immer schwieriger, mit ihrem Unterrichtsstoff durchzukommen. „Einen Teil meiner Schulstunde verbringe ich damit, die Schüler und Schülerinnen zu ermahnen, das Smartphone in die Schultasche zu packen. Gerade in den letzten zehn Jahren sind die Schüler erheblich unkonzentrierter, folgen dem Unterricht nur in Teilen.“ Dorothee K. hat versucht, an ihrem Gymnasium ein Smartphoneverbot im Schulgebäude durchzusetzen, ist aber gescheitert. Zumindest müssen die Schüler jetzt im Unterricht den Klingelton ausschalten.
Vorwurf der Technikfeindlichkeit
„Im Kollegium haben sich viele meiner Forderung angeschlossen, aber schlussendlich sind wir an der Eltern- und Schülervertretung gescheitert. Mir wurde als Initiatorin des Vorhabens Technikfeindlichkeit vorgeworfen.“ Unterschwellig wurde ihr dann noch bedeutet, dass sie für modernen Digitalunterricht einfach zu alt sei, sagt Dorothee K. „Das ist Blödsinn, aber es macht keinen Sinn, wenn bei mir im Deutschunterricht die Schüler ständig mit ihrem Smartphone zu Gange sind und keiner richtig zuhört.“
Die Gemengelage im Streit um ein Smartphoneverbot an Schulen ist vielschichtig, die Argumente für und wider sind in Teilen manchmal sogar gut nachvollziehbar. Die heutigen Kinder und Jugendlichen sind in einer digitalen Welt großgeworden, auf ihrem Smartphone ist alles, was wichtig ist für ihren Alltag.
Gegner eines Smartphoneverbots aus Politik und Wissenschaft betonen, dass sich die Welt grundlegend verändert hat, nun müssen auch die Schulen endlich digitaler werden. Und dazu gehöre nun mal auch das Smartphone. Befürworter halten dagegen, erstmal sollen die Kinder richtig lesen, schreiben und rechnen lernen, und dazu gehört nun mal der analoge Unterricht. Mit Google und ChatGPT allein komme man nicht durchs Leben.
In Bayern gilt mittlerweile an den Grundschulen, wie auch im Saarland und in Hessen an allen Schulen, ein generelles Handyverbot. In einigen Bundesländern überlassen die zuständigen Ministerien dies den Schulen. Auch auf der Kultusministerkonferenz hat man sich bislang nicht auf einen einheitlichen Weg einigen können, zu unterschiedlich sind die Positionen der Bildungsminister der Länder.
„Es geht auch ohne Smartphone“
Nun hat Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) Anfang September eine 16-köpfige Expertenkommission zum digitalen Schutz von Kindern und Jugendlichen ins Leben gerufen. In den kommenden zwölf Monaten soll diese Empfehlungen für die Bundesregierung erarbeiten. Es geht vor allem darum, wie Kinder und Jugendliche vor den vielfältigen Gefahren im digitalen Raum, wie etwa Cybermobbing, sexuelle Gewalt, Missbrauch oder Betrug geschützt werden können. Aber auch eine Empfehlung für Eltern, ab wann ein Kind überhaupt ein Smartphone besitzen und wie man damit umgehen sollte, wird Thema in der Expertenkommission sein.
Karin Prien, selbst Mutter von drei Kindern, hat zumindest zu einem Smartphoneverbot an Schulen auch noch keine abschließende Meinung. „Ich habe als Landesministerin Digitalisierung und Informatik in Schleswig-Holstein als Pflichtfach eingeführt. Da bin ich sehr sicher, dass wir das brauchen, aber das geht auch ohne eigenes Smartphone in der Schule“, so Prien gegenüber FORUM.
Nun soll erstmal die Expertenkommission ihre Empfehlungen erarbeiten. Ob daraus dann sofort ein Gesetz wird, lässt die Bundesbildungsministerin offen. Ein Bundesgesetz hilft hier auch nicht weiter, Bildung ist nun mal Ländersache.