Theaterkritik
„Zu Risiken fragen Sie Ihre Nebenwirkungen“
Es ist ein Abend Anfang September, und mit Blick auf die Bühne des Kabarett-Theaters im Keller des Europazentrums in der Nähe der Gedächtniskirche entsteht der Eindruck: Die beiden Frauen und der Mann auf dieser Bühne arbeiten konzentrierter und effektiver als diejenigen, die sie darstellen. An diesem Abend proben Heike Ostendorp, Santina Maria Schrader und Robert F. Martin noch fürs neue Stück der „Stachelschweine“. Es zeigt sich, dass gute Kabarettistinnen und Kabarettisten nicht nur textsicher sein müssen, sondern sich auch in sekundengenau bemessenen Pausen umziehen und die Bühnendekoration in die passende Position bringen müssen.
„Zu Risiken fragen Sie Ihre Nebenwirkungen – Wie Friedrich Merz das Land rettete“ heißt das Programm, das Theaterleiter Frank Lüdecke zusammen mit Sören Sieg geschrieben hat. Den beiden ist ein Stück gelungen, das neben politischen Spitzen – etwa gegen den Außenminister, also den Dings, wie heißt der noch mal, also der Dings, ist ja auch egal – sehr philosophisch, teilweise geradezu poetisch ist. Es geht nämlich nicht nur um schnöde Politik, es geht um die uralte Sehnsucht nach Unsterblichkeit.
Ist es wirklich so erstrebenswert, unsterblich zu sein? Wann gehen Unsterbliche in Rente? Ist das Wohnungsproblem nicht mit all den Sterblichen schon groß genug? Und wer sollte eigentlich die von zwei Berliner Forscherinnen entwickelte Ewigkeitspille bekommen, wenn es nur eine Handvoll davon gibt? Es sind Fragen, die über einen Kabarettabend hinausgehen. Etwas für zu Hause oder lange U-Bahnfahrten sozusagen. Im Theater bleiben die schnellen Lacher zurück über die Komik, mit der Robert F. Martin unter der Regie von Marcus Kaloff Friedrich Merz parodiert, oder Santina Maria Schrader Franziska Giffey viel reden, aber nichts sagen lässt.
Inzwischen ist die Probephase abgeschlossen und die Stachelschweine spielen im 76. Jahr ihres Bestehens ein fertiges Stück, das zu den großen in der beeindruckenden Geschichte dieser Berliner Institution gehört.
Karten und Informationen unter: www.diestachelschweine.de
Kulturverführung vom 12. September 2025
Theater: Theater kann Wettbewerb sein – jedenfalls dann, wenn die professionellen Schauspielerinnen, Schauspieler und Musiker von „Theatersport Berlin“ auf der Bühne stehen. Das tun sie am Mittwoch, 24. September, ab 19.30 Uhr in der „Ballhaus Show“ in Wedding. Die Gruppe, die sich mit ihren Schauspielermannschaften Spartak Stanislawski und Dynamo Duse einem erbitterten Wettkampf um die Gunst des Publikums stellt, wurde 1995 als erstes Berliner Improvisationstheater gegründet. Ballhaus Wedding, Wriezener Straße 6, 13359 Berlin, Karten und Informationen: www.ballhauswedding.de
Ausstellung: Kunst kann zweideutig sein – zumindest die von Alex Lebus. Mit „Holy Shit oder das stille Örtchen“ verwandelt er die Kunstbrücke am Wildenbruch bis zum 31. Oktober in einen atmosphärisch dichten Parcours, in dem sich Sakrales und Profanes, Körperliches und Geistiges in einem vielschichtigen Dialog begegnen. Ausgangspunkt ist die Geschichte des Ortes als ehemaliges Toilettenhäuschen – ein „stiller Ort“, „geprägt von Intimität, Verletzlichkeit und dem Akt des Loslassens“, wie der Künstler erklärt. In thematisch gefassten Räumen – vom Mutter- bis zum Blutraum – entfaltet sich eine Dramaturgie, die zwischen Befleckung und Reinigung, Verborgenem und Offenbartem wechselt. Christliche Ikonografien bilden einen wiederkehrenden Bezugspunkt: Mariendarstellungen, das Motiv der Maria Magdalena oder die Taube als Symbol des Heiligen Geistes werden aus ihrem vertrauten Kontext gelöst und in einen Raum zwischen Andacht und kritischer Brechung geführt. „Holy Shit oder das stille Örtchen“ versteht das Sakrale nicht als festgeschriebenes Glaubenssystem, sondern erweitert es im Sinne eines Realitätsabgleichs um wesentliche Faktoren. Die Ausstellung lädt dazu ein, Glaube, Körper und Öffentlichkeit neu zueinander ins Verhältnis zu setzen – poetisch, konfrontativ und vieldeutig zugleich. Kunstbrücke am Wildenbruch, Weigandufer, Ecke Wildenbruchbrücke, 12045 Berlin, Informationen: www.kunstbruecke-am-wildenbruch.de
Lesung: Milan ist ein ganz normaler Junge aus Versailles. Bis zu dem Tag, an dem Claude auftaucht, ein Verwandter seiner Mutter aus Ruanda. Als Claude wieder verschwindet, lässt Milan die Erinnerung an den kleinen „Bruder“ nicht mehr los. Warum hat die Mutter ihn nie erwähnt, warum kennt Milan Ruanda nur aus den Abendnachrichten? Diese Fragen stellt Gaël Faye in seinem aktuellen Roman „Jacaranda“. Der Autor und Sänger liest am 26. September in Berlin daraus. Sein bisher zweiter Roman „Jacaranda“ wurde im vorigen Jahr mit dem französischen Literaturpreis Prix Renaudot ausgezeichnet und stand auf Platz eins der Bestsellerliste in Frankreich. Buchhandlung Uslar & Rai, Schönhauser Allee 43, 10435 Berlin, Karten und Informationen: uslarundrai.de Martin Rolshausen