Bis September kommenden Jahres zeigt die Berliner Helmut-Newton-Stiftung im Fotografiemuseum an der Riviera entstandene Werke des Star-Fotografen.
Die fünf Frauen in Schwarz wirken, als wollten sie den Betrachter abholen. Ihn mit hinausnehmen über den Steg ins Meer, in die Unendlichkeit, die hinter ihnen anbrandet. Man kann viel hineininterpretieren in dieses Foto, das im Museum für Fotografie eine ganze Wand einnimmt. Helmut Newton hat es gemacht. Es ist ein Foto aus der letzten Serie, die der Kult-Fotograf geschossen hat, erklärt Matthias Harder – für die italienische „Vogue“. Kurze Zeit später ist Helmut Newton gestorben. Für Harder, der in Berlin dessen Andenken wahrt, wirken die Frauen auf dem Foto „wie Trauernde“, so als hätte der Tod schon neben Newton gestanden, als er dieses Foto machte.
Newton zog nach Monte Carlo
Helmut Newton, 1920 in Berlin geboren, ist im Januar 2004 in Los Angeles gestorben. Im Jahr davor hat er eine Stiftung gegründet, deren Leiter Matthias Harder ist. Das Foto mit den fünf Frauen in Schwarz ist an der Riviera entstanden. Es ist Teil der in diesen Tagen eröffneten „Newton, Riviera“-Ausstellung im Fotografiemuseum direkt hinter dem Bahnhof Zoo.
Im Sommer 2022 kuratierte Stiftungsdirektor Matthias Harder gemeinsam mit Guillaume de Sardes für die historische Villa Sauber in Monte Carlo diese Einzelausstellung. Erstmals wurde damit auch dieser späte Wohnort der Newtons und die gesamte Region, in der so viele ikonische Fotografien Helmut Newtons entstanden sind, intensiver beleuchtet. Ein Ausschnitt aus jener Ausstellung wird nun in der Berliner Stiftung präsentiert. Harder sieht es als Fortsetzung der „Auseinandersetzung mit den für den Fotografen wichtigen Orten und Lebensmittelpunkten“.
„Zum Jahreswechsel 1981/82 zog Helmut Newton mit seiner Frau June von Paris nach Monte Carlo und verlagerte dadurch nicht nur seinen Lebensmittelpunkt an die französische Mittelmeerküste, sondern wechselte auch die Blickwinkel und Bildhintergründe seiner Auftragsarbeiten radikal. Seit dieser Zeit war es nicht mehr der lässige oder elegante Pariser Chic, sondern die eher mondäne Gesellschaft, die er immer wieder kontrastiert durch die zahlreichen Betonwände der Baustellen in Monaco als Hintergrundmotiv fotografierte“, erklärt Harder. Auch die schlichte Garage seines Apartmenthauses habe häufig als Bühne für seine „so überraschenden wie raffinierten Modeinszenierungen“ für Zeitschriften und Designer gedient.
Newtons Begeisterung für die französische Riviera habe allerdings schon viel länger bestanden. „Bereits 1964 kauften sich June und Helmut ein kleines Steinhaus in der Nähe von Ramatuelle, unweit von Saint-Tropez, wo beide seitdem nicht nur die Sommerferien verbrachten, sondern auch künstlerisch höchst aktiv waren; davon zeugen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die für die amerikanische ‚Vogue‘ entstanden, ebenso wie Farbbilder für den Pentax-Kalender“, erzählt der Kurator. Die Ausstellung vereint eine große Zahl von frühen, teils einmaligen Abzügen, sogenannte „Vintage“- oder „Lifetime-Prints“.
Helmut Newton, sagt Harder, habe wenig eigene Projekte umgesetzt. „Er war ein Auftragsfotograf“, dem aber alle großen Magazine der Welt in der Regel freie Hand ließen. Wobei Newton die Genregrenzen überschritten und vermischt hat. Viele seiner Werke aus dieser Zeit seien eine „Mischung aus Filmwelt und Mode, auch aus Mode und Akt“, erklärt Hader. Auch Cannes und Nizza waren in den 1980er- und 90er-Jahren beliebte Orte für die ungewöhnlichen Modeshootings von Helmut Newton; später zog es ihn an andere Orte der Riviera, etwa nach Cap d’Antibes, Saint-Jean-Cap-Ferrat, Menton oder über die Grenze ins italienische Bordighera. Überall entstanden Fotografien seiner drei Hauptgenres Mode, Porträt und Akt, und fast immer spielt das intensive Licht eine zentrale Rolle.
Doch auch nachts fotografierte er gelegentlich vom Balkon seines Apartmenthauses in Monaco auf das ruhige, dunkle Meer. Vergleichbar melancholische Landschaftsaufnahmen entstanden in Berlin-Mitte der 1990er-Jahre und mündeten schließlich in eine seiner letzten Galerie-Ausstellungen unter dem Titel „Sex and Landscapes“ 2001 in der Züricher Galerie de Pury & Luxembourg, mit der im Juni 2004 posthum auch seine Berliner Stiftung eröffnet wurde. „Mit der Präsentation dieser großformatigen Originalprints schließt sich gut 20 Jahre später erneut ein Kreis“, sagt Harder.
Zweite Ausstellung zeigt Fotos aus Wiener Sammlung
Parallel zur Riviera-Ausstellung hat das Museum in Zusammenarbeit mit der Collection Fotografis aus dem Bank Austria Kunstforum Wien eine „Dialogues“-Ausstellung konzipiert. In ihr werden rund 60 Diptychen aus der Wiener Sammlung präsentiert. „Ausgewählte Fotografien der hochkarätigen historischen Sammlung treten in einen spannungsvollen Dialog mit Aufnahmen von Helmut Newton aus dem hauseigenen Stiftungsarchiv. Mal ist es eine formale, mal eine inhaltliche Nähe zwischen den beiden, einander gegenübergestellten Fotografien; gelegentlich mag die jeweilige Kombination auf den ersten Blick sogar willkürlich oder amüsant erscheinen – und doch kann auf diese Weise ein noch größerer Imaginationsraum in der Rezeption entstehen“, heißt es dazu.
Das Miteinander oder auch mal Gegeneinander ikonischer und teilweise unbekannter Aufnahmen lasse erkennen, dass sich auch Helmut Newton gelegentlich in seinem Werk inspirieren ließ. „Und doch entstanden und entstehen verblüffend ähnliche Bildfindungen in der internationalen Fotografie auch gänzlich unabhängig voneinander, teilweise sogar viele Jahrzehnte später.“
„Dialogues“ wurde unter anderem inspiriert durch den Dialog-Newsletter der Collezione Ettore Molinario, der regelmäßig zwei Fotografien aus der Mailänder Sammlung als Bildpaar vorstellt. Aber auch Helmut und June Newton (alias Alice Springs) selbst hatten bereits Ende der 1990er-Jahre mit ihrem gemeinsamen Projekt „Us and Them“ mit einer Präsentation in Diptychen überrascht: jeweils eine Porträtaufnahme der gleichen, meist berühmten Person, aufgenommen von Helmut Newton und Alice Springs, zeigte die Dargestellten auf eine jeweils völlig unterschiedliche Weise – einfühlsam oder inszeniert, als private oder öffentliche Figur, und zwar unmittelbar nebeneinander.
Die neue, experimentelle Ausstellung in der Helmut-Newton-Foundation zeigt unterschiedliche Facetten des Menschlichen und der Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens eines ganzen Jahrhunderts als Gegenüberstellung von Newtons Fotografien mit einem „Partner-Motiv“ von Diane Arbus, Alfred Stieglitz, Margaret Bourke-White, Elliott Erwitt, Florence Henri, Duane Michals, Paul Strand, Man Ray, August Sander, Judy Dater, Otto Steinert und vielen anderen berühmten Namen der Fotografiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.
Zurück an die Riviera: In nahezu allen seinen Ausstellungen und Publikationen tauchen Newtons Riviera-Fotografien auf, beginnend im Jahr 1976 mit „White Women“ und endend mit „Yellow Press“ im Jahr 2003. „Die Küste fungierte in den unterschiedlichsten Aspekten als Hintergrundfolie von Newtons Fotografie, mal spektakulär, mal sehr subtil eingesetzt“, erklärt Harder. Auch sein allerletztes Shooting, eben jene Modestrecke, die er für die italienische „Vogue“ anfertigte, fand an der Küste von Monaco statt.