Es ist passiert: Yungblud zappelt nicht mehr so viel und zeigt sich fokussiert – und schon schüttelt er sein bislang wohl bestes und stringentestes Werk aus dem Ärmel. Der 28-jährige Brite ist schon über zehn Jahre im Geschäft und zeigt sich auf der Bühne immer wieder als hyperaktiver Springinsfeld. Mit „Idols“ legt er nun sein viertes Album vor, an dem er nach eigener Aussage mehr als vier Jahre gearbeitet hat. Eine Arbeit, mit der er vor allem seinen großen britischen musikalischen Vorbildern huldigt, dabei aber unberechenbar bleibt.
„Idols“ startet mit einer starken Wahl als Opener – dem mehr als neun Minuten langen „Hello Heaven, Hello“ – und die quasi drei Songs in einem vergehen wie im Nu. „Idols, Pt. I“ kommt im Anschluss angenehm zurückhaltend und besonnen daher. Der balladeske Song geht nahtlos über in „Lovesick Lullaby“, ein Lied, wie es wohl nur englische Poprocker hinbekommen: zwischen Shoegaze, Blurs kreativer Hochphase und Stadionhymne.
Der „Liebesbrief an Selbst-Zurückerlangung, Rockmusik und das Leben in all seiner beschissenen Verrücktheit“ von Dominic Harrison – so Yungbluds bürgerlicher Name – geht spannend weiter mit „Zombie“. Nicht nur der Name scheint dem Klassiker der Cranberries entliehen, sondern auch das Gitarrengewitter zu Beginn. Doch mit den eingestreuten Streichern bleibt der Sänger und Multiinstrumentalist seinem Stil treu, den Besten über die Schulter zu schauen, um selbst Großes abzuliefern. Hier eine Prise The Cure („Monday Murder“), dort ein Esslöffel U2 („Ghosts“) und immer wieder Classic-Rock-Radio-Bits (Rest des Albums).
Yungblud lebt auf „Idols“ die Gleichzeitigkeit wie sonst nur selten gerade jemand in der mittleren Rockoberklasse. Die zwölf Songs sind gleichzeitig eine unterhaltsame Verbeugung vor den großen, vor allem englischen Stadionrockern, wie sie auch den Zeitgeist genau einfangen und ihm einen Weg zeigen, sattelfest in die Zukunft zu blicken. Ganz ehrlich: Es tut sehr gut, in der so oft stromlinienförmigen Musikwelt jemanden zu beobachten, wie er sich als Rockstar geriert – ganz ohne und gleichzeitig mit enorm viel Schnörkel.