Der Schriftstellerin Ulrike Kolb wurde in diesem Jahr der Saarländische Kunstpreis verliehen. Aus diesem Anlass besuchte die 83-jährige Autorin, die in Berlin lebt, ihre Heimat. Der St. Ingberter Conte-Verlag legt ihren Roman „Schönes Leben“ in einer Neuausgabe vor.
Frau Kolb, in „Schönes Leben“ heißt es: „Max wollte Lebensgeschichten sammeln und zu Papier bringen. Er entdeckte, dass ihm das Geschichtenschreiben Vergnügen bereitete.“ Lässt sich das ebenso über die Schriftstellerin Ulrike Kolb sagen?
Ja, (lacht) das lässt sich sagen! Eigentlich wollte ich das Filmemachen lernen. Ich gehe sehr vom Bildlichen aus. Ich habe bei Oskar Holweck in Saarbrücken Kunst studiert. Ich hatte als Vorbild Chagall. Bei Holweck gab es aber nur Schwarz und Weiß. Das wollte ich nicht, da habe ich aufgehört. Ich habe Chagall sehr geliebt. Seine Bilder habe ich in Paris gesehen, wir wohnten ja im Saarland, und ich durfte dorthin und ins Museum immer mit. Ich habe in einem pietistischen Internat Abitur gemacht und eine Abschlussarbeit über Chagall geschrieben und erstmals etwas vom Judentum gehört.
War das gleichzeitig der Beginn Ihres Schreibens?
Nein, das Schreiben hatte ich zunächst gar nicht vor. Ich war in der Achtundsechziger-Bewegung aktiv. Wir haben das alternative Leben propagiert und in Wohngemeinschaften gewohnt. Es hieß: Wir tragen unsere Ideen in die Institutionen. Ich habe in einem öffentlichen Kindergarten gearbeitet – wir haben durchgesetzt, dass nicht mehr geschlagen wurde. Später habe ich an einer Fachschule gearbeitet, an der Erzieher ausgebildet wurden – und Erzieherinnen, wie man heute sagt (lacht). Irgendwann habe ich die Möglichkeit gehabt, etwas zu schreiben, das war eher Zufall. Vom „Pflasterstrand“, einem linksliberalen Blatt in Frankfurt, das unter anderem von Daniel Cohn-Bendit (deutsch-französischer Publizist und Politiker von Bündnis 90/Die Grünen. Im Mai 1968 wurde er prominenter Sprecher der Studenten in Paris; Anm. d. Red.) herausgegeben wurde, bin ich nach Israel geschickt worden, um über einen Kibbuz zu schreiben. Das war mein erster Text, den ich geschrieben habe.
Das war journalistisches Schreiben …
Ja, genau, meine ersten Texte waren journalistische, aber dann habe ich festgestellt, dass ich lieber Geschichten schrei-
ben wollte als journalistische Texte.
Sie sind in Saarbrücken als Tochter des Fenner Süßwarenfabrikanten Erich Kolb geboren. Ein Spielort des Romans ist eine Marmeladenfabrik. Wie viel Ulrike steckt in dem Mädchen Lily, das die Tochter des Fabrikanten Robert Aschen ist?
Sehr viel. Das war auch der Antrieb. Fenne war für mich eine sehr, sehr schöne Zeit. Daran habe ich immer wieder als Erwachsene gedacht, und je älter ich werde, desto öfter geht meine Fantasie dahin zurück.
Erfährt man Weiteres darüber und über Ihr Leben in der Zeit der Achtundsechziger in „Erinnerung so nah“, das sie 2021 publiziert haben?
Ja, auch über die Kritik an den Achtundsechzigern, an der RAF und auch darüber, wie ich mich in meiner Zeit in Israel im Kibbuz verliebt habe und das verunmöglicht wurde, weil seine Eltern diese Liebe mit einer Deutschen nicht wollten.
Der Leser lernt ein großes Personentableau kennen in der Zeit nach dem Weltkrieg, 1949, in einem Gebiet, das damals französisches Protektorat war und als „La Sarre“ bezeichnet wurde. Wie bedeutsam sind historische Zeitebene und Region für den Roman?
Sehr bedeutsam, denn das war auch bei uns in der Familie immer Thema. Mein Vater war gegen den Anschluss an Deutschland. Er hat später nicht nur Marmelade produziert, sondern auch Nougat und Marzipan. Die hochwertigen Confiserien verkaufte er nach Frankreich. Er wusste, wenn wir zu Deutschland gehörten, würde Zoll erhoben werden. Mein Vater liebte Frankreich. Ich auch. Ich habe am 14. Juli Geburtstag, dann hatte ich schulfrei, und als ich älter war, sind wir immer nach Frankreich gefahren. Ach, war das schön!
Wie sind Sie auf den Titel „Schönes Leben“ gekommen? Benennt der Titel das Abwesende?
Nein, beides. Für mich war das ein herrliches Leben auf dem Fabrikhof, aber für andere war das ein schweres Leben. Es waren Menschen aus dem KZ und auch Zwangsarbeiter da, Menschen, die von ihren Familien getrennt waren, aber Angst hatten, unter Stalin in ihre Heimat zurückzukehren.
Das Erschreckende ist, dass Ungeheuerlichkeiten wie selbstverständlich eingeflochten sind, beispielsweise im scheinbar schlichten Satz: „Der kinderfreundliche Arzt bohrte in Gegenwart der Tante dem Mädchen seinen Finger in die Scheide.“ Denken Sie, dass die Gesellschaft nach dem Krieg eine brutalere war?
Nein! Das passiert heute genauso.
„Schönes Leben“ (1990) wurde vom St. Ingberter Conte-Verlag kürzlich neu aufgelegt. Das Buch sollte verfilmt werden! Was halten Sie von der Idee?
Ja, das wäre toll – wenn es gut gemacht ist!
Die Charaktere sehe ich vor mir.
Das freut mich, aber das ist natürlich alles erfundenes Zeug – außer die Kindererlebnisse.
„Mitten im Schreiben kamen Max Zweifel an der Vertretbarkeit der Mixtur von Dichtung und Wahrheit“, heißt es in „Schönes Leben“. Zweifelt die Schriftstellerin Ulrike Kolb auch manchmal auf diese Art?
Manchmal ja. Ich bin sehr vorsichtig, mich in die Seele eines Holocaustüberlebenden hineinzuversetzen, das empfinde ich als anmaßend.
Für die Erzählung „Eine Liebe zu ihrer Zeit“ haben Sie die Ich-Perspektive eines Mannes gewählt.
Das wurde mir vorgeworfen (lacht).
Nein, ich werfe nichts, ich frage: Was reizte Sie daran?
Ich denke, in erotischen Dingen wissen die Frauen mehr über Männer, als die Männer über Männer wissen – die Frauen haben Sex mit Männern. Deswegen fand ich das interessant. Berühmte männliche Autoren haben sich in weibliche Personen hineinversetzt – denen hat man nie einen Vorwurf gemacht.
Ich habe Ihnen keinen Vorwurf gemacht.
Nein, (lacht) ich weiß.
Wenn Sie auf Ihre schriftstellerischen Veröffentlichungen, die Romane und Erzählungen, blicken: Welche erscheint Ihnen besonders wichtig?
„Schönes Leben“ liegt mir besonders am Herzen … ach, alle! Als ich „Schönes Leben“ jetzt noch einmal gelesen habe (ausgelöst durch die FORUM-Interview-Anfrage; Anm. d. Red.): Dieser Roman liegt mir doch sehr am Herzen.
Welche Bedeutung messen Sie dem Kunstpreis des Saarlandes bei?
Eine sehr große Bedeutung. Ich habe mich unglaublich gefreut.