Beim Autokauf muss ein Ehepaar besser harmonieren als eine Koalition
Beim Kauf eines neuen Autos machen wir uns natürlich schon etwas mehr Gedanken als vor dem Ankreuzen des Wahlzettels. Schließlich fahren wir unser Auto auch länger, als in letzter Zeit die Bundesregierungen halten! Als gut funktionierendes Ehepaar haben wir vor der Kaufentscheidung unsere Prioritäten natürlich in einem monatelangen Prozess demokratisch abgestimmt: Da wir uns auf ein einziges Fahrzeug beschränken wollten, sollte unser „Neues“ jedem gleichermaßen gefallen und zum jeweiligen Fahrprofil passen.
Zuerst war der Hersteller zu klären: Lange schwankten wir zwischen der bayerischen Lieblingsmarke unserer cabrio-affinen Frau und dem von uns favorisierten schwäbischen Stern-Mobil, bis irgendwann eine demokratische Ideallösung feststand. Anschließend wurde vor allem die Farbe ausgiebig diskutiert. Ein gebremstes Klingbeil-Rot hätte den weiblichen Geschmack voll getroffen, während ein schwaches Merz-Schwarz eher unserem zurückhaltenden Charakter entsprochen hätte. Auch hier wurde schnell und ohne Nachtsitzung eine akzeptable Einigung erreicht. Da könnte sich unsere Regierung mal ein Beispiel nehmen!
In der Familie wurde dann leidenschaftlich das Für und Wider von „rein elektrischem“ und mildem Hybrid-Antrieb gegeneinander abgewogen, wobei die Schwierigkeit auftrat, stets die Unkalkulierbarkeit politischer Vorgaben und sich widersprechende Expertenmeinungen vorausahnend einzubeziehen. Zum Glück haben sich aber unsere familieninternen Positionen letztendlich so lange angenähert, bis die Einigung da war.
Zur Lösung von Transportproblemen hielten wir eine Anhängerkupplung für unverzichtbar. Unsere Frau hätte dagegen lieber eine Sitzheizung gehabt, weil sie „keine Lust hat, sich im Winter irgendwelche rückwärtigen Körperteile abzufrieren“. Beide Wünsche zusammen zu erfüllen, ließ sich leider mit unserem Budget nicht darstellen, dennoch haben wir schließlich eine für alle gesichtswahrende Lösung gefunden.
Unsern beidseitigen Wunsch, endlich durch intelligente Fahrassistenzsysteme beim Chauffieren unterstützt zu werden, mussten wir nach einigen Probefahrten sang- und klanglos aufgeben. Andauernd hat es irgendwo gepiepst, blinkten irgendwelche Lämpchen auf und wurde uns rigoros ins Lenkrad gegriffen, ohne dass wir uns wirksam dagegen zu wehren vermochten. Solche Hilfen konnte zwar jeder Fahrer dank moderner Technik nach eigenem Gusto um- oder abstellen, aber die individuelle Programmierung ging leider bei jedem Fahrzeugneustart wieder auf die Werkseinstellung zurück. Einsteigen und einfach losfahren: Das war vielleicht früher mal! Friedrich Merz kann ja auch nicht einfach mal losregieren.
Da unsere Frau beim Ausparken vorm Supermarkt gerne erkennen möchte, wer ihr im letzten Moment mit dem Einkaufswagen vors Heck fährt, schlossen wir uns ihrem Wunsch nach einer Rückfahrkamera an, auch wenn wir dadurch auf das von uns ersehnte Zwölf-Boxen-Soundsystem verzichten mussten. Ganz klar, dass für solche Nachgiebigkeit im Laufe der Konfiguration noch eine Kompensation her musste. Schließlich sind wir ein Ehepaar und kein politisches Zweckbündnis.
Was lange währt, wird endlich gut. Unser neues Auto steht jetzt vorm Haus und wir sind glücklich mit diesem späten Familienzuwachs, den wir bis ins kleinste Detail geplant und abgestimmt haben. Allerdings ist es weder ein schickes BMW-Cabrio noch ein stattlicher Benz geworden, sondern ein geldbeutelschonender Mittelklasse-VW. Weder ist es ein E-Auto noch ein Hybrid, sondern „zum letzten Mal!“ ein stinknormaler Benziner. Statt Sitzheizung und Anhängerkupplung haben wir uns auf ein Panorama-Schiebedach geeinigt und als Ersatz für unser nicht durchsetzbares Soundsystem konnten wir ein Not-Rad heraushandeln. Bleibt noch zu ergänzen, dass es bei der Farbe als demokratischer Kompromiss zwischen Zartrot und gebremstem Schwarz schließlich ein unverdächtiges Kompromiss-Weiß wurde.
Immerhin haben wir damit bewiesen, dass wir als alterndes Ehepaar beim Verkehr weiterhin relativ einvernehmlich unterwegs sind.