Luis Diaz ist der teuerste und prominenteste Neuzugang in der Fußball-Bundesliga. Doch sein Transfer spaltet auch die Experten. Und schon nach ganz wenigen Spielen für den FC Bayern München gab es eine Menge Lob und Kritik.
Positionsbezogen ist Luis Diaz beim FC Bayern München ja eher der Nachfolger von Leroy Sané. Geht es um den Namen, tritt er aber eher in die Fußstapfen von Thomas Müller. Der Weltmeister von 2014, der die häufigste Namenskombination Deutschlands trägt, hat den FC Bayern wie Sané in diesem Sommer verlassen. Doch auch Luis Diaz trägt für den spanischen Sprachraum einen Allerweltsnamen. Alleine bei Wikipedia sind in allen Kombinationen Einträge zu nicht weniger als 16 Personen namens Luis Diaz verzeichnet. Darunter ein Tangomusiker aus Uruguay, ein Maler aus Guatemala, ein Sänger aus Kuba, ein Rennfahrer und ein Tennisspieler aus Mexiko und auch schon Fußballer aus Costa Rica, Mexiko, Chile und Uruguay. Bei Letzterem handelt es sich übrigens um den als Luis Suarez bekannt gewordenen Stürmer, der unter anderem in Liverpool und Barcelona spielte und als „Beißer“ nach einigen Knabberattacken auf dem Feld zu zweifelhaftem Ruf gelangt war. Er heißt mit vollem Namen Luis Alberto Suárez Díaz.
Der dritte Kolumbianer bei den Bayern
Und er teilt den Spitznamen „Lucho“ mit jenem Mann, um den sich dieser Artikel dreht: mit Luis Fernando Díaz Marulanda, dem dritten kolumbianischen Fußballer beim FC Bayern nach Adolfo „El Tren“ Valencia und James Rodríguez.
Als die Bayern den 28-Jährigen nach langem Hin und Her für fast 70 Millionen Euro verpflichteten, gab es direkt unterschiedliche Reaktionen. Die einen freuten sich über einen echten Superstar des Weltfußballs, der beim Meistertitel des FC Liverpool im Vorjahr immerhin zweitbester Scorer war. Die anderen mahnten, er sei mindestens zu teuer für sein Alter. Denn ein absoluter Megastar sei er eben nicht. Weshalb Liverpool zwar eine stattliche Ablösesumme gefordert hat, aber offenbar nur begrenzte Anstalten gemacht hat, ihn zu halten.
Die Deutsche Fußball Liga verkündete nach dem Transfer mit Strahlkraft nicht nur nach Südamerika feierlich: „Luis Diaz ist der neue Fixpunkt auf dem linken Flügel des FC Bayern. Mit Michael Olise könnte er eine der besten Flügelzangen Europas bilden.“ TV-Experte Dietmar Hamann, als Spieler mit einer Bayern- und einer Liverpool-Vergangenheit, sagte dagegen dem Portal „heute.at“: „Diaz ist ein sehr guter Fußballer, aber was die Bayern machen, ist kein Geschäftsmodell. Einen 28-Jährigen um dieses Geld zu holen, ihm dann noch mehr Gehalt zu zahlen, als er in England verdiente? Liverpool lacht.“
Und wie wechselhaft die öffentliche Meinung im Fußball und vor allem rund um den FC Bayern ist, erfuhr Diaz dann auch sehr schnell. Nachdem er schon beim 2:1 im Supercup gegen Stuttgart getroffen hat, wurde Diaz spätestens nach dem 6:0 der Bayern zum Liga-Auftakt gegen RB Leipzig allerorts gefeiert. Das Fachmagazin „kicker“ gab ihm die Note 1,5 und schrieb nach einem Tor und zwei Vorlagen von einem „gelungenen Einstand“. Diaz habe als „ständiger Unruheherd brilliert“ und sei „überall zu finden gewesen“. Sky-Kommentator Frank Buschmann jubelte nach Diaz’ Treffer: „Der Abschluss ist schmackofatz, das ist wirklich großartig, zum Mit-der-Zunge-schnalzen. Und besser kann ein Bundesliga-Debüt nicht verlaufen.“ Bayern-Sportdirektor Christoph Freund erklärte schon in der Halbzeitpause: „Er fügt sich super ein. Er ist sehr intensiv unterwegs. Er sprüht vor Energie und Spielfreude. Er hat einfach Bock, Fußball zu spielen.“ Und aus dem Ausland schrieb die spanische „Sport“: „Bayern lag mit Luis Diaz genau richtig. Diaz’ Verpflichtung ließ zunächst Fragen offen. (…) Der Kolumbianer beantwortete diese Zweifel im Handumdrehen.“
Glasklare Chancen vergeben
Besonders war bei dem Einstand, dass Diaz bei seinem ersten Torschuss in der Bundesliga getroffen hatte. Das grenzte ihn auch ab von seinem Vorgänger Sané, jenem hochbegabten Flügelspieler, dem sie in fünf Jahren in München immer wieder den Spagat zwischen Welt- und Kreisklasse und eben vor allem mangelnde Effizienz vor dem Tor vorwarfen.
Doch die beiden Spiele nach dem Tor-Festival gegen Leipzig gewannen die Münchener jeweils nur mit 3:2. Zuerst verspielten sie im DFB-Pokal beim Drittligisten SV Wehen Wiesbaden ein 2:0 und gewannen erst durch einen Treffer von Harry Kane in der Schlussminute. In Augsburg ließen sie den FCA nach einer scheinbar beruhigenden 3:0-Führung noch mal am Unentschieden schnuppern. Der Grund dafür, dass der Rekordmeister in beiden Spielen unnötig zittern musste, lag vor allem an der mangelnden Chancenverwertung. Und wenn diese von den Medien wie auch den Bayern selbst angesprochen wurde, durfte und musste Diaz sich durchaus explizit angesprochen fühlen.
Das Kuriose: In beiden Spielen hätte der Kolumbianer die Münchener nach wenigen Sekunden in Führung bringen können. In beiden Fällen vergab er glasklare Chancen, einmal nach zehn und einmal nach 21 Sekunden. Vor allem die Gelegenheit in Augsburg sorgte für Gespött, weil sie so gar nicht nach einem 70-Millionen-Mann aussah. Nach einer Hereingabe von Olise hätte Diaz den Ball mit der Innenseite aus zwei Metern ins leere Tor schieben können. Doch er traf ihn mit dem Außenrist, und der Ball versprang. Ran.de schrieb von einer „kompletten Slapstick-Einlage“. Und auch am Sky-Mikrofon war von „Schmackofatz“ keine Rede mehr. „Da war es schwieriger, den vorbeizuschießen, als ihn reinzumachen. Das war kläglich“, sagte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus als Experte. Und Kommentator Wolf-Christoph Fuss erläuterte, dass „der Expected-Goal-Wert bei dieser Aktion bei 0,8 gelegen“ habe. Das heißt: Statistisch fällt in einer solchen Aktion in acht von zehn Fällen ein Tor. „Das ist höher als bei einem Elfmeter“, führte Fuss aus: „Und das ist nachvollziehbar, weil Augsburgs Torwart schon aus dem Spiel genommen war.“ Bei Strafstößen liegt der xG-Wert tatsächlich bei 0,77.
Keine Offensiv-Diva
Diaz hatte inzwischen nach vier Pflichtspielen mit den Münchenern fünf Scorer-Punkte auf dem Konto. Aber in Wiesbaden hatte er bei fünf Torschüssen gar nicht getroffen, in Augsburg bei sechs Versuchen nur einmal. Und schnell erahnten viele ein Grundsatzproblem. „Ist Luis Diaz gar nicht besser als Sané?“, fragte Sport1. Der große Bayern-Blog „FCBInside“ fragte: „Chancentod Diaz?“ Und der „kicker“ schrieb von einem „merkwürdigen Start“. Diaz sei „innerhalb von einer Woche zum Sinnbild für die klägliche Chancenverwertung“ geworden.
Doch was ist denn nun das richtige Bild von Luis Diaz? Oder ist er beides? Und damit eben doch etwas wie „Sané 2.0“ wie ran.de fragte? Trainer und Kollegen nahmen den neuen Topstar aber in Schutz. Weil Diaz ähnlich wie Kane keine Offensiv-Diva ist, die sich nur bedienen lässt. Sondern weil er sich die Chancen durch Fleiß und Einsatz auch erarbeitet. „Es ist nicht so, dass es jedes Mal seine Kollegen sind, die alles für ihn vorbereiten“, stellte Trainer Vincent Kompany heraus: „Er erarbeitet sich viele dieser Chancen selbst, weil er immer aktiv ist. Wie kann man es jemandem vorwerfen, wenn er sich immer wieder in diese Position bringt?“ Außerdem seien die Spiele ja gewonnen worden, und „mir ist wichtiger, dass er in den richtigen Momenten ein Tor schießt als fünf in einem Spiel – und dann fünf Monate nichts mehr. Er ist immer dabei, immer gefährlich, und wir freuen uns auf seine Energie.“
Und Diaz hat Durchsetzungsvermögen, das hat er alleine schon im Leben bewiesen. In einem Porträt über ihn schrieb der südamerikanische Fußball-Verband Conmebol, dass er in einer indigenen Wayuu-Familie auf einem kleinen Campingplatz im Schatten der Sierra Nevada aufgewachsen ist. Mit 17 sei er entdeckt worden, er sei aber sehr unterernährt gewesen, weswegen viele doch an einer großen Karriere zweifelten. Als er dann 2021 gemeinsam mit Lionel Messi Torschützenkönig bei der Copa América wurde, schrieb die Conmebol: „Es war eine unglaubliche Reise von den staubigen Feldern rund um seine Siedlung.“ Deshalb sei seine Geschichte ein Märchen: „Luis Diaz lädt dazu ein zu träumen und zu glauben, dass es keine unüberwindbaren Hindernisse gibt, wenn man groß denkt.“
Und wer so denkt und solche Hindernisse überwunden hat, den werden ein paar vergebene Chancen in Wiesbaden oder Augsburg nicht aus der Spur werfen.