Wer Costa Rica von seiner unbekannten Seite entdecken will, reist an die Pazifikküste. Auf der Karibikseite des kleinen mittelamerikanischen Landes können Reisende bei einem Besuch eines indigenen Reservats in die Lebenswelt der Ureinwohner eintauchen.
Lkw mit Bergen grasgrüner Bananenstauden brummen laut an uns vorüber. Dann erscheint die regenwaldgesäumte Ruta 32 für ein paar Augenblicke wieder leer und still. Seit ihrer Fertigstellung 1987 ist die „Carretera Braulio Carrillo“ die einzige Straße, die vom Zentrum Costa Ricas und der Hauptstadt San José bis zur Karibikküste führt.
Die Fischerdörfer dort mit ihren traumhaft schönen Stränden entwickeln sich allmählich zu begehrten Urlaubsorten. Puerto Viejo de Talamanca etwa lockt vor allem anspruchsvolle Surfer an. Zwischen Januar und März erzeugt sein hohes Riff spektakuläre, schwer brechende Wellen wie die Salsa Brava – wörtlich: „Wilde Soße“.
Für das entspannte Flair einschließlich Reggae-Sound und Beach Bars sorgen insbesondere die afrikanischstämmigen Bewohner des Dorfes. Zum Bau der Eisenbahn waren ihre Vorfahren im 19. Jahrhundert aus Jamaika gekommen. Als billige Verpflegung der Arbeiter dienten damals Bananen, die man großflächig anbaute und damit zugleich den folgenschweren Grundstein für riesige Monokulturen legte. Noch heute gehört Costa Rica weltweit zu den größten Bananenproduzenten.
Wieder mal hält Jorge Luis Madrigal Godinez plötzlich an. Was nur hat unser aufmerksamer Guide und Fahrer jetzt entdeckt? Die Kameras im Anschlag, stöbern wir am Fahrbahnrand im dichten Tropengrün. Es reicht vom Boden bis hinauf ins dichte Blätterdach. Na, wo sitzt das Faultier diesmal? Oder gibt es einen Tukan oder Brüllaffen zu sehen? Nein, es geht um ein Insekt. Und was für eins! Jorge freut sich über unsere verblüfften Blicke. Der Grund: Auf einer Astgabel in Augenhöhe thront ein Elefantenkäfer – völlig harmlos, aber in der Größe eines Maulwurfs.
Costa Rica gilt als fortschrittlich
Schon in den ersten Reisetagen durch das artenreiche Land haben wir gelernt: Niemand muss in Costa Rica nach der Wildnis suchen. Denn noch ist sie fast überall und immer da, auch wenn sich die Plantagen – zumeist für Ananas, Bananen und Kaffee – beharrlich in die Wälder fressen. Auch uns begleitet sie auf Schritt und Tritt – ob bei der Wanderung zu den Vulkanen Arenal und Irazú, beim Kayaking auf den Kanälen Tortugueros oder beim Schnorchelabenteuer im Korallenriff von Manzanillo.
Am Rand des Regenwalds und dennoch mitten in der Wildnis liegt unser nächstes Ziel: Watsi, ein Dorf der Ureinwohner Bribri. Ihr Volk zählt heute nur noch 35.000 Angehörige. Es ist die größte der acht indigenen Ethnien in Costa Rica, das seinen multikulturellen Status 1993 in der Verfassung verankerte.
Das kleine demokratische Land zwischen Nicaragua und Panama, das 1948 sein Militär abschaffte und seitdem stattdessen mehr in Bildung und Gesundheit investiert, gilt als eines der fortschrittlichsten in Lateinamerika. Die mit Abstand meisten hier lebenden Menschen sind europäischer Abstammung. Acht Prozent haben afrikanische, einige auch asiatische Wurzeln.
Lediglich zwei Prozent – rund 100.000 – sind Ureinwohner. 24 indigene Territorien (sieben Prozent des Staatsgebiets) wurden ihnen seit den 1970er-Jahren zugesprochen. Allerdings lebten und leben dort oft ebenfalls seit Langem andere Costa-Ricaner. Bis in die Gegenwart sorgt das für zahlreiche Konflikte.
Wie aus einer aktuellen Studie der Menschenrechtsorganisation International Work Group for Indigenous Affairs (IWGIA) hervorgeht, sind die ausgewiesenen Gebiete noch immer größtenteils von Nicht-Indigenen bewohnt, etwas mehr als zur Hälfte auch im Bribri-Reservat Kéköldi. Mittendrin: das Dörfchen Watsi.
Rund um seine Häuser mischt sich Landwirtschaft mit Dschungel quer durch den Gemüsegarten. Im Schatten hoher Bäume reifen Früchte aller Art, darunter auch die Allerwichtigste: der heilige Kakao. „Er ist Symbol für Leben, Blut und Weiblichkeit“, weiht uns Don Catato ein. Der 64-jährige Awápa oder Medizinmann hat zugleich das Amt des Ortsvorstehers inne. Die eigentlichen Chefs im Dorf sind jedoch die Bribri-Frauen.
Im Glauben ihres Volkes schuf der höchste Gott Sibú aus Maiskörnern die ersten Menschen und heiratete Tsuru’, die Göttin des Kakaos. Nur Frauen, die allein das Land besitzen und von denen abhängt, zu welchem Clan ein Kind gehört, dürfen seine Bohnen rösten, mahlen und Schokolade daraus zubereiten. Indem sie ihnen das heilige Getränk reichen, bestimmen sie auch über Wohl und Weh der Männer. Denen obliegen Jagd und Schutz, Landarbeit und Hausbau. Mit der Natur sind alle eng verbunden. „Sie ist unser Lebensraum, Nahrungs- und Rohstoffquelle“, sagt Catato López López.
Bei einem Streifzug durch den Wald verrät der Clanchef und Naturgelehrte, welche Pflanzen sich zum Heilen, Würzen oder Färben eignen. Wie wir schon wissen, fallen viele Lebewesen in der warmen, feuchten, nährstoffreichen Tropenwelt durch ihre Riesen- oder Zwergenhaftigkeit, andere durch grelle, bunte Farben auf. Die winzigkleinen Sonderlinge aus dem Reich der Lurche, die er uns nun vorstellt, zählen dazu.
Neongrün, auch leuchtend gelb, rot oder blau und schwarz gemasert, hocken sie in Blüten und auf Blättern – kaum größer als bei uns die Hummeln. Obwohl sie alle Pfeilgiftfrösche heißen, verfügen von den 170 Arten nur vier über das lähmende bis tödliche Sekret. Von ihnen selbst wird es jedoch nicht produziert. Sie filtern es aus ihrer Nahrung: toxischen Milben, Spinnen und Insekten.„Das Gift der Frösche und vor allem das von Pflanzen nutzten wir in der Vergangenheit beim Jagen“, sagt Catato und holt seine alten Blasrohrpfeile aus dem Schrank. Auch eine Lockpfeife für Vögel findet er. Es ist die braune Samenkapsel von Entada gigas. Wegen ihrer Form und dem Vermögen, sich auch schwimmend zu verbreiten, nennt man die hübsche Saat genauso wie die ganze Kletterpflanze „Herz des Meeres“. Ihren bis zwei Meter langen Hülsenfrüchten verdankt diese Lianenart die Scherzbezeichnung „Affenleiter“. Als wollten sie uns zeigen, dass sie gar keine Kletterhilfen brauchen, geben uns zwei flinke Kapuzineräffchen eine Kostprobe ihres sportlichen Talents.
Dagegen fast bedächtig, doch nicht weniger geschickt, bewegt sich der Brüllaffe, den wir in einer Baumkrone im Nachbardorf erspähen. Meist zur Dämmerung, besonders morgens, machen die Primaten ihrem Namen alle Ehre. Bis fünf Kilometer weit schallt ihr ohrenbetäubendes, tiefes, raues Röhren oder Bellen. Doch der Vertreter über uns widmet sich schweigend und in aller Ruhe seiner Blattmahlzeit. Nur Papageien, Singvögel und Hühner sind zu hören.
Nicht nur auf Geräusche, sondern momentan auch auf jegliche Bewegung verzichtet das Geschöpf im nächsten Busch. Auch wenn er nicht so aussieht: Es ist ein Grüner Leguan. Die bräunlich-graue Färbung seines urzeitlichen Stachel-Schuppen-Kleides wie auch die respektable Größe verraten uns das zunehmende Alter. Erwachsene Männchen kommen inklusive Schwanz auf Körperlängen von über zwei Metern.
Wieder mehr Reptilien im Land
Traditionelle Jagd der Ureinwohner hat sie nie gefährdet. Doch weckten ihre attraktive Haut sowie ihr zartes Fleisch, dem sie den Namen green chicken oder chicken of the trees – Grüne oder Baumhühner – verdanken, zunehmend kommerzielle Interessen. Unkontrolliertes Töten und Eingriffe in ihren Lebensraum durch Landwirtschaft und Industrie bedrohten noch vor etwa 20 Jahren den Fortbestand der Art. Dass diese friedlichen und pflanzenfressenden Reptilien wieder häufig anzutreffen sind in Wald und Flur von Costa Rica, ist ein Verdienst der Bribri.
Këswar Mayorga, ein junger Angehöriger des indigenen Volkes, erinnert sich: „Als Kind sah ich nur selten Leguane. Eine Zeit lang schien es, dass sie aussterben.“ Dann aber rief man im Kéköldi-Reservat das Leguan-Projekt ins Leben und züchtete die Echsen systematisch unter Farmbedingungen. Këswars Familie und das ganze Dorf waren beteiligt.
„Wenn die Tiere groß und kräftig genug waren, brachten wir sie in die Wälder und wilderten sie aus. Mehr als 60.000 waren es über die Jahre“, berichtet der heute 32-Jährige und zeigt uns einen Grünen Leguan, der erst ein halbes Jahr alt ist und deshalb noch tatsächlich leuchtend grün. Mit ihm und ein paar Artgenossen mehr hält Këswar die Farm am Leben, auch wenn sie ihre Aufgabe zur Arterhaltung schon erfüllt hat.
Der Besuch dieser Station bringt den Touristen nachhaltig ein Stück Kultur der Ureinwohner näher – genauso wie die Dorfrundgänge mit dem Medizinmann, geführte Wanderungen und Kakao-Erlebnis-Touren. Damit schaffen sich die Bribri nicht nur Arbeitsplätze, sondern investieren in die Natur.
In Manzanillo, 15 Kilometer weiter, unterstützt das Reservat ein Schutzprojekt für seltene Soldatenaras. Die Vögel werden dort gezüchtet und behutsam auf das Leben in der Freiheit vorbereitet. Dank „Ara Manzanillo“ ist der Bestand der großen grünen Papageien allein in Costa Rica um 30 Prozent gewachsen, weltweit um zehn Prozent.